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»Das möchte ich tatsächlich wissen – wie vertäust du eigentlich ein Boot?«

Johann war es gewesen, der gesagt hatte, er wollte das Festmachen übernehmen, damit es ordentlich gemacht werde.

»Ist es nicht sonderbar, daß ein Kind seinem Vater aufs I-Tüpfelchen gleichen kann?« pflegte Malin von Johann zu sagen. Und es war wirklich sonderbar.

Sie konnten den Kahn noch immer weit draußen im Sonnenschein erkennen. Freddy stand auf einem Stein und winkte dem Boot mit beiden Händen nach.

»Leb wohl, leb wohl, mein kleines Boot, grüß Finnland von uns!«

Aber Johann war rot geworden. Er sah die anderen beschämt an.

»Es ist alles meine Schuld. Seid ihr jetzt böse auf mich?«

»Ach was«, sagte Teddy. »So was passiert schon mal.«

»Wie kommen wir aber jetzt hier weg?« fragte Niklas und versuchte, seine Stimme nicht genauso ängstlich klingen zu lassen, wie ihm zumute war.

Teddy zuckte mit den Schultern.

»Wir müssen eben warten, bis jemand vorbeikommt. Das kann natürlich einige Wochen dauern«, fügte sie hinzu. Es war zu verführerisch, ihm ein bißchen Angst einzujagen.

»Na, dann wird zum mindesten Bootsmann verhungert sein«, sagte Johann. Er wußte, was für Portionen Tjorvens Hund sich einverleiben konnte.

Da fiel ihnen Bootsmann ein. Wo war er eigentlich? Sie erinnerten sich jetzt, daß sie ihn seit langem nicht mehr gesehen hatten.

Freddy rief nach ihm, aber er kam nicht. Da schrien sie alle, daß die Möwen erschrocken davonflatterten; aber es kam kein Hund.

»Kein Hund und kein Boot, gibt es sonst noch etwas, was wir nicht haben?« sagte Teddy.

»Etwas zu essen«, sagte Niklas.

Aber da wies Freddy triumphierend auf ihren Rucksack, den sie in eine Felsspalte gestellt hatte.

»Stellt euch vor, zu essen haben wir doch! Einen ganzen Rucksack voller Butterbrote. Und sieben Dorsche!«

»Acht«, sagte Johann.

»Nein, einen haben wir ja gegessen«, erinnerte Freddy.

»Trotzdem acht«, sagte Johann. »Mich dazugerechnet, der größte Dorsch im nördlichen Schärengebiet.«

Sie standen unschlüssig herum. Der Glanz dieses Tages fing an zu verblassen, und nun hatten sie Sehnsucht nach zu Hause.

»Übrigens«, sagte Freddy und machte plötzlich ein besorgtes Gesicht, »übrigens glaube ich, da draußen kommt Nebel auf.«

Aber im selben Augenblick hörten sie das vertraute Tuckern eines Benzinmotors auf dem Fjord, zunächst schwach, nach und nach aber immer lauter.

»Guckt mal, das ist Björns Boot«, rief Freddy, und sie und Teddy begannen, wie wild zu hopsen und zu schreien. »Und guckt mal, er hat unseren Kahn im Schlepp.«

»Wer ist Björn?« fragte Niklas, während sie dastanden und warteten und zusahen, wie das Motorboot immer näher kam. Teddy winkte dem im Boot zu. Es war ein braungebrannter junger Mann mit einem angenehmen, kräftig geschnittenen Gesicht. Er sah fast aus wie ein Fischer, sein Boot sah auch aus wie ein richtiges Fischerboot. »Hej, Björn!« rief Teddy. »Du kommst uns gerade recht! Das ist unser Lehrer«, erklärte sie

Niklas.

»Sagt ihr einfach Björn zu ihm?« fragte Johann erstaunt.

»So heißt er doch«, versicherte Teddy, »und wir kennen ihn ja schließlich.«

Das Boot fuhr jetzt langsamer und steuerte auf den Felsen zu, auf dem die Kinder standen.

»Hier habt ihr euren alten Kahn«, rief Björn und schleuderte Teddy die Fangleine zu. »Wie vertäut ihr eigentlich?«

Teddy lachte. »Ach, das ist verschieden.«

»Soso«, sagte Björn. »Aber mit dieser Art solltet ihr lieber aufhören. Es ist nämlich nicht sicher, daß ich dauernd vorbeikomme und eure Siebensachen aufsammle.« Und dann fügte er noch etwas hinzu. »Fahrt auf der Stelle nach Hause. Es kommt Nebel auf, und ihr müßt euch beeilen, wenn ihr vor ihm nach Saltkrokan kommen wollt.«

»Na, und du?« fragte Teddy.

