Aber jetzt, als sie Pelle den Fuchsbau zeigen wollte, konnte sie ihn nicht finden. Bootsmann jedoch fand ihn. Lange hatte er geglaubt, Tjorven und Pelle seien zu ihrer geheimen Hütte unterwegs, aber sobald er verstand, wonach Tjorven eigentlich suchte, sah er sie an, als dächte er so ungefähr: Hummelchen, weshalb fragst du mich nicht gleich? Und da führte er sie geradewegs zum Bau. Der lag ganz hinten im Wald und so versteckt, wie ein Fuchs es sich nur wünschen konnte. In einer Steinmauer. Pelle zitterte vor Erregung. Dort unten in den finsteren Gängen war der Fuchs. Was machte es schon, wenn man ihn nicht zu sehen bekam, wenn man doch wußte, daß er dort drinnen saß mit seinem roten Fell und seiner langen Lunte und den blitzenden Augen. Das genügte Pelle.
Sie machten auch einen kleinen Abstecher zu ihrer geheimen Hütte, da sie es ja überhaupt nicht eilig hatten. Die Hütte hatten sie aus Protest gebaut gegen Teddy und Freddy und Johann und Niklas, diese vier Geheimen. Die hatten irgendwo eine geheime Hütte, und sie hatten gesagt, niemand auf der Welt, der nicht mit in ihrem geheimen Klub sei, dürfte jemals erfahren, wo diese Hütte sei. Tjorven und Pelle hatten sich sofort angeboten, in den geheimen Klub einzutreten, aber das ging auch nicht, denn sie seien zu klein, sagte Teddy, und die geheime Hütte liege weit weg auf einer anderen Insel, einer geheimen, unbewohnten Insel, und dort dürfe niemand hinkommen, der noch nicht zwölf Jahre alt sei, so laute das Gesetz, sagte Freddy. Zwei Wochen lang waren die vier Geheimen jeden Morgen in ihrem Kahn losgerudert, daß es nur so schäumte, während Tjorven und Pelle und Stina wütend auf dem Steg zurückblieben und fühlten, daß sie zu klein waren.
»Gar nicht sind wir zu klein«, sagte Tjorven. »Wir können uns auch eine geheime Hütte bauen.«
Und so hatten sie sich eine in Janssons Kuhwäldchen gebaut, sogar Stina hatte mitmachen dürfen.
Aber nach zwei Tagen, als sie gerade so schön dasaßen und geheim waren, war Niklas gekommen und hatte den Kopf zu ihnen hineingesteckt. Eine feine Hütte sei das, hatte er gesagt, und auch geheim. »Man sieht sie allerdings jedesmal, wenn man Milch holen geht.«
Er hatte ein bißchen gelacht, und wenn er es auch gar nicht so gemeint hatte, so wurde ihre Hütte doch auf einmal so armselig und klein, nichts als ein paar Bretter und eine alte Decke. Es machte kein bißchen Spaß mehr, dort zu sitzen.
Heute aber war der Freude kein Ende; denn kann man sich ein größeres Glück vorstellen – als sie endlich den Hof erreichten, Tjorven und Pelle, da wollte Onkel Jansson gerade zwei von seinen Kühen nach Storholmen hinüberbefördern! Er hatte dort auch eine Viehkoppel.
Pelle geriet ganz aus dem Häuschen, als er die Kühe sah, und warf die Milchflasche, ohne nachzudenken, an der Stallecke von sich. »Lieber guter Onkel Jansson, wir dürfen doch mit rüberfahren?« bettelte er.
Er hatte noch nie eine Kuhfähre gesehen, noch nie in seinem Leben hatte er Kühe mit einem Schiff fahren sehen. Nur auf Saltkrokan konnte man etwas so Merkwürdiges erleben. Tjorven bildete sich ein, daß sie mehr oder weniger über die ganze Insel zu bestimmen hatte, und so war es daher auch ihr Verdienst, daß es hier einen Fuchsbau gab und Kuhfähren. Jetzt verhandelte sie mit Onkel Jansson, denn es wäre ja schön, wenn sie Pelle noch ein kleines Vergnügen verschaffen könnte, und wenn sie ihn nur mit ein paar Kühen zusammenbrächte. Onkel Jansson hatte seine Bedenken, weil Bootsmann soviel Platz wegnahm wie eine halbe Kuh. Aber Tjorven versicherte, er könne sich zusammendrücken und ganz, ganz platt werden, und nun führte sie Pelle im Triumph auf die Fähre.
Es war eng, Pelle hatte eine von den Kühen ganz dicht vorm Gesicht, aber das war nur schön. Er streichelte ihr feuchtes Maul, und sie leckte seine Finger mit ihrer rauhen Zunge. Da lachte Pelle und machte ein zufriedenes Gesicht.
