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»Was willst du?« fragte Johann schließlich.

»Ich will an Land«, sagte Papa ärgerlich, und er ging an Land.

»Herr Melcher, weshalb badest du immer mit allen deinen Sachen an?« fragte Tjorven. Nichts kann sie zurückhalten, wenn etwas passiert.

»Es ›kommte‹ bloß so«, sagte Papa, und da schwieg Tjorven.

Aber Papa zupfte Freddy am Ohr.

»Hattest du nicht gesagt, da wäre jemand am Ertrinken?«

Teddy kam ihr zu Hilfe.

»Es war alles nur ein Mißverständnis.«

Krister begann zu erklären, aber alle waren böse auf ihn, und ich hörte, was Niklas zu Freddy sagte.

»Dieser Kerl da ist ein Mißverständnis, so lang, wie er ist.«

Ich glaube, Björn war derselben Ansicht. Er hatte sich schließlich auch eingefunden, aber er ging mit finsterer Miene herum und kam nie in meine Nähe.

Jedenfalls wurde es ein ungeheuer schöner Mittsommerabend, und auf dem Bootsanleger war Tanz, genau wie ich gehofft hatte. Der alte Söderman spielte Ziehharmonika, und wir tanzten, alle tanzten, oh, wie wir tanzten, während die Sonne im Fjord versank und die Mücken uns umschwirrten. Björn tanzte nicht – er kann vielleicht nicht. Aber Krister konnte – oh! Mein Hellblaues stand wie eine Glocke um mich, wenn wir dahinflogen, und ich amüsierte mich großartig.

»Malin«, sagte Söderman in einer seiner kleinen Bierpausen, »versprich mir eins: Werde nie alt!«

Er sollte bloß wissen, wie alt ich manchmal bin.

Der geheime Johann und sein geheimer Anhang lehnten am Geländer und bewachten mich. Jedesmal, wenn wir

vorübertanzten, Krister und ich, schrie Johann:

»Reiß dich zusammen, Malin!«

Schließlich hatte ich es satt und fuhr ihn an: »Wieso soll ich mich zusammenreißen?«

»Daß du nicht drüberhaust«, rief er, und die anderen drei kicherten. Krister kümmerte sich nicht darum, seinetwegen mochten sie ruhig lachen. Und so wahr ich Malin heiße, wirklich, der Junge wußte, wie man es anstellt! Völlig unbekümmert und ohne sich etwas daraus zu machen, ob diese kleinen Banditen es hörten, deklamierte er in einer von Södermans Bierpausen für mich:

»Wie altschwedisches Leinen schimmert dein Scheitel

mit der hellroten Rose im flachsblonden Haar.«

O ja, ich hatte nämlich eine Heckenrose in die Haarspange gesteckt und fühlte mich leinengelb und altschwedisch wie noch nie, bis Johann das verdarb.

»Doch, doch, es ist verschieden mit so Haaren«, sagte er. »Manche haben Borsten wie ein altschwedisches Schwein.«

Und dann guckten alle vier Banditen auf Kristers Borstenschnitt und kicherten lange. Wo kommt nur all das Gekicher her, das in Dreizehnjährigen steckt?

Aber noch war ich nicht soweit, daß ich böse auf sie war. Das wurde ich erst, als sie meinen Mittsommernachtstraum an Janssons Bucht störten. Ich hatte ihn allein träumen wollen, ohne Krister und unter allen Umständen ohne die Banditen, aber das durfte ich nicht.

Janssons Bucht ist ein einsamer und seltsamer Ort. Dorthin gingen wir, Krister und ich, nachdem der Tanz zu Ende war.

Hier liegt ein altes Bootshaus mit ein paar Einbäumen darin und einem verfallenen Steg, aber sonst nichts, was verrät, daß es Menschen auf der Welt gibt. Alles dort ist Geheimnis und Schönheit und Schweigen. Heute nacht schwammen ein paar Schwäne auf dem dunklen Wasser. Sie leuchteten unwirklich weiß, als wären es Märchenvögel. Vielleicht waren sie es auch, denn alles war wie verzaubert und märchenhaft und irgendwie urzeitlich, und jeden Augenblick konnten diese Schwäne ihr Schwanengefieder fallen lassen und zu heidnischen Göttern werden, die tanzten und auf der Flöte bliesen. Das Wasser lag schwarz unter den hohen Uferfelsen jenseits der Bucht, aber draußen zum Meer hin waren die Fjorde fahl, und die Nacht war keine Nacht, sondern nur eine armselige kleine Dämmerung, die den Versuch machte, Nacht zu werden.

