Von der Fahrt des Gleiters bemerkte Giri nicht das geringste, da er Fluchtpläne schmiedete. Daß ein Entweichen dringend nötig war, bezweifelte er keine Sekunde; für ihn sah es ganz so aus, als planten die Distributionisten, ihn zu entführen und an passender Stelle in ein besseres Leben zu transportieren.
Ein Blick auf die Uhr zeigte dem wütenden Giri, daß die Fahrt nun schon fast eine halbe Stunde dauerte. Endlich stoppte das Fahrzeug; kurz darauf öffnete sich die Tür, und Giri sprang mit einem gewaltigen Satz ins Freie. Seine Fluchtabsicht gab er sofort auf, als er die anderen Männer auf dem großen Parkplatz sah – wenigstens hundert Augenpaare starrten ihn an. »Wenn es denn sein muß«, murrte Giri fatalistisch. Mit hängenden Schultern folgte er seinen Bewachern durch ein Labyrinth von Gängen und Büros. Die Distributionisten schienen eine beträchtliche Organisation aufgebaut zu haben – eine Verschwörerzentrale dieser Größe war jedenfalls außerordentlich. Vor einer Tür blieb der kleine Trupp schließlich stehen; einer der Männer trat vor, öffnete und bat Giri mit einer Handbewegung, einzutreten.
»Setzen Sie sich, bitte!« wurde Giri aufgefordert.
»Nein!« sagte er entschlossen. »Jedenfalls so lange nicht, wie ich nicht weiß, was dieses Theater zu bedeuten hat. Man hat mich entführt, wie einen Schwerverbrecher abtransportiert, und der prachtvollen Drehlampe entnehme ich, daß Sie mich jetzt wohl verhören wollen.«
»Nicht doch!« wehrte der Mann hinter dem Schreibtisch ab. »Ihre sogenannten Entführer waren natürlich nicht ganz die richtigen Leute, Sie abzuholen – für ihren Stilmangel bitte ich um Verzeihung!«
Giri sah den Mann eine Zeitlang zweifelnd an, dann setzte er sich widerwillig.
»So ist es schon besser«, meinte sein Gegenüber; für einen Morconen hatte er eine absonderlich braun gefärbte Haut, fiel Giri auf. Vielleicht …
»Durchaus richtig«, sagte der Mann lächelnd. »Ich war tatsächlich einige Zeit mit irdischen Schiffen im Raum – eine faszinierende Sache. Daher auch die Tönung meiner Haut.«
Im stillen bewunderte Giri das Einfühlungsvermögen des Mannes, dann fiel ihm ein, daß wahrscheinlich jeder Besucher zunächst auf die Hauttönung achtete – dunkelhäutige Morconen fielen sofort auf.
»Ich will gleich zum Thema kommen«, sagte der Mann, der es bisher vermieden hatte, sich vorzustellen. »Sie sollen zusammen mit diesem Herrn einen kleinen Ausflug machen.«
Er drückte einen Knopf, und eine Wand im Hintergrund des Raumes verschob sich; im Rahmen erschien ein Erdmensch, der sofort auf Giri zuging.
»Abraham DeLacy«, stellte sich der Terraner vor. »Meine Freunde nennen mich Spooky.« Freundschaftlich schlug er Giri auf die Schulter mit einer Wucht, daß der Wissenschaftler fast vornüber gestürzt wäre.
Giri erlaubte sich, mit ähnlicher Wucht zurückzuschlagen, und der Terraner krachte zunächst einmal gegen die Wand. »Giri bel Tarman«, sagte der Wissenschaftler freundlich. »Es freut mich, Sie kennenzulernen.«
Der Terraner rieb sich die schmerzende Schulter und nickte anerkennend.
»Ich wäre Ihnen dankbar«, sagte er mit einer rauchigen Baßstimme, »wenn Sie künftig entweder gar nicht schlagen – oder aber sofort tödlich.«
»Ich werde mich bei passender Gelegenheit an Ihren Wunsch erinnern«, meinte Giri und musterte den Terraner.
Ein Zwerg von höchstens einhundertachtzig Zentimetern nach irdischem Maß, schätzte er. Gewicht bei annähernd neunzig Kilogramm – der Mann mußte bald am eigenen Fett ersticken. Bürstenhaarschnitt, Farbe rostig Rot; Augen hellblau, umrahmt von einer ansehnlichen Kollektion von Sommersprossen. Ein Frauenheld war er sicher nicht – bei der Figur.
»Begutachtung beendet?« fragte Spooky, der Giri mit gleicher Sorgfalt taxiert hatte. »Können wir zur Sache kommen?«
»An mir soll es nicht liegen«, meinte Giri; der Terraner war zwar ein anatomisches Monstrum, aber vielleicht fand Giri ihn schon deshalb sehr sympathisch.