»Ich wünschte, ich hätte eine Kuh«, sagte er. »Diese möchte ich haben. Sie hat so treue Augen.«
Tjorven zuckte mit den Schultern. »Das haben doch alle Kühe.«
Pelle bekam keine Kuh, weder an diesem noch an einem anderen Tag. Es passierte ihm aber trotzdem etwas Märchenhaftes, und das begann genau auf Storholmen. Bei einem Kaninchenstall hinter einer Fischerhütte. Bei diesem Kaninchenstall stand Knutte Österman, ein dreizehnjähriger rothaariger Junge, ein guter Freund von Tjorven und glücklicher Besitzer von drei weißen Kaninchen, deren Anblick Pelle derart blendete, daß er kaum reden konnte.
»In einer Stunde geht die Fähre nach Saltkrokan zurück«, hatte Onkel Jansson gesagt, bevor er Tjorven und Pelle auf der Insel laufen ließ. »Seid ihr dann nicht am Steg, müßt ihr rüberschwimmen.«
»Du kannst ganz beruhigt sein«, sagte Tjorven. Und dann nahm sie Pelle mit zu Knutte Österman, dem glücklichen Kaninchenbesitzer.
Dem glücklichsten der Welt nach Pelles Meinung.
»Kauf dir doch selber eins«, sagte Knutte, nachdem Pelle lange dagestanden und seine Kaninchen angehimmelt hatte. »Rulle auf Lillasken hat junge Kaninchen, die er verkauft.«
Was Knutte da sagte, hörte sich so an, als wäre es die einfachste Sache von der Welt, etwas, was man täglich tat, wenn einem gerade danach war. Pelles Atem ging schwer. Konnte man sich wirklich so ohne weiteres ein Kaninchen kaufen, war es möglich, daß er das auch tun konnte? Aber was würde Papa sagen, und was würde Malin sagen, und wo sollte er das Kaninchen unterbringen? Die Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum, aber da fiel ihm plötzlich etwas ein, und der Glanz in seinen Augen erlosch ebenso rasch, wie er entzündet worden war.
»Ich hab ja kein Geld.«
»Hast du doch«, sagte Tjorven. »Du hast eine Krone, und wenn ich Rulle auf Lillasken sage, das reicht, dann reicht es.«
»Ja aber … aber …« stammelte Pelle.
»Nehmt unseren Kahn«, sagte Knutte, »ihr seid in fünf Minuten rübergerudert.«
Das war so was, das man nicht tun durfte. Weder Pelle noch Tjorven durften allein Boot fahren.
»Aber nur fünf Minuten«, sagte Tjorven. »Das ist ja fast nichts.«
Sie regelte alles. Pelle war wie gelähmt und leistete keinen Widerstand. Sie zerrte ihn zu Knuttes Kahn hinunter, und bevor Pelle noch so recht begriffen hatte, was da vor sich gehen sollte, hatte sie ihn über den schmalen Sund nach Lillasken gerudert und ihn Rulle als Großanwärter auf Kaninchen vorgestellt.
Und dort gab es wahrhaftig Kaninchen, lange Reihen von Kaninchenställen hinter Rulles Holzschuppen mit schwarzen und weißen und grauen und gefleckten Kaninchen in jeder Größe. Pelle drückte die Nase gegen die Drahtgitter und spürte den lieblichen Geruch von Kaninchen und Heu und faden Löwenzahnblättern. Er blieb vor jedem Käfig lange stehen und schaute jedem einzelnen Kaninchen in die Augen. In einem Käfig aber saß ein kleines einsames, puscheliges, weiß-und braungeflecktes Kaninchen und fraß Löwenzahnblätter, wobei seine Nase auf und nieder ging.
»Das da«, sagte Pelle. Dann sagte er nichts weiter, betrachtete nur das Kaninchen und überlegte, wie es wohl wäre, wenn man es auf dem Arm hätte.
»Es ist das häßlichste von der ganzen Bande«, sagte Tjorven. Pelle guckte das Braungefleckte zärtlich an.
»Wirklich? Aber es hat so was Treues in den Augen, finde ich.«
Rulle auf Lillasken war ein alter Junggeselle, der allein auf seiner Insel lebte und sich von Fischfang und Kaninchenzucht ernährte. Einmal in der Woche fuhr er nach Saltkrokan hinüber und kaufte in Grankvists Geschäft seinen Schnupftabak und seinen Kaffee und was er sonst noch brauchte. Darum hatte er Tjorven nicht entgehen können, ebensowenig wie irgendein anderer Mensch in den Schären um Saltkrokan.