Wir saßen auf einem Felsen, Krister und ich, und ich wollte, daß er schwieg. Aber das begriff er nicht. Er dachte, alles müsse nach seinem gewohnten Rezept gehen, und daher fing er an, mir in die Augen zu schauen und zu fragen, ob sie grün oder grau seien, meine Augen also. Da hörte man hinter einem Felsen ganz in der Nähe eine Stimme, gefolgt von einem Kichern: »Die sind ganz lila.«

Jetzt wurde ich endlich böse und schrie: »Was habt ihr da zu suchen? Könnt ihr mir das mal sagen?«

»Klar«, sagte Niklas und steckte den Kopf hervor. »Wir sitzen hier und schwärmen ein bißchen, wie andere Leute auch.«

Darüber kicherten Teddy und Freddy mehrere Minuten lang, und ich wurde noch wütender.

»Jetzt hab ich's aber satt«, sagte ich, und da sagte Johann:

»Dann geh doch einfach nach Hause. Du brauchst doch nicht da zu sitzen und so zu schwärmen, daß du davon satt wirst.«

Die Ungeheuer! Sie hatten von Papa die Erlaubnis bekommen, so lange aufzubleiben, wie sie wollten, weil Mittsommerabend war.

»Ich finde, hier sind reichlich viele Brüder«, sagte Krister. »Gibt es denn nirgendwo einen Ort, wo man vor ihnen Ruhe hat?«

»Vielleicht zu Hause«, sagte ich, »denn da wollen sie bestimmt nicht hin.«

So zogen wir uns ins Schreinerhaus zurück. Im Wohnzimmer, wo es nach Maiglöckchen und Birkenlaub duftete, tischte ich Krister etwas Abendbrot auf.

Papa schlief, Pelle schlief, alles war still und ruhevoll. Wir saßen auf dem Sofa, im Rücken das offene Fenster, vor dem die Dämmerung stand, die bald weichen sollte.

»Wie hältst du es aus, ständig diese Kinder um dich zu haben?« fragte Krister. Und ich antwortete wahrheitsgemäß, daß ich es sehr gut aushielt, weil ich sie liebte, und wenn sie auch noch so albern seien. »Jaja, im Augenblick liebe ich sie auch ganz ungemein«, sagte Krister, »nur weil sie nicht hier sind.«

Dachte er. Und dachte ich. Bis ich wieder dieses bezaubernde Kichern hörte, diesmal draußen vorm Fenster. Hier ging in der sommerlichen Dämmerung eine kleine Prozession von kichernden Kindern vorbei, die greulichsten alten Hüte der Welt auf dem Kopf – es gibt wunderbare Sachen auf unsrem Dachboden! Jedesmal, wenn sie am Fenster vorüberkamen, lüfteten sie höflich die Hüte und lachten so über ihre Witze, daß sie sich an die Apfelbäume lehnen mußten, um nicht umzufallen.

»Guten Abend! Haben Sie schon gehört, daß die Butter um mehrere Pfunde gestiegen ist?« sagten sie. Oder: »Entschuldigen Sie, geht hier der Weg zur nächsten Insel?« Oder: »Habt ihr nicht zufällig ein bißchen Schnupftabak für Opa?«

Als Johann dies sagte, kicherte Niklas derart, daß er tatsächlich umfiel und wie ein Käfer im Gras lag und vor Lachen nur noch quietschte.

Aber da kam zum Glück Nisse, um seine Töchter heimzuholen, und es schien, als ob Johann und Niklas auch müde geworden wären und schlafen gehen wollten. Ich hörte sie die Bodentreppe hinauf in ihr Zimmer stapfen und seufzte erleichtert auf.

Krister war jedoch verärgert, und das wunderte mich nicht. Ich bot ihm noch ein Butterbrot an und schenkte ihm mehr Tee ein und versuchte, auf jede Art und Weise das niederträchtige Benehmen meiner Brüder wiedergutzumachen.

»Verflixt viele Brüder hast du«, sagte Krister. »Dein jüngstes Brüderlein hast du wohl narkotisiert, weil es sich so ruhig verhält?«

»Der ist Gott sei Dank so ein goldiges Kind, der schläft nachts«, sagte ich.

Da hörte ich plötzlich Pelles Stimme: »Denkst du, ja!«

Papa hatte im Giebelzimmer der Jungen eine Feuerleine angebracht. An dieser Feuerleine baumelte jetzt draußen vor dem Fenster das goldige Kind, das nachts schläft, und aus dem Giebelfenster darüber hörte man ein wildes Gekicher. Da war ich den Tränen nahe.

»Pelle«, sagte ich stöhnend, »weshalb hängst du da?«

»Um nachzusehen, ob es hier unten manierlich zugeht«, sagte Pelle. »Johann sagt, das soll ich.«