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Ich war ergrimmt über diese Unnatur des Schusters, und in meinem Grimm mußte ich die Resignation des Pariser bewundern. Wäre dieser Fall in den höchsten oder in den Mittelständen vorgefallen, der Amoroso hätte sich erstens entweder mit seinem durch die Verhältnisse begünstigten Nebenbuhler schießen wollen oder zweitens, er hätte gewütet, seiner Geliebten das Leben verbittert, ihr geflucht, gedroht, sich zu erschießen und erst auf ihr inständiges Bitten sich das Leben geschenkt oder drittens, er wäre ins Wasser gesprungen oder viertens, er wäre tiefsinnig geworden, und dieses letzte ist das allgemeinere. Nicht so der Pariser. Er sieht sein Unglück voraus, er könnte zur Not einen dummen Streich machen; aber das Glück und die Ehre der Geliebten ist ihm teurer - er liebt und vergißt sein Unglück, bis es da ist, und dann schnallt er den Ranzen und wandert traurig durch das Reich. Man wird sagen: er hat nicht jenes tiefe Gefühl, nicht jene feinere Bildung, die zur wahren Liebe und zum tieferen Schmerz der Liebe gehört. Kann man glauben, daß ein Schustergeselle so innig lieben könnte als ein Dragonerleutnant oder ein Legationsrat oder gar als ein junger Doktor? Kleinliche Torheit, die du auch hier wieder die Gefühle nach den Ständen abmessen willst! Die Äußerungen dieses armen Burschen sind erhabener als die Rodomontaden hochgeborener Liebhaber; sie zeugen von tieferer Empfindung als eure erlernten und erlesenen Sentiments, und seine Resignation ist edler als euer Toben und Wüten gegen das Schicksal. Er will sich nicht schießen mit seinen Nebenbuhlern wie der Legationsrat, er will sich nicht in seinen eigenen Sonetten ersäufen wie der Doktor, er schließt die Geliebte zum letzten Mal in die Arme, wirft sein Ränzel auf den Rücken, nimmt den Wanderstab und geht. Sein Unglück fühlt er tief, wenn er zum letzten Mal die Türme der Stadt, die er verläßt, aus der Ferne ragen sieht. Aber er denkt, es wandert noch mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt als sein Bündel auf dem Rücken. Er trocknet eine Träne ab und geht. Aber der Dragoner, der Legationsrat und der Doktor? Wenn jener nicht geblieben ist, wenn sich dieser nicht erschoß, wenn der Doktor nicht ertrunken - so gehen sie auch und geben sich zufrieden. Aber freilich, es gehört dazu, daß sie vorher etwas weniges gestöhnt und gejammert hätten. So wollen es die Verhältnisse!

7. Die deutsche Literatur

Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar Doktor Salbe. Er erkannte mich als Nachbar, freute sich, mich zu sehen und lud mich ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich versäumte es nicht. Dr. Salbe ist ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in seiner Gesellschaft. Anfangs war es mir schwer, seiner Einladung in den „Goldenen Hahn“ zum zweiten Mal zu folgen. Diese qualmende Bierstube wollte mir, da ich an diese Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zusagen. Aber ich gewöhnte mich daran, und so mancher Kernwitz, der in dieser Gesellschaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache des Leutnants, die aus allen Wissenschaften zusammengeholten Ausdrücke der jungen Doktoren entschädigten mich für das Äußere. So war es auch in Dr. Salbes Haus. Eine Unordnung, beinahe Unreinlichkeit ohnegleichen. Wenn er mir ein neues Gedicht vorlesen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tisch, denn dorthin hatte sich der Wisch verloren. Einmal erzählte er mir von einem Sonett, an welchem er drei Tage gedreht habe; es sei ganz unübertrefflich, und die Ausgänge tönen wie lauter Italienisch und Spanisch untereinander. Er suchte in allen Ecken, auf allen Tischen, in allen Fächern, es fand sich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zusammengedrehtes, halbverbranntes Papier in die Hand. Er sah es an, er erblaßte, er schlug sich vor die Stirne. „O ihr Götter!“ rief er aus, „mit meinem herrlichsten Sonett hat der verdammte Leutnant Münsterthürmchen seine Pfeife angezündet! Wie hättest du geglänzt, klangvolles Gedicht, in der Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich dich aus meinem miserablen Gedächtnis kompensieren. Du bist ein Torso, und ich soll dir neue Füße einsetzen!“

