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»Untersteht euch«, sagte Melcher. »Dies ist mein Spielzeug, jetzt hab ich ausnahmsweise mal Spaß.«

»Bist du ein Spritzmaler, Herr Melcher?« fragte Tjorven.

Melcher ließ einen Strom von Farbe über den Stuhl rinnen.

»Nein, das bin ich nicht. Aber, siehst du, ein tüchtiger Mann muß so gut wie alles können.«

»Bist du das denn?« fragte Tjorven.

»Ja, das ist er«, versicherte Pelle.

»Das bin ich«, sagte Melcher zufrieden. »Ein sehr tüchtiger Mann, wenn ich das von mir selber sagen darf.«

In diesem Augenblick kam eine von Pelles Wespen angesurrt, und da Melcher schon einmal gestochen worden war, fuchtelte er jetzt mit der Spritze herum, um sie zu verscheuchen. Wie er es angestellt hatte, war hinterher nicht festzustellen. Das war fast nie möglich, bei Melchers Mißgeschicken, es blieb stets ein Geheimnis. Malin in der Küche hörte jedenfalls den Aufschrei, und als sie ans Fenster stürzte, sah sie Melcher draußen stehen, die Augen fest zusammengekniffen und das Gesicht verkleistert. Tüchtig wie er war, hatte er sich selber mit der Spritze bemalt, und er war weiß im Gesicht wie eine Sahnetorte.

Oder wie Matilda, dachte Tjorven und lachte leise vor sich hin.

Aber Pelle weinte.

Nun war es nicht so schlimm mit Melcher, wie Pelle dachte. Er hatte so viel Verstand besessen, die Augen rasch zusammenzukneifen, und er hielt sie noch immer fest geschlossen, als er auf die Küchentür zuwankte, um sich von Malin helfen zu lassen. Er tastete mit den Händen, und den Kopf hielt er vorgestreckt, so weit er konnte, einmal, weil die Farbe nicht aufs Hemd hinunterrinnen sollte, und andererseits, damit Malin sofort erkennen konnte, um welchen Körperteil es sich diesmal handelte. Da stieß er gegen einen Baum.

Einen Apfelbaum, den der fröhliche Schreiner wahrscheinlich mit Liebe und Freude gerade hier eingepflanzt hatte. Melcher hatte Apfelbäume auch sehr gern, aber jetzt waren seine Klagerufe so wild und verzweifelt, wie Malin sie noch nie von ihrem Vater gehört hatte. Und sie hatte schon viele gehört.

Pelle weinte noch mehr, und Stina fing ebenfalls an. Aber als Tjorven Herrn Melchers Sahnetorte-Gesicht sah, das nun noch mit Moos und Flechte garniert war wie andere Torten mit Mandelsplittern, da war sie so gescheit, um die Hausecke zu laufen. Denn sie merkte, daß ein lautes Lachen aus ihr herauswollte, und sie wollte Herrn Melcher nicht noch trauriger machen, als er schon war.

Hinterher – nachdem Malin ihn gesäubert und seine Augen mit Borwasser ausgewischt hatte – wollte Melcher den Apfelbaum umhauen.

»Hier stehen zu viele Bäume«, rief er, »ich lauf zu Nisse und kauf eine Axt.«

»Nein, danke«, sagte Malin, »jetzt möchte ich ein bißchen Ruhe und Frieden haben.«

Ach, wenn sie gewußt hätte, wie wenig Ruhe und Frieden sie an diesem Tage haben würden!

Es fing damit an, daß Melcher plötzlich Johann und Niklas vermißte: »Wo stecken die Jungen?« fragte er Malin.

»Draußen auf der Schäre, das weißt du doch«, sagte Malin. »Aber ich finde, sie müßten jetzt bald zu Hause sein.«

Das hörte Tjorven, und sie verzog böse den Mund.

»Das finde ich auch. Die Dummköpfe! Ich finde, sie könnten endlich Bootsmann bringen. Bloß sie können wohl nicht wegen dem Nebel.«

Melcher hatte beschlossen, ein paar Tage mit den Gartenmöbeln zu warten. Jetzt saß er auf der Treppe des Schreinerhauses und blinzelte unaufhörlich. Trotz der Behandlung mit Borwasser hatte er ein Gefühl, als hätte er Sand in den Augen.

»Was redest du von Nebel?« fragte er Tjorven. »Die Sonne scheint ja, daß einem die Augen brennen.«

»Ja, hier«, sagte Tjorven. »Aber hinter Lillasken liegt der Nebel so dick wie Brei.«

»Ja, das hat Großvater auch gesagt«, erklärte Stina. »Und Großvater und ich, wir wissen alles, wir hören immer Radio.«

Es dauerte etwa zwei Stunden, bis das, was Malin das Große Beben nannte, bei Melcher ausbrach. Es war genau wie immer und genau so, wie sie es erwartet hatte.

