»Zwei Dinge gibt es, die sind eine wahre Wonne«, sagte er, als er die Rinne an Ort und Stelle angebracht hatte, »ja, drei Dinge weiß ich, die alle Vorstellungen übertreffen: diese schlau ersonnene Holzrinne, der Weg des Wassers in die Küche und Melcher Melchersons Weg zu immer größerer Weisheit.«
Es verlief alles prima, es sah genauso aus, wie er es sich vorgestellt hatte, und es würde auch genauso funktionieren, das wußte er. Eine Wassertonne hatte er noch nicht besorgen können, und das war schade. Nun mußte er es mit einem einzelnen Eimer ausprobieren, aber dazu brauchte er jemanden, der in der Küche stand und meldete, wenn der Eimer voll war.
Da kam gerade Tjorven, wie vom Himmel gesandt, und Melcher lachte, als er sie sah.
»Tjorven, du bist genau zur rechten Zeit gekommen.«
»Wirklich?« sagte Tjorven begeistert. »Hast du Sehnsucht nach mir gehabt?«
Zwischen Melcher und Tjorven war eine Freundschaft entstanden, wie man sie bisweilen zwischen einem Kind und einem Erwachsenen antrifft, eine Freundschaft zwischen zwei Ebenbürtigen, die vollkommen aufrichtig miteinander sind und das gleiche Recht haben, zu sagen, was sie denken.
Melcher hatte genügend von einem Kind in sich, und Tjorven genügend von etwas anderem, nicht gerade etwas Erwachsenem, aber eine merkwürdige innere Kraft, die es ermöglichte, daß sie tatsächlich als Ebenbürtige oder jedenfalls als beinahe Ebenbürtige miteinander umgehen konnten. Tjorven sagte Melcher mehr bissige Wahrheiten als irgend jemand sonst, und hin und wieder zuckte er auch zusammen und hätte sie am liebsten angeschnauzt; aber er sah schnell ein, daß es bei Tjorven vergeblich wäre. Sie war, wie sie war, und sagte geradeheraus, was sie dachte. Meistens war sie ja auch freundlich, denn sie mochte Herrn Melcher sehr gern.
Er erklärte ihr, was diese Rinne für ein glänzender Einfall sei. Von nun an würde Malin das Wasser geradewegs in die Küche kriegen.
»Das kriegt Mama auch«, sagte Tjorven, »sie kriegt das Wasser auch geradewegs in die Küche.«
»Das stimmt aber doch gar nicht«, sagte Melcher.
»Doch«, sagte Tjorven, »Papa trägt's rein.«
Da lachte Melcher überlegen. Dies hier sei etwas anderes. Und er habe es sich als eine hübsche kleine Überraschung für Malin ausgedacht, sagte er.
Tjorven sah ihn ernsthaft an.
»Und außerdem, weil du dann nicht so viel schuften mußt, was?«
Darauf gab Melcher keine Antwort.
»Jetzt stellst du dich hier neben den Eimer«, erklärte er Tjorven, »und wenn Wasser kommt, dann rufst du. Und wenn der Eimer voll ist, dann rufst du auch. Verstanden?«
»Ja, ich bin doch nicht dumm«, sagte Tjorven.
Melcher lief hinaus zum Brunnen, eifrig wie ein Kind, und ebenso eifrig zog er einen Eimer Wasser herauf und goß ihn in die Rinne. Er lachte vor Freude, als er sah, wie das Wasser zur Küche floß, und er hörte Tjorven dort drinnen schreien. O ja, o ja, wahrhaftig, es funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte!
Jedoch nicht so ganz – leider nicht so ganz! Die Rinne war undicht, das meiste Wasser lief auf die Erde, das sah er zu seinem Gram. Aber so was konnte behoben werden. Tonnen, die undicht waren, legte man ins Wasser, damit sie aufquollen. Das konnte er mit seiner Wasserrinne auch machen, aber Himmel, sie wieder herunterzunehmen, das ging über seine Kraft! All diesen prächtigen Draht – es mochten ungefähr zwei Kilometer sein, die er herumgewickelt hatte –, den kriegte man nicht so im Handumdrehen wieder ab. Ob es nicht ebensogut ging, wenn er eine Menge Wasser durch die Rinne fließen ließ, so wie sie da stand? Auf diese Weise mußte sie ja auch allmählich dicht werden.
Er legte los mit all dem Eifer und der Kraft, die er auf alles anwendete, was er machte, und nachdem er ungefähr zehn Eimer Wasser durch die Rinne geschickt hatte, schien es ihm, als ob sie ein bißchen mehr dichthielte. Oder war es vielleicht nur Einbildung? Da stand er und kratzte sich am Hinterkopf und sah das Wasser auf die Erde strömen, als ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, daß Tjorven in der Küche schrie und tobte. Er hatte ein Gefühl, als hätte sie es schon ziemlich lange getan, ohne daß er es gemerkt hätte, und er rief eifrig: »Ist es da jetzt voll?«
Tjorvens grimmiges Gesicht tauchte am Fenster auf.
