»Laß das«, schrie er, »laß meine Wespen in Ruhe! Die möchten doch auch so leben, so, wie du sagst.«
»Was hab ich gesagt?« fragte Melcher. Er konnte sich nicht erinnern, daß er etwas über Wespen geäußert hätte.
»Dieser Tag ein Leben oder wie es gleich war«, sagte Pelle.
Melcher ließ das Buch sinken, mit dem er gerade die Wespe hatte totschlagen wollen.
»Na ja, natürlich, ich mag es aber nicht, wenn sie den Tag damit beginnen, ihren Stachel in mein Genick zu bohren.«
Aber dann klopfte er Pelle liebevoll auf die Wange.
»Du bist zweifellos der tierliebendste kleine Bengel der Welt«, sagte er. »Schade, daß du nicht ein bißchen nettere Haustiere hast.«
Er griff sich ans Genick. Es brannte, aber er wollte sich nicht durch eine Wespe den Morgen verderben lassen. Entschlossen stand er vom Tisch auf. Dieser Tag ein Leben, genau, und er wußte auch, was er machen wollte!
In dem Augenblick brauste ein großes Motorboot auf den Bootssteg zu. Als Johann und Niklas sahen, wer es lenkte, guckten sie einander finster an.
»Ich dachte, wir hätten ihn in der Mittsommernacht endgültig vergrault«, sagte Johann.
Aber Krister hatte offensichtlich alles vergessen, außer daß Malin das hübscheste und blondeste Mädchen in Reichweite hier in den Schären war. Hätte es auf einer anderen Insel eine gegeben, die hübscher und blonder gewesen wäre, so hätte er sein Motorboot vielleicht dorthin gelenkt. Jetzt aber war Melchersons Bootssteg der beste Ankerplatz, den er sich denken konnte.
»Hej, Malin!« rief er. »Kommst du ein bißchen mit raus aufs Wasser?« Ihre drei Brüder hielten den Atem an. Wollte sie wirklich im Motorboot abhauen? Wie sollten sie sie dann bewachen?
Malins Miene hellte sich auf. Man merkte, daß sie nichts gegen eine Bootsfahrt einzuwenden hatte.
»Was meinst du, wie lange wir wegbleiben?« rief sie zurück.
»Den ganzen Tag«, schrie Krister. »Nimm den Badeanzug mit, falls wir eine passende kleine Badeinsel finden.«
Johann schüttelte warnend den Kopf.
»Überleg dir's. Dieser Tag ein Leben – willst du wirklich ein ganzes Leben mit diesem Kerl zubringen?«
Malin lachte. »Es ist natürlich lustiger, zu Hause zu bleiben und abzuwaschen und zu kochen, aber ich muß doch dafür sorgen, daß ihr hin und wieder auch mal Spaß habt.«
»Nett von dir«, sagte Niklas.
Malin schaute fragend zu ihrem Vater hinüber.
»Meinst du, ihr könnt allein fertig werden?«
»Und ob«, sagte Melcher. »Überlaß nur alles deinem begabten Vater. Was gibt's zu essen?«
»Nichts«, gestand Malin. »Aber du kannst ja ein bißchen Hackfleisch bei Märta kaufen und Frikadellen machen, die lassen das Lebensgefühl um etliche Meter in die Höhe schnellen.«
Melcher nickte. Manchmal hatte er ein schlechtes Gewissen wegen Malin. Sie hatte wahrscheinlich mehr zu tun und eine größere Verantwortung, als man einer Neunzehnjährigen zumuten konnte. Er gönnte ihr jedes Vergnügen, das sich ihr bot. Außerdem paßte es gut, daß sie gerade heute nicht zu Hause sein würde, wo er allein sein mußte.
»Fahr nur los, mein Kind«, sagte er. »Leg den Haushalt getrost auf meine Schultern. Ich finde, das macht gerade Spaß.«
Aber lange bevor Malin sich selbst und ihre Badesachen zusammengesucht hatte, stand Pelle unten auf dem Steg. Er knöpfte sich seine Schwimmweste zu und guckte sauer Krister an.
»Hej«, sagte Krister. »Warum ziehst du die Schwimmweste an?«
»Das muß man, wenn man aufs Wasser will«, sagte Pelle kühl.
»Aha, du willst aufs Wasser. Mit wem denn?«
»Mit dir und Malin«, sagte Pelle. »Damit es manierlich zugeht.«
In dem Augenblick kam Malin, und sie warf Krister einen bittenden Blick zu.
