Übrigens waren nicht nur sein Gewissen und die armen Eltern der Grund, weshalb er blieb. Von dieser Malin, die jetzt so ernst und der fröhlichen, die er neulich abend kennengelernt hatte, gar nicht mehr ähnlich war, konnte er nur schwer den Blick wenden. Stumm und hilflos stand sie da und hörte dem Ausbruch ihres Vaters zu. Mit einer müden Bewegung strich sie sich das blonde Haar aus der Stirn, und er sah ihre Augen, dunkel und gequält. Sie tat ihm leid. Weshalb konnte ihr Vater sich nicht ein wenig mehr beherrschen, da sie es doch konnte?
Nisse hatte den Zollkreuzer in Furusund alarmiert, nicht weil er an eine unmittelbare Lebensgefahr glaubte, doch es war schon schlimm genug, wenn die Kinder die Nacht draußen im Nebel zubringen mußten.
»Ein einzelner Zollkreuzer, was kann der schon ausrichten?« schrie Melcher, der verlangte, daß der Seerettungsdienst des ganzen Nordens an diesem nebligen Juniabend ins Schärengebiet um Saltkrokan beordert werden sollte. Nachdem er aber lange Zeit getobt und gewettert hatte, war es, als ginge ihm die Luft aus. Er ließ sich auf einen Sack mit Kartoffeln niedersinken und blieb dort sitzen, so bleich und verstört, daß Märta Mitleid mit ihm hatte.
»Möchtest du eine Beruhigungstablette haben, Melcher?« fragte sie freundlich.
»Ja, bitte«, sagte Melcher. »Eine ganze Schachtel!«
Es fiel ihm im allgemeinen schwer, Tabletten einzunehmen, und er hatte auch kein Vertrauen zu ihnen, aber im Augenblick war er bereit, Fuchsgift zu schlucken, falls ihm das eine Weile Ruhe und Gelassenheit verschaffen könnte.
Märta holte eine kleine weiße Tablette und ein Glas Wasser für ihn. Und er legte, wie immer, die Tablette auf die Zunge, trank einen Schluck Wasser und schluckte heftig. Und richtig, das Wasser rann hinunter, und die Tablette blieb liegen. Er war nicht weiter erstaunt, denn so machten seine Tabletten es immer. Er versuchte es noch einmal, aber die verdammte Tablette lag nach wie vor auf der Zunge, bitter und widerlich. »Nimm einen Riesenschluck«, sagte Malin. Da tat Melcher es. Er nahm einen Riesenschluck, und er schaffte es, daß ihm das Ganze in den falschen Hals geriet. Auch die Tablette, denn diesmal war sie mitgegangen.
»Rrrkkss«, machte Melcher. Er prustete wie ein Seehund, und da rutschte die Tablette hoch und blieb irgendwo stecken. Und da blieb sie den ganzen Abend. Aber man merkte nicht, daß sie ihn sonderlich beruhigte.
Malin hatte sich den ganzen Tag sehr zusammengenommen, jetzt aber fühlte sie plötzlich, daß sie anfangen würde zu weinen. Nicht gerade wegen der Beruhigungstablette hinter Melchers Nase, sondern weil alles so zum Verzweifeln war. Sie durfte ihren Vater nichts merken lassen, und deswegen lief sie nach draußen. Die Tränen kamen, sobald sie zur Tür hinaus war, und jetzt durften sie kommen. Sie lehnte den Kopf gegen die Wand und weinte leise.
Dort fand Björn sie.
»Kann ich irgend etwas tun?« fragte er teilnahmsvoll.
»Ja – rede bitte nicht so freundlich mit mir«, murmelte Malin, ohne aufzublicken, »sonst weine ich, daß es hier eine Überschwemmung gibt.«
»Dann werde ich nichts mehr sagen«, antwortete Björn. »Nur, daß du ziemlich hübsch bist, wenn du weinst.«
Er machte sich auf den Heimweg nach Norrsund. Dort war die Schule, in die die Kinder von allen Inseln ringsum kamen, damit er ihnen ein wenig Wissen eintrichtern konnte, und dort im oberen Stock des Schulhauses hatte er seine einsame Junggesellenbude. Von Saltkrokan aus brauchte er nicht mehr als zehn Minuten bis dorthin. Malin sah ihn zum Bootssteg hinunter verschwinden.
»Morgen wird es besser«, rief er, »glaub mir!«
Gleich darauf hörte sie das Tuckern von seinem Boot draußen auf dem Sund.
Und es war dasselbe Tuckern, das die Kinder im Kahn ein paar Minuten später hörten und das auf so schändliche Weise verschwand.
»Nein, jetzt kriege ich aber die Wut«, sagte Johann und richtete sich von der Ducht auf, wo er in der letzten halben Stunde gehockt hatte, dicht an Bootsmann gedrückt.
