Выбрать главу

Und Melcher nahm sie nicht mehr wahr. Weder sie noch Pelle, sie gingen ihn nichts an. In diesem Augenblick hatte er nur zwei Kinder, und die kämpften draußen auf dem Meer um ihr Leben. Er sah sie viel deutlicher vor sich als Malin und Pelle. Aber sie verhielten sich dauernd anders. Mal lagen sie halbtot vor Hunger und Kälte auf dem Boden des Kahns und riefen mit schwacher Stimme nach ihrem Vater. Mal lagen sie im Wasser und versuchten, mit letzter Kraft eine kleine Felsinsel zu erklimmen. Sie krallten sich mit den Nägeln fest und schrien voller Angst nach ihrem Vater. Nun aber kam eine riesige Woge – wo die nun herkommen mochte, da es doch ganz still war? –, aber sie kam und riß seine beiden Kinder mit sich, und sie versanken, und ihre Haare wogten wie Seegras unter Wasser, ach Herrgott, weshalb konnten Kinder nicht für immer drei Jahre alt bleiben und auf dem Sandhaufen sitzen mit Eimer und Schaufel, damit einem solche Qual erspart blieb!

Er seufzte schwer ein über das andere Mal, da endlich erinnerte er sich an Malin und Pelle, und er sah ein, daß er sich zusammennehmen mußte. Er sah Pelles Zeichnung an. Sie stellte ein Pferd vor, das sah er; das Pferd sah aber im Gesicht genauso aus wie der alte Söderman. Normalerweise hätte Melcher gelacht, jetzt sagte er nur:

»Na, Pelle, du zeichnest? Und du, Malin – was strickst du denn da?«

»Einen Pullover für Niklas«, antwortete Malin.

»Da wird er sich aber freuen«, sagte Melcher; er schluckte jedoch heftig, denn er wußte ja, daß Niklas auf dem Meeresgrund lag und nie mehr einen Pullover brauchen würde. Niklas, Niklas, sein lieber Junge! Wenn man bedenkt, wie er damals, als er zwei Jahre alt war, aus dem Fenster gefallen war. Schon damals hatte Melcher begriffen, daß er so ein engelhaftes Kind war, dem kein langes Leben beschieden sein würde. Ach, das war ja Pelle gewesen, fiel ihm plötzlich ein, und er warf dem armen Pelle, dessen einziger Fehler der war, daß er nicht auf dem Meeresgrunde lag, einen mißbilligenden Blick zu.

Aber Pelle war ein gescheiter kleiner Kerl, der mehr verstand, als Melcher und Malin jemals klarwurde. Nachdem er sich lange genug die stummen Seufzer angehört hatte, die sein Vater in regelmäßigen Abständen ausstieß, legte er die Zeichnung beiseite. Er wußte, erwachsene Menschen brauchten auch manchmal Trost, und so ging er denn ohne ein Wort zu Melcher und schlang die Arme um seinen Hals.

Da fing Melcher an zu weinen. Er drückte Pelle heftig an sich und weinte stumm und verzweifelt und mit abgewandtem Gesicht, damit Pelle es nicht merkte.

»Es wird schon alles gut werden«, sagte Pelle tröstend. »Ich geh jetzt raus und seh nach, ob der Nebel sich verzogen hat.«

Das war nicht der Fall, eher das Gegenteil. Aber Pelle fand unten am Ufer einen Stein, einen kleinen, feinen braunen Stein, der ganz rund war und sich seidig anfühlte. Den zeigte er Tjorven.

Sie war auch draußen im Nebel. Es war ein aufregendes und dramatisches Wetter, und sie mochte es eigentlich, nur heute nicht ganz so gern, da Bootsmann nicht bei ihr war, sondern irgendwo draußen in dieser dicken, grauen Watte.

»Vielleicht ist es ein Wunschstein«, sagte Pelle. »Man nimmt ihn in die Hand und wünscht sich etwas, und dann geht es in Erfüllung.«

»Und das soll ich glauben?« sagte Tjorven. »Wünsch dir, daß wir zwei Kilo Bonbons kriegen, dann wirst du ja sehen.«

Pelle schnaubte. »Man muß sich etwas Richtiges wünschen, wenn man sich etwas wünscht.«

Und er hielt den Stein in seiner ausgestreckten Hand und wünschte so feierlich und richtig, wie er nur konnte.

»Ich wünsche, daß meine Brüder bald von dem unendlichen Meer zurückkommen.«

»Und Bootsmann auch«, sagte Tjorven. »Tja, und Freddy und Teddy natürlich auch. Aber sie sind ja im selben Boot, das braucht man sich nicht extra zu wünschen.«

Es war Abend geworden. Aber nicht, wie Juniabende sonst sind, nicht hell und glasklar und ein Wunder Gottes, sondern schummrig und unnatürlich. Nebel über allen Fjorden und über allen Inseln und Schären, Nebel über Söderöra und Kudoxa, Nebel über Rödlöga und Svartlöga und Blidö und Möja, Nebel über allen Fahrrinnen und allen Schiffen, die ganz langsam dahinkrochen und mit ihren Nebelhörnern Warnrufe aussandten. Und Nebel über Grankvists kleinem Kahn, der längst schon hätte an seinem heimatlichen Steg liegen müssen, was er aber nicht tat.