»Ach bitte, er darf doch mit, nicht wahr?«
Es war Krister anzusehen, daß ihm eine bösartige kleine Kreuzotter im Boot lieber gewesen wäre, und Malin sagte vorwurfsvolclass="underline" »Besonders kinderlieb bist du wohl nicht, wie?«
Da packte Krister Pelle und setzte ihn auf die Ruderbank.
»Doch«, versicherte er, »und ob ich kinderlieb bin! Es müssen aber Mädchen sein, und die müssen neunzehn Jahre alt sein, sonst können sie mir gestohlen bleiben.« Er streckte die Hand aus, um Malin an Bord zu helfen. »Andererseits muß ich dankbar sein, daß du nicht alle deine Brüder mitnimmst.«
Die beiden, die sie nicht mitnahm, standen oben auf dem Hang und guckten dem Boot nach, bis es nur noch ein kleiner Punkt draußen auf dem Wasser war. Dann machten sie sich an die Arbeit, die getan werden mußte. Sie räumten den Tisch ab und trugen alles in die Küche, machten Wasser heiß, wuschen ab und stellten das Geschirr weg. Sie machten es schnell und gut, weil sie es gewohnt waren, solche Sachen schnell und gut zu machen, wenn ihnen nichts anderes übrigblieb, und außerdem saßen Teddy und Freddy auf einem Floß vor Grankvists Steg und warteten ungeduldig auf sie.
Und Melcher wartete ebenso ungeduldig darauf, daß sie verschwanden. Er wollte allein sein, o ja, denn nun wollte er seine Erfindung ausprobieren, seine geheime Wasserrinne, die ihn aus der Sklaverei befreien sollte. Es gab gewisse Dinge, die man eigenhändig machen mußte und die das Lebensgefühl kein bißchen steigerten. Dazu gehörte nach Melchers Ansicht die ewige Wasserschlepperei. Die Götter mochten wissen, was Malin mit all dem Wasser machte, das ihr hineingetragen wurde. Möglich, daß sie ganz im geheimen andauernd kalte Abreibungen machte. Auf alle Fälle waren die Wassereimer ständig leer und sahen einen vorwurfsvoll an, wenn man in die Küche kam. Es verstand sich von selbst, daß Malin mit vier Mannsbildern im Haus nicht Wasser tragen mußte. Das taten Johann und Niklas, falls sie zufällig einmal in der Nähe waren, wenn man gerade welches brauchte und wenn man es ihnen sagte. Aber allzuoft war außer Melcher keiner zur Hand, um die leeren Eimer zu füllen.
Doch das sollte sich jetzt ändern. Von diesem Tag an, dem
18. Juli, sollten hier keine Eimer mehr geschleppt werden, und zwar, weil Melcher Melcherson wußte, wozu eine Wasserrinne da war, wenn er eine sah. Er hatte sie im Schuppen gefunden, in diesem herrlichen alten Schuppen, der so viel Gerümpel enthielt, und in aller Stille hatte er die Rinne mit Sand gescheuert, damit sie sauber wurde. Nun brauchte er sie nur noch anzubringen.
»Nichts einfacher als das«, versicherte Melcher sich selber, und er überlegte auch genau, wie es zu bewerkstelligen wäre.
»Punkt 1. Du errichtest am Brunnen ein Gestell, so daß die Rinne das richtige Gefälle hat. Punkt 2. Du befestigst dieses Gestell mit Draht an einem der untersten Äste des Mehlbeerbaumes. Punkt 3. Du bringst die Rinne in dem Gestell an, machst sie ebenfalls fest und ebenfalls mit Draht und führst sie zum Küchenfenster hinein, o ja, denn du hast sorgfältige Messungen vorgenommen und kontrolliert, daß sie lang genug ist. Punkt 4. Du stellst in der Küche eine große, prächtige Wassertonne unter die Rinne. Punkt 5 und 6. Das Wasser läuft fröhlich blubbernd in die Küche, und du selbst liegst fröhlich blubbernd im Grase draußen und tust keinen Handschlag.«
Das heißt, heraufziehen mußte man das Wasser ja nach wie vor mit Handkraft, aber die Brunnenwinde zu handhaben war nicht anstrengend. Man konnte sich morgens eine bestimmte Zeit vornehmen und fünfzehn, zwanzig Eimer Wasser auf einmal heraufwinden, dann hatte man für den Rest des Tages frei, und Malin konnte kalte Abreibungen machen – wenn sie wollte, alle Viertelstunde eine.
Melcher machte sich mit frischem Mut ans Werk. Es war mühsamer, als er erwartet hatte, aber er redete sich sanft und ermunternd zu, während er beschäftigt war.