»Willst du ins Wasser springen?« fragte Niklas, und seine Zähne schlugen so sehr aufeinander, daß er kaum sprechen konnte.
»Nein, ich will euch nur bis zum nächsten Bootssteg rudern und euch absetzen«, sagte Johann finster.
Freddy hob ihr blaugefrorenes Gesicht.
»Ach bitte, ja, das wäre schön. Und wo liegt dieser kleine Steg?«
Johann biß die Zähne aufeinander.
»Das weiß ich nicht. Ich werde ihn aber jetzt suchen oder tot umfallen. Ich laß doch nicht irgendeinen ekelhaften alten Nebel darüber bestimmen, wie lange ich auf dem Wasser sein soll.«
Er setzte sich an die Riemen. Der Nebel lag nach wie vor so dick wie Watte. Oh, wie er ihn verabscheute! Weshalb machte er nicht, daß er auf die Nordsee hinauskam oder wo er hingehören mochte? »Ich werd's dir zeigen«, murmelte er erbost. Es schien fast so, als wäre der Nebel sein persönlicher Feind.
Er machte fünf kräftige Ruderschläge. Da stieß der Kahn gegen einen Stein.
»Peng«, sagte Teddy, »da hätten wir den Steg!«
Es war kein Steg. Aber es war Land. Sie hatten mindestens zwei Stunden lang nur fünf Ruderschläge vom Land entfernt gelegen.
»Von so was wird man verrückt«, sagte Teddy, und wie die Verrückten stürzten sie ans Ufer. Sie schrien und hüpften, und Bootsmann bellte, sie waren völlig außer Rand und Band. Daß sie wirklich wieder festen Boden unter den Füßen hatten! Was für ein fester Boden es nun sein mochte. War es so eine Insel, wo die Leute mit heißen Pfannkuchen ankamen, oder ein unbewohnter Holm, wo sie unter einer Tanne schlafen mußten?
Teddy hatte ja gesagt, es dürfe ruhig eine kleine häßliche und verstrüppte Insel sein, und das paßte sehr gut auf diese hier. Verstrüppt war es hier und steinig, soweit sie im Nebel und im Halbdunkel sehen konnten. Aber bevor sie ein Lager für die Nacht aufschlugen, wollten sie erforschen, ob es hier vielleicht irgend etwas Dachähnliches gab.
Johann vertäute den Kahn und schwor, er werde niemals mehr seinen Fuß dahinein setzen. Und dann begannen sie ihre mühevolle Wanderung. Sie gingen am Ufer entlang, so gut es zwischen den vielen Steinen und all dem Gestrüpp gehen wollte, das sie aufzuhalten suchte.
»Schön wär's, wenn wir einen alten Strandschuppen fänden«, sagte Teddy.
»Gibt's denn in Rußland auch solche?« fragte Johann. Er war jetzt aufgedreht und übermütig. War er es denn nicht gewesen, der sie an Land gebracht hatte?
»Ihr braucht es nur zu sagen, dann finde ich auch noch ein kleines Blockhaus, wo wir übernachten können«, rief er.
Er ging voran und fühlte sich als Anführer. Dies war eine Expedition durch eine unerforschte Wildnis mit unbekannten Gefahren, die hinter jeder Biegung lauerten. Ein Anführer war vonnöten, und das war er. Allen voran bog er um eine Landspitze, und da sah er etwas, das ihn jäh stehenbleiben ließ. Er sah ein Hausdach, das genau vor ihm über einige
Bäume hinwegragte.
»Dieses Blockhaus zum Beispiel«, sagte er.
Die anderen hatten ihn eingeholt, und er zeigte stolz auf seinen Fund. »Bitte schön! Dort habt ihr euer Haus! Wahrscheinlich voller warmer Pfannkuchen.«
Da fingen Teddy und Freddy an zu lachen. Unbändig und befreiend. Dieses Gelächter setzte gewissermaßen den Schlußpunkt für ihr ganzes schauriges Abenteuer im Nebel, und Johann und Niklas mußten mitlachen, obgleich sie nicht wußten, worüber.
»Ich möchte mal wissen, was das für ein Haus ist«, sagte Niklas, als sie sich endlich satt gelacht hatten.
»Mach deine Augen tüchtig auf, dann wirst du es erfahren«, sagte Teddy. »Es ist unsere Schule.«
Niemand bei Grankvists und niemand bei Melchersons kam an diesem Abend vor Mitternacht ins Bett. Das heißt, Pelle und Tjorven waren zur gewohnten Zeit eingeschlafen, aber sie wurden aus ihren Betten gezerrt, damit sie bei dem Schmaus dabei sein konnten, der in Grankvists Küche abgehalten wurde, um den glücklichen Ausgang dieses unruhigen Tages zu feiern.