»Büsche büsche boll,

kocht den Kessel voll,

drei Schiffe fuhren übers Meer …«

sang Freddy.

»Ich seh kein einziges«, sagte Teddy und ruhte sich auf den Riemen aus. »Hab noch nie so wenig Schiffe gesehen. Was glaubt ihr, wie lange wir gerudert haben?«

»Eine Woche ungefähr«, sagte Johann. »So kommt es einem jedenfalls vor.«

»Aber es ist bestimmt schön, nach Rußland zu kommen«, sagte Niklas. »Wir sind wohl bald da.«

»Das glaub ich auch«, sagte Teddy. »So wie wir gerudert haben! Hätten wir bloß den richtigen Kurs gehalten, dann wären wir gegen zwei Uhr am Bootssteg zu Hause in voller Fahrt vorbeigezischt und wären jetzt bei Janssons Kuhweide auf Grund gelaufen.«

Darüber lachten sie alle vier. Gelacht hatten sie in den letzten fünf Stunden ziemlich viel. Gerudert und gerudert hatten sie, gefroren hatten sie, sich ein bißchen gezankt, ein bißchen vor sich hingedämmert, Butterbrote gegessen, gesungen, um Hilfe gerufen, gerudert und gerudert und den Nebel gehaßt und sich nach Hause gesehnt, aber trotzdem hatten sie ziemlich viel gelacht.

Es war Melcher, der im Augenblick ein großes Unglück auf See erlebte, und nicht die Kinder.

Jetzt aber kam der Abend, und da fiel ihnen das Lachen schwerer. Sie froren mehr als zuvor und wurden immer hungriger und sahen kein Ende von all dem Jammer. Dieser Nebel war unnatürlich, ein normaler Juninebel hätte sich schon längst lichten müssen; dieser aber lag noch immer da und hielt sie in seinem grauen, gespenstischen Griff, als ob er sie nie loslassen wollte. Um sich warm zu halten, hatten sie sich an den Riemen abgewechselt, aber das half nichts mehr, und das Rudern kam ihnen jetzt auch so trostlos vor, da man nicht wußte, wohin es ging. Vielleicht trug jeder Riemenschlag sie nur weiter ins offene Meer hinaus, und dieser Gedanke machte ihnen angst. Das Meer lag zwar völlig still da, aber sollte sich der Nebel, den sie jetzt so sehr haßten, daß sie ihn am liebsten mit den bloßen Händen zerfetzt hätten, sollte sich dieser Nebel jemals lichten, dann war Wind nötig. Und wenn Wind aufkäme – und kräftig genug – und sie waren weit draußen auf dem Meer in einem kleinen Kahn, dann gäbe es wirklich nicht mehr viel zu lachen.

»Dieses ganze Schärengebiet ist mit Inseln übersät«, sagte Freddy. »Daß wir aber auch nur über eine einzige stolpern – kein Gedanke!«

Sie sehnten sich sehr danach, festen Boden unter den Füßen zu spüren. Kaum zu glauben, daß man danach eine solche Sehnsucht haben konnte! Eine einzige kleine Insel, das war alles, was sie begehrten. Sie brauchte nicht besonders groß oder schön zu sein oder sonst irgendwie bemerkenswert, versicherte Teddy, es durfte ruhig eine kleine, verstrüppte sein, aber immerhin so, daß man an Land gehen und ein Feuer anmachen und vielleicht erkennen konnte, wo man war, und vielleicht eine Art Dach über dem Kopf bekommen konnte, vielleicht sogar Menschen begegnete, vielleicht sogar unnatürlich freundlichen Menschen, die einem mit heißem Kakao und warmen Pfannkuchen entgegenkamen.

»Jetzt fängt sie an zu spinnen«, sagte Johann.

Aber es war schön, von Essen zu spinnen, das merkten sie. Sie fingen alle miteinander an und unterstützten sich gegenseitig, große Mengen von Fleischklößen und Kohlrouladen und Beefsteaks und Schweinekoteletts und Bratwürsten zusammenzuspinnen.

»Und vielleicht ein kleines Pilzomelett«, schlug Freddy vor. Dem Pilzomelett stimmten sie alle begeistert zu. Auch Bootsmann, wie es schien, denn er bellte kurz auf. Mehr hatte er ja die ganze Zeit nicht von sich gegeben. Ihm gefiel dieses Unternehmen nicht, wie es keinem gescheiten Hund gefallen konnte. Aber er lag dort auf der Ducht, schweigend und