Da stand Krister auf und ging zur Tür. Wenn draußen vor dem Fenster an einem Seil Brüder baumelten, dann sei er am Ende, sagte er, dann gebe er auf.
»Tschüs, Malin«, sagte er und verschwand in den dämmernden Morgen hinaus. Und dann war mein Mittsommerabend zu Ende.
Ja, ja – aber es war trotzdem ein ganz schöner Mittsommerabend, finde ich.
»Ja, Johann, ich weiß, daß ihr hinter der Hecke liegt«, sagte Malin und legte das Buch neben sich ins Gras. »Kommt her, wir wollen das jetzt mal bereden! Wenn ihr den ganzen Tag Holz und Wasser holt, dann verzeihe ich euch vielleicht.«
Dieser Tag ein Leben
Und der Sommer nahm seinen Lauf, Sonnenschein und Regen wechselten miteinander ab. Manchmal stürmte es. Der Fjord hatte weiße Schaumkronen, und alle Häuser und Fensterscheiben der Insel klapperten. Tjorven mußte sich ganz krumm machen, wenn sie zum Anleger hinunter wollte, um den Dampfer zu empfangen, und Stina wäre beinahe ins Wasser geweht worden. Södermans Katze weigerte sich, nach draußen zu gehen, und Söderman selbst hatte drei Tage lang zu tun, um seine Strömlingsnetze zu säubern. Manchmal gab es auch ein Gewitter. Melchersons saßen einmal eine ganze Nacht in der Küche des Schreinerhauses und beobachteten, wie die Blitze zischend ins Wasser niedergingen und der Fjord erleuchtet war wie am hellichten Tag. Mit dumpfem, fürchterlichem Knall rollte der Donner über die Inseln weit draußen im Meer dahin, es hörte sich an wie das Jüngste Gericht. Und wer traute sich da, ins Bett zu gehen?
»Ich kriege dieses Nachtleben allmählich satt«, sagte Pelle schließlich. Nachts herrschte hier auf Saltkrokan überhaupt keine Ordnung. Es mochte noch angehen, daß man aufblieb, weil ein Festessen stattfand oder weil Mittsommer war, aber eine ganze lange Nacht hindurch Gewitter, das fand Pelle anstrengend.
Nisse Grankvist hatte ihm allerdings erklärt, jedes Wetter sei schönes Wetter, und Pelle glaubte Onkel Nisse blindlings. Nur wenn es durchs Dach regnete, zweifelte er ein bißchen. Aber das hörte auch auf, denn eines schönen Tages kletterte sein Vater hinauf und legte Dachpappe und neue Ziegel auf die schlechteste Stelle. Malin hatte verlangt, daß die ganze Familie Melcherson eine Schweigeminute einlegte, während Papa auf dem Dach war. Und wahrhaftig, es half. Er schaffte es ohne jeglichen Zwischenfall.
Ganz so gut ging es aber am folgenden Tage nicht, als er im Mehlbeerbaum einen Nistkasten anbringen wollte; denn kaum war er oben, da krachte er auch schon wieder herunter, den Nistkasten in den Armen. Seine Kinder stürzten ängstlich herbei, Melcher versicherte ziemlich kurz angebunden, es sei nichts passiert. Ihm sei nur plötzlich eingefallen, daß es nicht die rechte Zeit sei, um Nistkästen anzubringen.
»Muß dir das denn so plötzlich einfallen, daß du runterkrachen und dir die Knie aufschlagen mußt?« fragte Malin, als sie ihm hinterher Pflaster auf die Wunde klebte.
Im allgemeinen aber war alles schön und der ganze Sommer eine einzige lange Wonne. Pelle fing schon an, sich vor dem gräßlichen Tag zu graulen, da sie wieder in die Stadt zurückmußten. Er besaß einen alten Kamm mit ebenso vielen Zähnen, wie der Sommer Tage hatte. Jeden Morgen brach er einen Zahn ab, und er sah voller Besorgnis, wie die Zahnreihe Stück für Stück kürzer wurde.
Melcher entdeckte den Kamm eines Morgens, als sie beim Frühstück saßen, und er nahm ihn und warf ihn weg. Es sei verkehrt, sich vor etwas zu graulen, was doch kommen mußte. Man sollte das Jetzt genießen, einen sonnigen Morgen wie diesen, dann sei das Leben nur Glück, fand Melcher. Im Schlafanzug schnurstracks in den Garten hinauszugehen, Gras unter den Füßen zu spüren, am Steg schnell einmal unterzutauchen und sich hinterher an seinen eigenhändig gestrichenen Gartentisch zu setzen, sein Buch oder seine Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu trinken, während die Kinder um einen herumsummten, mehr begehrte er nicht vom Leben. Und da sollte Pelle gefälligst nicht mit einem alten Kamm ankommen. Melcher nahm ihn mit den Fingerspitzen und warf ihn in den Mülleimer. Pelle ließ es ohne Widerspruch geschehen, und als das erledigt war, kehrte sein Vater zu seinem Buch zurück, und Johann und Niklas stritten sich weiter darüber, wer mit dem Abwaschen an der Reihe sei.