»Nee«, sagte sie, »nicht die ganze Küche! Bloß bis zur Schwelle.«
Und dann sagte sie: »Bist du schwerhörig, Herr Melcher?« Es stand außer Zweifel, daß die Rinne besser funktionierte, als Melcher angenommen hatte. Wenn auch das meiste Wasser auf die Erde geflossen war, so langte der Rest doch noch, den Eimer wie auch den Küchenfußboden zu füllen.
Johann und Niklas kamen eine Weile später ins Haus. Sie fanden ihren Vater auf dem Fußboden, einen Scheuerlappen in der Hand, und fragten erstaunt:
»Scheuerst du die Küche?«
»Nee«, sagte Tjorven, die auf der Holzkiste kauerte und zuguckte, »er hat nur eine hübsche kleine Überraschung für Malin gemacht. Jetzt hat sie das Wasser direkt in die Küche gekriegt.«
»Raus«, brüllte Melcher, »alle miteinander raus!«
Aber fern von Melchers netten Überraschungen genoß Malin ihren Sommertag, daß sie es bis in die Zehenspitzen spürte. Dieser Tag ein Leben – o ja, da war es ihr geglückt, ein bißchen vom Nötigsten mitzukriegen. Die Sonne und das Wasser und der sanfte Sommerwind, der gute, harte, warme Fels, auf dem sie lag, der Blumenduft, der über sie hinwegstrich und sich mit den Gerüchen vom Meer mischte, oh, alle diese kleinen, wunderbaren grünen Holme mit ihren kahlen grauen Uferfelsen, ihren Blumen und ihren Seevögeln – wie konnte man einen Tag und ein Leben besser verschwenden als auf so einem Felsen? Konnte es etwas Seligeres geben, als so in der Sonne zu liegen und Vögel fliegen zu sehen und dem Schwappen der Dünung gegen den Felsen zu lauschen? Natürlich, ohne Krister wäre die Seligkeit vielleicht größer gewesen, denn sein Geschwafel übertönte das leichte Wellengeplätscher. Dieses Geschwafel begann sie zu reizen, nicht sehr, nur ein wenig, es war nur wie ein unbestimmter Wunsch, daß er bald still sein möge, aber sie wußte, er würde nicht still sein. Als sie am Mittsommerabend an Janssons Bucht saßen, hatte sie ihm zu verstehen gegeben, wie gern sie ganz stumm dasaß und ganz allein war. »Nicht immer, Gott behüte, und nicht gerade jetzt«, hatte sie rasch versichert, aber trotzdem – manchmal fühlte sie, daß sie allein sein müsse. Das hatte sie gesagt.
»Ich kann auch allein sein«, hatte Krister ihr versichert, »aber es kommt ganz darauf an, mit wem. Mit dir könnte ich wer weiß wie lange allein sein.«
Armer Krister, er durfte auch jetzt nicht mit Malin allein sein. Pelle mochte sein Geschwafel auch nicht. Trotzdem hatte er sich so nah neben den beiden niedergelassen, wie er nur konnte, damit ihm nicht ein einziges Wort entging. Er sammelte Steine am Ufer und schaute kleinen Ukeleien im Wasser zu, hielt aber die ganze Zeit die Ohren weit aufgesperrt.
»Ich hatte vor, für eine Woche nach Åland hinüberzuspritzen«, sagte Krister. »Mit dem Motorboot. Willst du mit?«
Pelle guckte auf. »Meinst du mich?«
Krister konnte Pelle wahrheitsgemäß versichern, daß er ihn nicht meinte. Die er aber meinte, die lächelte nur und antwortete nicht.
»Ach, komm doch mit, Malin, ja?« sagte Krister eifrig. »So gescheit und verständig, wie du aussiehst, wirst du doch die Gelegenheit wahrnehmen, wenn sie sich dir bietet.«
»Nein, ich werde nicht mit dir nach Åland fahren«, sagte Malin, »nein, denn, siehst du, ich bin so gescheit und verständig, wie ich deiner Meinung nach aussehe.«
»Schön abgeblitzt, was?« sagte Pelle und hob einen hübschen kleinen weißen Stein auf.
»Wie lustig das doch ist, wenn Brüder alles hören, was man sagt«, sagte Krister. Er schlug Pelle vor, ein bißchen weiter am Ufer entlangzugehen. Es sah aus, als gäb es dort viel schönere