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Und nun stand sie vor ihm und hielt Pelles Krone in der Faust.

»Du kriegst eine Krone für das da«, sagte sie und zeigte auf das Braungefleckte. »Ja oder nein?«

»N-ja«, sagte Rulle zögernd solch einem schamlosen Gebot gegenüber. Da drückte Tjorven ihm das Geldstück in die Hand.

»Vielen Dank. Hab ich's doch gewußt.«

Sie öffnete schnell den Kaninchenstall, zerrte das Kaninchen heraus und legte es Pelle in den Arm.

»Da hast du's.« Und Rulle wieherte ganz vergnügt. »Du verstehst es, Geschäfte zu machen, Tjorven, das muß ich sagen! Aber warte nur, bis ich das nächste Mal Schnupftabak kaufe.«

Pelle hielt das Kaninchen im Arm. Er machte die Augen zu und spürte, wie weich es war, oh, ganz weich und sanft. Und plötzlich kam ihm sein unerhörtes Glück zum Bewußtsein. Es tat beinahe weh. Dies war das Seligste, was einem passieren konnte, und es war ihm passiert.

»Doch, doch, das gibt einen schönen Braten ab, wenn es mal groß ist«, sagte Rulle zufrieden.

Pelle wurde weiß um die Nase.

»Das soll nie ein Braten werden, niemals«, sagte er heftig.

»Wofür willst du es denn sonst haben?« fragte Rulle.

Pelle drückte das Kaninchen an sich.

»Als meins! Ich will es nur als meins haben.«

Und Rulle hatte kein hartes Herz. Er gab zu, daß man ein Kaninchen auch auf diese Weise besitzen konnte, obwohl er selber nie auf den Gedanken gekommen war. Es war rührend, einen Jungen zu sehen, den ein kümmerliches kleines Kaninchen so unfaßbar glücklich machte. Rulle wurde richtig munter. Er holte eine Holzkiste für Pelle, in der er das Kaninchen tragen konnte, und begleitete ihn schmunzelnd bis an den Steg hinunter. Tjorven saß schon an den Riemen.

»Es ist heute warm und schön«, sagte Rulle und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Du kannst von Glück sagen, Tjorven, daß du nicht so weit rudern mußt.«

Tjorven guckte mit Kennermiene zu den Wolken empor, die sich hinter Lillasken am Himmel aufgetürmt hatten, und sagte düster: »Wir kriegen Gewitter!«

Ja, es war allerdings gut, daß sie nicht so weit zu rudern brauchte. Sie war tapfer wie ein Heerführer, aber einen schwachen Punkt hatte sie. Sie hatte Angst vor Gewitter, wenn es ihr auch schwerfiel, das zuzugeben. Und kaum hatte sie angefangen zu rudern, da hörten sie schon das erste schwache Grollen.

Das heißt, Pelle hörte es wohl kaum. Er saß auf der Achterducht und hielt die Kiste auf den Knien und guckte durch die Latten zu seinem Kaninchen hinein. Seinem eigenen Kaninchen. Es mußten kräftige Donnerschläge sein, um Pelle zu wecken.

Es kam ein ordentlicher Knall, der Pelle dazu brachte, aufzuschauen. Er sah Tjorven mit einer Miene dasitzen, als wollte sie anfangen zu weinen, und er fragte verwundert: »Hast du Angst vor Gewitter?«

Tjorven wand sich.

»Nee, gar nicht – nur manchmal – nur wenn's da ist.«

»Ach was, das ist doch nicht weiter gefährlich«, sagte Pelle und fühlte mit Stolz, daß er ausnahmsweise einmal mutiger war als Tjorven. Allerdings saß er nicht gern eine ganze Nacht in der Küche und horchte auf den Donner, aber er fürchtete sich nicht davor, obgleich es sonst ziemlich viel gab, vor dem er sich fürchtete.

»Teddy meint auch, das Donnern ist nicht gefährlich«, sagte Tjorven. »Aber wenn das Donnern losgeht, dann höre ich, wie es sagt: ›Klar bin ich gefährlich!‹, und dann glaube ich dem Donnern mehr als Teddy.«

Sie hatte kaum ausgesprochen, da krachte es von neuem, und das klang wirklich gefährlich. Tjorven schrie auf und schlug die Hände vors Gesicht.

»Oh, die Riemen«, rief Pelle. »Guck mal, die Riemen!«

Und das tat Tjorven. Sie schaute nach den Riemen, die schwammen beide ganz still auf dem Wasser und waren schon mehrere Meter vom Kahn entfernt.

Tjorven hatte schon oft Riemen verloren, das machte ihr keine Angst. Aber jetzt war Gewitter. Da wollte sie nicht in einem Kahn auf dem Wasser sitzen und nicht an Land kommen können. Daher schrie sie nach Rulle, und Pelle half ihr. Sie konnten ihn noch immer sehen. Er war auf dem Weg den Abhang hinauf zu seinen Kaninchenställen, drehte sich aber nicht um, als sie nach ihm riefen.