Sie waren beide der Meinung, daß ihre Abwaschtage viel zu dicht aufeinanderfolgten, aber Malin versicherte ihnen, jedesmal, wenn hier im Hause abgewaschen werden sollte, gebe es keine Jungen auf der Welt, die so gründlich verschwunden waren wie Johann und Niklas. Ihre Abwaschtage seien so selten, daß sie eigentlich auf ganz Saltkrokan durch allgemeines Flaggen gefeiert werden müßten, behauptete Malin. »Jetzt bist du aber ungerecht«, sagte Niklas. »Wer hat zum Beispiel gestern abgewaschen?«
»Das hat Malin getan, wer sonst?«
Niklas konnte das nicht verstehen. »Komisch. Ich dachte ganz bestimmt, ich wäre es gewesen.«
»Hast du das nicht gemerkt?« fragte Pelle und strich sich Marmelade auf sein Brötchen. »Hast du nicht gemerkt, während du abgewaschen hast, daß du es gar nicht warst, sondern Malin?«
Eine seiner Wespen kam angeschwirrt und wollte auch Marmelade. Pelle hielt ihr freundlich sein Brötchen hin. Er mußte doch seine Haustiere füttern. Pelle war sicher, daß die Wespen allmählich wußten, zu wem sie gehörten. Er saß oft in seinem Giebelfenster und pfiff sie herbei und unterhielt sich mit ihnen, und er hatte ihnen versprochen, sie sollten so lange im Schreinerhaus wohnen dürfen, wie sie wollten.
Interessiert beobachtete er die kleine Wespe, die jetzt angefangen hatte, sich an einigen Körnchen verschütteten Zuckers gütlich zu tun, und er überlegte, was sie wohl dachte und wie es wäre, Wespe zu sein. Waren Wespen traurig oder manchmal ängstlich, so wie Menschen, ja natürlich nicht wie Erwachsene, sondern wie Jungen, die so ungefähr sieben Jahre alt waren? Und wieviel wußten Wespen eigentlich?
»Papa, glaubst du, die Wespen wissen, daß heute der 18. Juli ist?« fragte Pelle. Sein Vater war jedoch in Gedanken vertieft und gab ihm keine Antwort.
»Dieser Tag ein Leben«, murmelte Melcher. »Ja, aber das ist ja ganz ausgezeichnet.«
»Was ist denn da so Ausgezeichnetes dran?« fragte Johann.
»Das steht hier im Buch«, sagte Melcher begeistert. »Dieser Tag ein Leben. Deswegen hab ich ja gerade Pelles Kamm weggeworfen.«
»Steht in dem Buch, daß du meinen Kamm wegschmeißen solltest?« fragte Pelle erstaunt.
»Hier steht ›Dieser Tag ein Leben‹ – das bedeutet, man soll gerade an diesem Tag so leben, als hätte man nur diesen einen. Man soll auf jeden einzigen Augenblick achtgeben und spüren, daß man wirklich lebt.«
»Und da findest du, ich soll abwaschen«, sagte Niklas vorwurfsvoll zu Malin.
»Weshalb nicht«, antwortete Melcher darauf. »Zu merken, daß man etwas ausrichtet, etwas mit seinen eigenen Händen tut, so etwas steigert ja gerade das Lebensgefühl.«
»Dann möchtest du vielleicht abwaschen?« schlug Niklas ihm vor.
Aber Melcher sagte, er habe einen ganzen Haufen anderes zu tun, genug, daß sein Lebensgefühl sich den ganzen Tag lang auf der Höhe befinden werde.
»Was ist denn das, Lebensgefühl?« fragte Pelle. »Sitzt so was in den Händen?«
Malin schaute ihren kleinen Bruder zärtlich an.
»Bei dir sitzt es, glaube ich, in den Beinen. Wenn du sagst, du hast so viel Gerenne in den Beinen, dann ist das Lebensgefühl.«
»Tatsächlich?« sagte Pelle erstaunt; wie viel es doch gab, was man nicht wußte, und dabei war man doch ein Mensch und keine Wespe.
Die Wespen wußten vielleicht nicht, daß heute der 18. Juli war, es war ihnen aber völlig klar, daß ihnen auf einem Tisch an der Giebelseite des Schreinerhauses Marmelade in einer Schale angeboten wurde, und sie kamen in solchen Mengen angeschwirrt, daß Malin sie ärgerlich verscheuchte. Eine davon beschloß, sich zu rächen. Anstatt sich aber auf Malin zu stürzen, ging sie ungerechterweise auf den armen, unschuldigen Melcher los und stach ihn in den Nacken. Melcher fuhr mit Gebrüll hoch und versuchte, ebenso ungerecht, eine Wespe totzuschlagen, die auf dem Tisch herumkroch und nichts Böses getan hatte. Aber Pelle hielt ihn zurück.