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»Ich wäre aber schon zufrieden, wenn ich überhaupt nur ein Tier hätte«, erklärte er ihr. »Ich hab ja meine Wespen, aber ich möchte so gern ein Tier haben, das man streicheln kann.«

Er tat Tjorven leid, und sie war großzügig.

»Du kannst ein kleines Stückchen von Bootsmann als deins haben. So einige Kilo, die kannst du kriegen.«

»Tss, das eine Hinterbein, was?« sagte Pelle, und er ging zu seinem Vater und beklagte sich.

»Ein paar Wespen und das eine Hinterbein von einem Hund, findest du wirklich, daß man damit zufrieden sein kann?«

Aber Melcher saß in der kleinen Mädchenkammer und schrieb und wollte gerade jetzt unter keinen Umständen über seine Kinder und deren Wünsche nachdenken.

»Ach, du, wir reden ein andermal darüber«, sagte er und winkte Pelle ab. Pelle ging mit finsterer Miene wieder weg. Aber an die Wand des Schreinerhauses stand seine Angelrute gelehnt, die er in der vergangenen Woche zu seinem Namenstag bekommen hatte. Man kann auch eine Angelrute als Wunder erleben, und dies war nicht irgendeine Angelrute. Es war die erste seines Lebens, daher würde es später nie wieder eine so feine Angelrute geben wie gerade diese. Pelle nahm sie, der Bambus fühlte sich in seiner Hand weich und gut an, und etwas wie Glück breitete sich in seinem ganzen kleinen Jungenkörper aus. Er beschloß, zum Steg hinunterzugehen und zu angeln. Oh, wie lieb war Papa gewesen, daß er ihm diese Angelrute geschenkt hatte. Tjorven hatte er auch eine geschenkt, denn zur gleichen Zeit war zufällig auch ihr Namenstag. Und dabei hatte Pelle immer gedacht, sie hieße nur Tjorven und nichts weiter! Das war ein großer Irrtum.

»Ich heiße Karin Maria Eleonora Josefina«, sagte Tjorven. »Wenn ich auch mehr wie Tjorven aussehe, sagt Mama.«

Dann guckte sie Pelle erwartungsvoll an. »Und du, wie heißt du?«

»Per«, sagte Pelle düster. Es war typisch, daß Tjorven vier Namenstage hatte, an denen sie Geschenke bekommen konnte, und er nur einen. »Bald setzen sie auch noch Tjorven in den Kalender, damit du noch einen dazukriegst«, sagte Pelle. Nicht daß er etwa mißgünstig gewesen wäre, nur, wenn es sich um Bootsmann handelte, war es schwer, nicht wenigstens ein bißchen neidisch zu werden.

Aber jetzt nahm Pelle seine Angelrute und ging zum Steg hinunter. Hier fand ihn Stina, und sie kam voller Freude angestürzt. Sie durfte ja so selten mit Pelle allein sein. Tjorven regierte und bestimmte, wer mit wem spielen sollte. Wie sie das machte, wußte kein Mensch. Sie drückte es nicht etwa in klaren Worten aus. Trotzdem kam es so, wie sie es haben wollte. Sie selbst, Saltkrokans Tjorven, konnte spielen, mit wem sie Lust hatte, entweder mit Stina oder mit Pelle, ganz wie es ihr einfiel. Manchmal, wenn ihr die Laune danach stand, spielten sie auch alle drei zusammen. Eins aber durfte nie geschehen, und zwar, daß Pelle und Stina zusammen und ohne sie spielten.

Und nun kam sie an diesem warmen Augustmorgen, nichts Böses ahnend, den Weg zum Schreinerhaus daher und entdeckte eben diese beiden unten auf dem Steg. Da blieb sie ganz plötzlich stehen. Mitten zwischen Kälberkropf und Steinbrech stand sie still und sah zu ihnen hinunter, und sie wußten es nicht. Sie unterhielten sich nur miteinander, und Stina lachte und fuchtelte lebhaft mit den Händen. O ja, o ja, jetzt war sie in Schwung, aber das sollte ein Ende haben!

»Du, Stina, hör mal«, schrie Tjorven böse, »du darfst nicht auf dem Steg sitzen! Kleine Kinder dürfen nicht auf Anlegestege, sie können ins Wasser fallen!«

Stina zuckte zusammen, aber sie drehte nicht den Kopf. Sie konnte so tun, als hätte sie nichts gehört. Wenn sie keine Antwort gab, dann war dort vielleicht keine Tjorven, und wenn sie dort war, dann ging sie vielleicht wieder – hoffen konnte man immer.

Stina rutschte etwas näher an Pelle heran und sagte mit leiser Stimme: »Da beißt sicher bald einer an, Pelle!«

Aber bevor Pelle antworten konnte, schrie Tjorven von neuem: »Kleine Kinder dürfen nicht auf dem Anlegesteg sein! Bist du taub?«

Jetzt wußte Stina, daß es Streit geben würde, und kann man sich dem Unangenehmen nicht entziehen, dann stürzt man sich am besten gleich mitten hinein.