»Du hörst wohl schlecht?« schrie Tjorven, und so verhielt es sich zweifellos. Bald konnten sie ihn nicht mehr sehen.

Der Kahn trieb sanft mit Strömung und Wellen. Pelle überlegte erschrocken, ob man das hier wohl Schiffbruch nannte und ob er wirklich sterben müsse, jetzt, wo er ein Kaninchen bekommen hatte.

»Nicht, wenn du im Kahn bleibst, bis wir auf Knorken angetrieben sind«, sagte Tjorven.

Um Storholmen und Lillasken liegen die Holme so dicht wie die Rosinen in einem Rosinenkuchen. Einer davon ist Knorken, und jedermann konnte erkennen, daß hier nichts aus einem Schiffbruch wurde, denn der Kahn hatte zweifellos beschlossen, gerade dorthin zu treiben. Auch in eine passende kleine Bucht. Tjorven steuerte ihn dorthin, indem sie mit der Schöpfkelle platschte.

Sie kamen gerade so weit, den Kahn aufs Ufer zu ziehen, da sahen sie den Regen von Storholmen herüberkommen. Er stand wie eine Wand über dem bleigrauen Wasser, und er kam schnell näher. In wenigen Sekunden würde er über ihnen sein wie die Sintflut.

»Lauf«, sagte Tjorven und lief selbst voraus, auf die schützenden Bäume hinter den Uferfelsen zu. Pelle stürzte hinterher, so schnell er mit seiner Kaninchenkiste im Arm konnte, während Bootsmann ihn in die Kniekehlen puffte, um nachzuhelfen.

Da stieß Tjorven ein Geheul aus. Ein Freudengeheul.

»Die Hütte!« rief sie. »Wir haben die Hütte gefunden!«

Und wahrhaftig, das hatten sie. Hier lag sie, diese gesegnete Hütte, von der sie den ganzen Sommer hatten erzählen hören. Eine schönere Hütte konnte man wohl auf keiner Insel im ganzen Schärengebiet finden. Sie lag unter üppigen Fichten versteckt, sie war fast wie ein richtiges Haus gebaut, mit Moos abgedichtet, und das Dach bestand aus Brettern und Moos. In der Tat, so mußte eine Hütte aussehen! Und sie hätten sie in keinem besseren Augenblick finden können. Denn jetzt brach eine Sintflut über Knorken herein. Sie saßen in der Hütte und schauten zwischen den Fichten zu, wie irrsinnig der Regen das Wasser und die Uferfelsen peitschte.

»Und hier sitzen wir und bleiben trocken«, sagte Tjorven zufrieden. »Ich werde mich aber bei Teddy und Freddy bedanken, wenn ich nach Hause komme.«

»Wir kommen nie nach Hause«, sagte Pelle, und so seltsam es war, er fühlte keine Angst, als er das sagte. Denn in dieser Hütte zu sitzen bei prasselndem Regen, das war sogar schöner, als im Bootshaus zu sitzen. Außerdem hatte er ein Kaninchen, das half gegen alles. Er öffnete die Kiste und streichelte sein Kaninchen.

»Du hast doch nicht etwa Angst«, sagte er. »Das brauchst du nicht, ich bin ja bei dir.«

Tjorven saß da und strahlte vor Zufriedenheit. Das würde einen Spaß geben, wenn sie nach Hause kam und mit Teddy und Freddy über geheime Hütten redete, darauf freute sie sich wirklich. Und sie hatte überhaupt keine Angst, daß sie etwa bis an ihr Lebensende auf Knorken bleiben müßten. Sie hatte jetzt überhaupt keine Angst mehr, denn das Gewitter hatte aufgehört, und bald hörte es auch auf zu regnen. In dieser Hütte konnte man spielen, dachte Tjorven bei sich. Daß man in Seenot geraten und auf eine wüste Insel verschlagen worden war wie Robinson, von dem hatte Freddy erzählt. Und der hatte sicher so eine Hütte gehabt. Pelle konnte Freitag sein. Wer Robinson war, darüber brauchte man nicht lange nachzudenken. Aber sie wollte ein Robinson sein mit einem gewöhnlichen, gemütlichen kleinen Haushalt, ein Robinson, der zum Nachtisch Walderdbeeren aß. Sie sah sie draußen dicht an dicht im Gras wachsen. Wäre nun Freitag vernünftig, dann könnte er Teddys alte Angelrute nehmen, die vor der Hütte stand, und zum Wasser hinuntergehen und ein paar Barsche angeln. »Wenn man nämlich in Seenot ist, muß man immerzu essen«, sagte Tjorven.