»Was willst du machen, wenn du groß bist?« fragte Pelle.
»Ich will dick werden und Bücher schreiben, genau wie Herr Melcher.« Pelle zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Papa ist doch nicht dick?«
»Hab ich das denn gesagt?« erwiderte Tjorven.
»Doch, das hast du gesagt«, behauptete Stina.
»Bist du schwerhörig?« fragte Tjorven. »Ich sagte, ich wollte Bücher schreiben wie Herr Melcher und ich wollte dick werden, aber das war eine Sache für sich.«
Stina war nach und nach immer dreister geworden. Sie befand sich in dem irrigen Glauben, daß Pelle zu ihr hielt, und jetzt sagte sie geradeheraus, sie finde Tjorven dumm. Da versicherte Tjorven, Stina sei noch viel dümmer als Janssons Schwein. »Das erzähle ich Großvater, was du da gesagt hast«, schrie Stina, aber Tjorven überschrie sie.
»Petze, Petze, ging in'n Laden, wollt' für'n Sechser …«
Pelle stöhnte vor Unbehagen.
»Kann man denn nicht ein bißchen Ruhe haben«, brummelte er vor sich hin. »Immer und ewig Streit.«
Da schwiegen sie, Tjorven und Stina auch. Lange Zeit sagte keine von beiden etwas, aber schließlich wurde es Tjorven langweilig. »Was willst du werden, wenn du groß bist, Pelle?« fragte sie, um die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen.
»Ich will nichts werden«, sagte Pelle. »Ich will nur eine Menge Tiere haben.«
Tjorven starrte ihn an.
»Irgendwas mußt du aber doch werden?«
»Nee, das will ich nicht.«
»Und dann brauchst du auch nicht«, sagte Stina einschmeichelnd.
Jetzt war es wieder soweit. Tjorven wurde böse.
»Das hast du doch wohl nicht zu bestimmen!«
»Hab ich das denn gesagt?« fragte Stina.
»Geh nach Hause!« schrie Tjorven. »Kleine Kinder dürfen nicht auf Anlegestegen sein, hab ich doch gesagt!«
»Das hast du schließlich auch nicht zu bestimmen«, sagte Stina.
Da schüttelte sich Pelle, als ob er in einem Ameisenhaufen gesessen hätte. »Nee, jetzt geh ich aber«, sagte er. »Hier kann man es ja nicht aushalten.«
Melcher saß noch immer in der kleinen Mädchenkammer neben der Küche und schrieb. Er hatte das Fenster geöffnet, damit er den Duft vom Labkraut draußen einatmen konnte, und wenn er den Blick von der Schreibmaschine hob, sah er einen kleinen blauen Zipfel vom Fjord, und das war wohltuend. Aber er hatte nicht allzuviel Zeit, vom Papier aufzublicken. Das Schreiben ging ihm jetzt so gut von der Hand, und da war es das beste, sich gar nicht zu unterbrechen. Der einzige Nachteil war, daß durch das offene Fenster viel zu viele Geräusche von draußen in seine Dichterwelt eindrangen. Er hörte Malin mit Johann und Niklas verhandeln. Sie sollten Milch holen, aber sie bettelten und flehten, Malin solle es ihnen erlassen. Ob sie nicht Pelle schicken könne, na ja, sie wollten gerade jetzt mit Teddy und Freddy zur Landzunge hinausfahren und das alte Wrack dort untersuchen.
Offenbar gelang es ihnen, Malin zu erweichen. Melcher hörte das fröhliche Juhugeschrei der Jungen in der Ferne verklingen und segnete die schöne Stille, die nach ihrem Verschwinden entstand.
Leider währte sie nicht lange, denn plötzlich steckte Tjorven die Nase zum Fenster herein. Sie hatte sich gerade am Steg von Stina getrennt. Als Pelle weg war, hatte Tjorven es auch eilig gehabt fortzukommen. Sie hatte Stina vorher nur noch klipp und klar gesagt, sie solle nicht mehr damit rechnen, in diesem Leben jemals wieder mit ihr, Tjorven, zu spielen, und Stina hatte erwidert, das sei das Beste, was sie seit langem gehört habe.
Nun war Tjorven hinauf zum Schreinerhaus gezogen, um Pelle dort zu erwischen und vernünftig mit ihm zu reden, aber er war nirgendwo zu sehen. Dafür entdeckte sie ihren Freund Melcher am Fenster der Mädchenkammer.
»Und du schreibst und schreibst nur«, sagte sie. »Was schreibst du da eigentlich?«
Melchers Hände sanken von den Tasten herunter.
»Ach, weißt du, das verstehst du nicht«, sagte er kurz.
»Nein? – Ich verstehe all – alles«, versicherte Tjorven.
»Aber dies hier nun doch nicht«, sagte Melcher.
»Aber du selber, verstehst du das denn?« fragte Tjorven.