»Ich muß raus nach Harskär«, sagte Björn, »sonst hätte ich euch ins Schlepptau genommen.«

Dann fuhr er davon, und sie hörten, wie sich das Motorengetucker in Richtung von Harskär entfernte.

Wäre Bootsmann dagewesen, hätten sie sofort aufbrechen können, und dann hätte Melcher an diesem Abend keine Beruhigungstabletten zu schlucken brauchen. Doch das Leben besteht aus einer Kette von kleinen und großen Geschehnissen, und die hängen zusammen wie Erbsstroh. Ein einziger kleiner Hecht kann viel Unfug anrichten und erwachsene Männer wie Melcher zwingen, Beruhigungstabletten zu nehmen.

So klein war er übrigens gar nicht, dieser Hecht. Es war ein richtig unheimlicher alter Bursche von annähernd vier Pfund, dessen Bekanntschaft Bootsmann bei seinem Spaziergang rund um die Schäre gemacht hatte. Die Bekanntschaft beschränkte sich darauf, daß sie einander über eine Stunde lang ins Auge starrten, Bootsmann auf einer felsigen Uferböschung, der Hecht im seichten Wasser dicht davor. Bootsmann war einem Blick wie diesem aus kalten, starren Hechtaugen noch nie begegnet, er hatte noch nie ein so erstaunliches Tier zu Gesicht bekommen, und er konnte sich nicht davon losreißen. Der Hecht seinerseits sah aus, als ob er dächte: Glotz du nur, du Ungetüm, mir jagst du keine Angst ein, und ich stehe hier, solange es mir paßt.

Mit diesem Hecht aber gingen viele kostbare Minuten verloren. Es dauerte viel zu lange, bis Hund und Kinder und Dorsche und Netze und Badeanzüge und Rucksäcke endlich eingesammelt und ins Boot gebracht waren. Unterdessen kam der Nebel immer näher. Große, formlose Nebelbänke wallten vom Meer heran, und die Kinder waren noch nicht weit von der Schäre weg, als sie auch schon von Nebel umfangen waren wie von weichen, grauen, wolligen Armen.

»Das ist, wie wenn man träumt«, sagte Johann.

»So einen Traum hab ich nicht besonders gern«, versicherte Niklas. Irgendwo in weiter Ferne hörten sie ein Nebelhorn dumpf tuten, sonst war alles still. Ob Niklas es nun gern hatte oder nicht, aber es war genau so still wie in einem Traum.

Verirrt im Nebel

Daheim auf Saltkrokan schien noch immer die Sonne, und Melcher war dabei, die Gartenmöbel anzustreichen. Er habe seit seiner Kindheit nichts mehr anstreichen dürfen, seit er einmal einen bösen kleinen Mann in roter Farbe auf die Tapete im Salon gemalt habe, beklagte er sich bei Malin. Das war eine Ungerechtigkeit, und die sollte jetzt sofort aus der Welt geschafft werden. Heutzutage sei das Streichen leicht, erklärte er ihr. Man brauche sich nicht mit Pinseln und Farbtöpfen abzumühen, jetzt brauche man nur eine handliche kleine Spritze, rasch ginge es, und gut würde es, versicherte Melcher.

»Das denkst du«, sagte Malin.

Sie hatte Nisse Grankvist auf verschiedene Dinge vorbereitet, die Melcher wahrscheinlich bei ihm kaufen wollte und die er auf keinen Fall in die Hand bekommen dürfte.

»Keine Sense, kein Beil, kein Brecheisen«, hatte sie gesagt.

»Kein Brecheisen?« sagte Nisse. »Mit einem Brecheisen kann er doch aber kein Unheil anrichten.«

»Du würdest nicht so reden, wenn du neunzehn Jahre mit ihm zusammengelebt hättest«, versicherte Malin. »Na ja, dann gib ihm nur das Brecheisen, aber sorge bitte dafür, daß deine Regale voll Verbandstoff ›für Erste Hilfe‹ und schmerzstillender Mittel sind.«

Eine Farbenspritze hatte sie vergessen zu erwähnen, und daher stand Melcher nun hier, glücklich wie ein Kind, und bespritzte einen Gartenstuhl, der sicher nicht mehr gestrichen worden war, seit es der fröhliche Schreiner getan hatte.

Tjorven hatte nach zwei Stunden ausdauernder und treuer Dienste ihre Stellung gekündigt. Jetzt scharten sie sich um Melcher, sie und Pelle und Stina. Das sah so lustig aus, diese Anstreicherei, am liebsten hätten sie alle drei mitgeholfen.