Malin wußte, ihr Vater war ein mutiger Mann. Wie mutig, das wußte wahrscheinlich nur sie allein, denn sie hatte ihn in entscheidenden Augenblicken des Lebens gesehen. Andere sahen vielleicht nur den nachgiebigen und kindlichen, manchmal geradezu lächerlich kindischen Melcher; aber hinter all seinem Gebaren verbarg sich ein anderer Mensch, der stark war und völlig furchtlos, das heißt, in allem, was ihn selbst betraf.

»Aber sobald es um deine Kinder geht, benimmst du dich geradezu läppisch«, sagte Malin.

Das sagte sie, als er dasaß und wegen Johann und Niklas jammerte. Aber bevor es soweit gekommen war, war er dreimal bei Nisse und Märta gewesen.

»Es ist nicht so, daß ich unruhig bin«, hatte er mit verlegenem Lächeln versichert, als er das erste Mal hingegangen war.

»Eure Kinder sind ja mit dem Meer vertraut, ihretwegen sorge ich mich kein bißchen«, beteuerte er das zweite Mal. »Aber Johann und Niklas draußen in dieser dicken Milchsuppe …« Denn jetzt hatte der Nebel Saltkrokan erreicht, und er flößte ihm Furcht ein.

»Meine Kinder stecken in genau derselben Milchsuppe«, sagte Nisse.

Als Melcher zum dritten Mal in den Kaufmannsladen kam, lachte Nisse und sagte: »Was darf es denn heute sein? Ich hab prima Brecheisen, mit denen kannst du dir eins auf den großen Zeh hauen, damit du zur Abwechslung mal über etwas anderes zu jammern hast.«

»Danke, ich brauch kein Brecheisen«, sagte Melcher. Dann lächelte er wieder sein verlegenes Lächeln.

»Wie gesagt – es ist nicht, weil ich unruhig bin, hätte man aber nicht allen Grund, den Seerettungsdienst zu alarmieren?«

»Weshalb denn?« fragte Nisse.

»Na ja, weil ich so wahnsinnig unruhig bin«, sagte Melcher.

»Das ist kein Grund«, meinte Nisse. »Der Seerettungsdienst kann in dieser Waschküche auch nichts sehen. Und was kann den Kindern zustoßen? Der Nebel lichtet sich wohl bald, und das Wasser ist ja völlig still.«

»Ja, das Wasser schon«, sagte Melcher. »Ich wünschte, ich wäre es auch.«

Mißgestimmt ging er zum Bootssteg hinunter, und als er dieses Graue, Formlose sah, das wie in Wogen auf ihn zurollte, da packte ihn ein Grauen, und er schrie, so laut er konnte:

»Johann! Niklas! Wo seid ihr? Kommt nach Hause!«

Aber Nisse, der ihm gefolgt war, schlug ihm freundlich auf die Schulter. »Mein guter Melcher, man kann nicht in den Schären wohnen, wenn man sich so anstellt. Und es wird auch nicht das kleinste bißchen besser, weil du hier stehst und wie ein Nebelhorn heulst. Komm mit zu Märta hinein, wir wollen Kaffee trinken und Wecken essen, komm nur.«

Aber Melcher war von Kaffee und Wecken so weit entfernt, wie ein Mensch davon entfernt sein konnte. Er sah Nisse mit verzweifelten Augen an.

»Sie sind vielleicht noch draußen auf der Schäre – glaubst du nicht auch? Sie sitzen vielleicht in Vestermans Bootsschuppen und haben es warm und schön und gemütlich. Sag, daß du das glaubst«, bat er beschwörend. Nisse sagte, er glaube es. Aber gerade da kam ein Motorboot durch den Nebel getöfft und machte am Ponton fest. Es war Björn, der von Harskär zurückkam, und der verdarb alles. Auf der Schäre seien keine Kinder, beteuerte er, denn er sei eben da vorbeigefahren und habe nachgesehen. Da ging Melcher murmelnd fort. Er traute sich nicht zu sprechen, weil niemand die Tränen in seiner Stimme hören sollte.

Auch als er zu Malin hineinkam, sagte er nichts. Sie saß mit Pelle im Wohnzimmer. Pelle zeichnete. Malin strickte. Und die alte Amerikaneruhr an der Wand tickte leise, die Glut vom abendlichen Feuer leuchtete im Kamin, der ganze Raum war voll tiefstem Frieden.

So ruhig, so friedvoll, so wunderbar könnte das Leben sein, dachte Melcher, wenn man nur nicht zwei Kinder in Seenot draußen auf dem Meer hätte.

Melcher sank aufs Sofa und seufzte schwer. Malin warf ihm einen forschenden Blick zu. Sie wußte genau, wie es um ihn stand, und das Große Beben würde nicht lange auf sich warten lassen. Dann brauchte er sie, aber bis dahin saß sie schweigend da und strickte.