Sie lehnte sich gegen das Fensterblech, als ob sie die Absicht hätte, den ganzen Tag dort hängenzubleiben, und Melcher stöhnte.
»Geht es dir nicht gut?« fragte Tjorven.
Melcher sagte, es gehe ihm gut, es würde ihm aber noch besser gehen, wenn sie von hier verschwände. Und da ging Tjorven. Aber nach ein paar Schritten drehte sie sich um und schrie:
»Herr Melcher, weißt du was? Wenn du nicht so schreiben kannst, daß ich es verstehe, dann kannst du es ebensogut lassen.«
Melcher stöhnte von neuem. Zuerst einmal und dann noch einmal. Denn jetzt sah er, wie Tjorven sich auf einem Stein niederließ und sich dort gemütlich einrichtete.
»Wenn ich hier sitze, dann bin ich doch nicht im Wege«, schrie sie.
»Nein, aber Gras mit den Zehen ausrupfen, das kannst du sicher genausogut zu Hause in eurem eigenen Garten tun«, rief Melcher. »Soviel ich weiß, wächst dort mehr Gras.«
Es war allerdings ein schönes sommerliches Bild, mußte Melcher denken – rundliches Kind zwischen Labkraut und Zittergras –, er wußte aber, daß er keine Silbe würde schreiben können, wenn er das Mädchen weiterhin im Blickfeld hätte, sobald er hochschaute. Da hörte er Pelle mit der Milchflasche kommen, und er rief aufgeregt: »Pelle, nimm Tjorven mit! Komm, hier hast du eine Krone* [Schwedisches Geld: 1 Krone = 100 Öre.], ihr könnt euch hinterher jeder ein Eis kaufen. Und ihr braucht euch mit dem Nachhausekommen nicht zu beeilen.«
Pelle hatte eigentlich gehofft, einen einsamen kleinen Spaziergang machen zu dürfen ohne irgendwelches Weibervolk. Er hatte es nötig, die Ohren auszuruhen nach allem auf dem Steg. Aber Eis war Eis, und mit Tjorven allein konnte er es wohl aushalten. Sie war durchaus friedlich und nett, wenn Stina nicht dabei war.
Mit innigem Wohlbehagen sah Melcher sie auf dem Pfad zu Janssons Anwesen hin verschwinden, Bootsmann dicht hinter ihnen. Er versuchte, seine Gedanken wieder zu sammeln, und das wäre ihm fast gelungen. Da hörte er von draußen ein Piepsen, und Stina steckte den Kopf über das Fensterblech.
»Schreibst du Märchen?« fragte sie. »Dann schreib doch eins für mich!«
»Ich schreibe keine Märchen«, brüllte Melcher, so daß Malin zusammenzuckte, obgleich sie schon halbwegs bis zum Kaufmann gekommen war.
Stina zuckte nicht zusammen. Sie blinzelte nur ein bißchen. Zwar merkte sie, daß Onkel Melcher nicht so recht vergnügt zu sein schien, aber das kam wohl daher, weil er keine Märchen schreiben konnte, der Ärmste! »Ich kann dir eins erzählen«, sagte sie tröstend, »das kannst du dann aufschreiben.«
»Malin«, schrie Melcher, »Malin, komm und hilf mir!«
Stina betrachtete voller Interesse seine Schreibmaschine.
»Es ist wohl schwer, Bücher zu schreiben? Besonders die Einbände, was? Schreibt Malin die?«
»M-a-l-i-n …!« schrie Melcher.
Ihr braucht euch nicht zu beeilen – das hatte Melcher seinem Sohn Pelle besonders nachdrücklich gesagt. Wie überflüssig, das zu erwähnen. Man sollte meinen, er wisse nichts von Kindern und habe nie Janssons Kuhwäldchen gesehen. Das mußte man durchqueren, wenn man Milch holen wollte, und so gingen sie den kleinen Pfad zwischen den Birken entlang, Tjorven und Pelle und Bootsmann. Kühe waren zur Zeit nicht im Wäldchen, was Pelle ein wenig grämte. Aber dort wuchsen Walderdbeeren, und dort wuchsen Heidelbeeren, Schmetterlinge flatterten dort herum, Ameisen hatten dort ihre Ameisenpfade und ihre Ameisenhaufen, dort gab es große, bemooste Steine, auf die man hinaufklettern konnte, und in einer Birke wußte Tjorven ein Vogelnest. Wahrhaftig, es bedurfte keiner besonderen Aufforderung, zwei Stunden lang durchs Gehölz zu streifen. Es gab auch einen Fuchsbau, da wohnte der Fuchs mit seinen Jungen, erzählte Tjorven. Sie war selbst eines frühen Morgens mit ihrem Papa dagewesen und hatte die Fuchsjungen draußen vor dem Bau spielen sehen.