»Ich muß noch erwähnen«, mischte sich der dritte Mann ein, der dem Dialog der beiden mit großem Interesse gefolgt war, »daß Mister DeLacy Spezialagent des Terrestrischen Raumsicherheitsdienstes ist.«
»Mit Auszeichnungen!« behauptete der Terraner und deutete auf seine linke Brust. Giri konnte nichts erkennen, außer acht untereinander angeordneten Spangen, auf denen sich farbige Bändchen drängten.
»Ich kann Ihnen noch nicht sagen«, nahm der Morcone den Faden wieder auf, »was Ihre Aufgabe sein soll. Ich möchte Sie jedenfalls bitten, mit diesem Herrn und zwei Damen eine Reise zu machen. Bei der Ankunft werden Sie erfahren, was Sie zu tun haben – wir werden die Informationen blockhypnotisch verankern.«
»Und meine Arbeit?« wandte Giri ein.
»Wir werden für Sie schon einen Ersatz finden«, wurde er beruhigt. »Wenn das stimmt, was wir vermuten, ist diese Aufgabe wesentlich wichtiger als Ihre bisherige Arbeit.«
Mit einem Kopfnicken gab Giri sein Einverständnis.
»Auf denn«, sagte Spooky laut; er hob die Hand, sah kurz auf Giris Schultern, dann ließ er von seinem Vorhaben ab. »Boxmanager müßte man sein«, murmelte er, während er hinter Giri den Raum verließ.
Spooky hatte das Schiff KILT getauft. Es war ein ehemaliges Pendlerfahrzeug, das bestenfalls für mittlere interplanetarische Reisen taugte.
»Ein feines Boot«, meinte DeLacy anerkennend, nachdem er einen Blick in den Maschinenraum geworfen hatte. »Alle Anlagen sind sorgfältig überholt.«
Er sah sich kurz im Cockpit um und gab ein zufriedenes Brummen von sich. Aus der Brusttasche seiner Uniform holte er die Bandkassette mit den Kursdaten heraus und fütterte den Steuercomputer mit den Werten. »Jetzt fehlen nur noch die Damen«, meinte er händereibend; er sah an sich herab, überlegte kurz und sagte dann nachdenklich: »Ich glaube, ich werde mich etwas aufhübschen.«
Mit diesen Worten verschwand er in Richtung Bad. Als er zehn Minuten später in den Aufenthaltsraum zurückkehrte, ließ Giri den Nachrichtenausdruck fallen, in dem er geblättert hatte. Abraham DeLacy hatte sich für Tennisschuhe, Kordjeans und eine brandrote Seidenbluse entschieden; zudem roch er wie der Lagerraum einer Parfümerie. Unwillkürlich begann Giri zu grinsen, doch dann fiel ihm ein, daß erstens die Sitten auf der Erde sich von denen auf Morcos unterschieden und daß zweitens dem unförmigen Erdmenschen wohl nichts anderes übrigblieb als chemische Kampfstoffe, wollte er seinen Beitrag zur Arterhaltung leisten.
»Aah!« machte Spooky seiner Freude Luft. »Die Damen kommen.«
Giri hatte gar nicht auf die Kontrollampe geachtet, deren Aufflammen die Öffnung der Schleuse anzeigte. Unbewußt nahm er eine Imponierhaltung an und setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf. Sein Gesicht gefror förmlich, als sich die Schiebetür öffnete und die Erdfrau in den Raum trat.
Sie war noch um gut eine Handbreit zwergenhafter als Spooky; ihr Haar war schwarz wie der Weltraum und so lang, daß es ihr beim Essen wahrscheinlich in die Suppe fiel. Normal waren lediglich die dunklen Augen. Was die körperlichen Abmessungen betraf, so mußte Giri ein würgendes Hüsteln unterdrücken. Nach terranischem Maß neunzig – siebzig – neunzig, so schätzte er grob. Was ihn fast noch mehr befremdete, war der starre Gesichtsausdruck des Terraners, der die Frau mit seinen Blicken förmlich sezierte und dazu merkwürdig pfiff. Immerhin schien auch ihm der Atem auszugehen.
»Teufel auch!« entfuhr es Spooky.
»Ihr Name?« fragte die Frau verwundert. »Ich heiße Danielle Velleur.«
»Abraham DeLacy«, antwortete Spooky. »Und dieser Mensch ist Giri bel Tarman.«
Danielle kam nicht dazu, ein paar einleitende Worte zu sagen; hinter ihr tauchte ein für Giri wohlbekanntes Gesicht auf – Sirghia. Befremdet nahm der Wissenschaftler zur Kenntnis, daß auch der Terraner von den Vorzügen der jungen Frau nicht unbeeindruckt blieb. Sein Blick verriet, daß er von der Morconin fasziniert war.