Trotz dieser schrecklichen Unordnung gefiel es mir wohl bei Salbe. Er hatte eine gewisse gelehrte Atmosphäre, die jeden schlechten, trivialen Gedanken zu ersticken schien. Man konnte sich ganz behaglich in seiner Nähe fühlen; denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopfe und belehrte im Gespräche auf angenehme Weise. Wir sprachen eines Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einflusse auf die Menschen. Ich sagte: „Die Franzosen haben das vor uns voraus, daß alle ihre Geschichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, selbst ihre philosophischen Bücher so geschrieben sind, daß sie jeder lesen kann. Die Werke ihrer größten Geister sind unzählige Male als Stereotypen gedruckt. Ich habe oft auf meinen Reisen gesehen, daß ein geringer Handwerker, ein Soldat, selbst ein Bauer, seinen Voltaire, seinen Rousseau las. Dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich gesteigert, daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer so ungeheuer wirken, nicht durch den verschwebenden Schall von der Tribüne - der Einzelkampf richtet dort wenig aus, wo man in Massen kämpft -, sondern durch die Verbreitung dieser Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere Bürger, der Landmann liest begierig diese Reden. Seine Lektüre hat ihn vorbereitet, das Wahre von dem Falschen zu sondern, und ich versichere Ihnen, ich habe diese Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes sprechen hören, die mich in Verwunderung setzte und die ich vergebens selbst in unsern Mittelständen, bei dem Kaufmann, dem Künstler, dem Schreiber suchen würde.“

„Sie machen damit unserem Vaterland und seinen Schriftstellern ein schlechtes Kompliment“, antwortete Dr. Salbe. „Es ist wahr, die eigentlichen Gelehrten bei uns bilden sich eine eigene Sprache; sie konnten sich aus dem früheren lateinischen Jargon nicht gleich in das ehrliche Deutsch finden. Daher kommt es, daß man bei uns außer Plattschwäbisch und Hochdeutsch auch noch Kantisch, Schellingisch, Hegelisch usw. spricht und schreibt. Man muß zu diesen Sprachen eigene Wörterbücher haben, um sie zu verstehen, und es ist kein Wunder, daß man Kant ins Deutsche übersetzt hat.“

„Aber sagen Sie mir um Gottes willen, wozu denn diese Sprachverwirrung? Wie können denn unsere Philosophen auf die Intelligenz des Volkes wirken? Und dazu sind sie ja doch auf der Welt.“

„Im Gegenteil,“ erwiderte Salbe, „da haben Sie eine völlig unrichtige Ansicht. Es mag dies vielleicht bei den französischen Philosophen der Fall sein. Aber bei uns sind die Philosophen nur für das Katheder geschaffen. Sie haben nur das kleine Publikum, das vor ihnen auf den Bänken sitzt, über Sonne, Mond und Sterne und die Erbsünde aufzuklären; sonst haben sie lediglich nichts mit dem Publikum zu tun. Kennen Sie denn nicht den Artikel im Regensburger Reichstagsabschied?“

„Wie? Ein Artikel über die Philosophen? Kein Wort habe ich davon gehört.“

„Man wußte wohl, daß die populäre Philosophie der Franzosen für das Volk durchaus schädlich sei, weil die Menschen dadurch Aufklärung, eine Art illegitimer Vernunft bekommen. Daher hat man sehr weise damals das Gesetz erlassen und heimlich auf allen Universitäten und Gelehrtenanstalten verbreitet: ‚Alldieweilen die, durch die in das für sich schon intelligente Leben so leicht eingreifende Philosophie angesteckten Menschen allzu leicht rebellische sogenannte Ideen bekommen, so sollen die für die auf den zu der Vorbereitung junger Leute errichteten Instituten bestehenden Lehrstühle angestellten Philosophen dahin gehalten sein, daß, wenn sie Bücher schreiben, so in dies Fach einschlagen, diese also abgefaßt seien, daß andere, zu dieser Wissenschaft nicht bestimmte Leute solche gar nicht kapieren können.‘ “