»Dann darfst du aber auch nicht auf dem Steg sein«, sagte sie, denn jetzt stand Tjorven dicht hinter ihnen.

Tjorven schnaubte.

»Tsss, zwischen mir und dir ist wohl ein Unterschied.«

»Ja, besonders zwischen dir, finde ich«, sagte Stina patzig. Sie hatte ja Pelle neben sich, da konnte sie Sachen sagen, die zu sagen sie sich sonst nie im Leben getraut hätte.

Aber Pelle saß da und sah aus, als ob er am liebsten ganz woanders gewesen wäre, und Tjorven sagte:

»Übrigens ist Pelle nicht mit dir hier, sondern mit mir.«

»Nein, Pelle ist mit mir hier«, versicherte Stina böse.

Jetzt war es Pelle klar, daß er seine Meinung sagen mußte.

»Tss, ich bin mit mir hier, möchte ich nur bemerken!«

Er wünschte Tjorven wie auch Stina dorthin, wo der Pfeffer wächst, doch jetzt hatte sich Tjorven an seiner anderen Seite niedergelassen, und nun saßen sie alle drei schweigend da und starrten auf den Schwimmer. Schließlich sagte Stina wieder:

»Da beißt sicher bald einer an, Pelle.«

Mehr war nicht nötig, um Tjorven zur Raserei zu bringen.

»Das geht dich doch nichts an. Pelle gehört ja schließlich nicht dir.«

Stina beugte sich vor und sah ihr herausfordernd ins Gesicht. »Und dir auch nicht, basta!«

»Nee, denn ich gehör mir ganz allein«, sagte Pelle. »Denkt mal, so ist es!« Jetzt hatte er es Tjorven und Stina gegeben, daß sie beide schwiegen. Pelle gehörte sich ganz allein, und er fühlte, wie schön das war. Von ihm sollte keiner auch nur ein Hinterbein kriegen!

Aber Tjorven wußte ja, wer eigentlich über Pelle zu bestimmen hatte, und das wollte sie ihm auf feine Art klarmachen. Deshalb sagte sie zutraulich, genau wie Stina:

»Da beißt sicher bald einer an, Pelle!«

Aber das war offenbar nicht das richtige.

»Stellt euch vor, das passiert nicht«, sagte Pelle ungeduldig. »Hört auf, immerzu davon zu faseln! Es kann keiner anbeißen, ich habe nämlich gar keinen Wurm am Haken.«

Tjorven starrte ihn an. Sie war ein Kind der Schären, und so etwas Verrücktes wie jetzt das von Pelle hatte sie noch nie gehört. »Weshalb denn nicht?« fragte sie.

Pelle erklärte es ihr. Er hatte es mit einem Wurm versucht, aber er konnte es nicht, ihm tat der Wurm so leid. Der hatte sich gewunden, sagte Pelle, und ihm grauste es bei dem Gedanken. Übrigens konnte der Fisch einem genauso leid tun, der vielleicht den Haken verschluckte. Und daher also …

»Aber wieso sitzt du dann hier und angelst?« fragte Tjorven.

Pelle erklärte es ihr, noch ungeduldiger. Hatte er etwa nicht eine Angelrute bekommen? Und wahrhaftig, er war durchaus nicht der einzige, der hier saß und angelte, ohne einen Fisch zu kriegen. Er hatte Leute von früh bis spät und tagelang sitzen und angeln sehen, ohne daß auch nur einmal etwas angebissen hätte. Der Unterschied war nur der, daß sie die ganze Zeit einen armen Wurm ganz umsonst quälten. Und das tat er nicht, im übrigen aber angelte er genau wie alle anderen. Ob sie das nun verstehe? Tjorven sagte, sie verstehe es. Und nun beteuerte Stina, sie verstehe es auch.

Dann saßen sie da und starrten lange auf den Schwimmer, und Tjorven wußte, es war gelogen, als sie gesagt hatte, sie verstehe es. Aber die Sonne schien, und auf dem Steg war es schön, und wenn sie außerdem Stina loswerden könnte, dann wäre es noch schöner.

»Stina wird kalte Mamsell, wenn sie groß ist«, sagte Pelle. Stina hatte ihm das gerade erzählt.

»Ich nicht«, sagte Tjorven mit Nachdruck. Sie wußte nicht, was eine kalte Mamsell zu tun hatte, aber es klang kühl und unheimlich, und wenn Stina es auch noch so sehr werden sollte! Stinas Mama war kalte Mamsell. Sie wohnte in Stockholm, und manchmal kam sie nach Saltkrokan heraus. So etwas Hübsches wie sie hatte Tjorven noch nie gesehen. Außer Malin. Aber kalte Mamsells mochten noch so hübsch sein – wurde Stina kalte Mamsell, so wollte Tjorven es unter keinen Umständen werden.