Aber Pelle sagte, er wolle lieber verhungern, als heute oder wann immer Würmer zu quälen.
»Dann gibt's eben nur Walderdbeeren«, sagte Tjorven und stapfte in das nasse Gras hinein.
Pelle nahm sein Kaninchen mit und ging zum Wasser hinunter. Nicht um Barsche zu angeln, sondern weil er versuchen wollte, aus der Seenot herauszukommen. Er hatte eine alte Zeitung in der Hütte gefunden. Wenn man sich am Ufer aufstellte und damit winkte, dann sah es vielleicht jemand auf Storholmen, Onkel Jansson oder Knutte oder sonst jemand.
Pelle winkte, bis ihm die Arme weh taten, aber es nützte nichts. Er war noch ebensosehr in Seenot wie vorher, und drüben auf Storholmen war niemand zu sehen.
Jetzt war sicherlich mehr als eine Stunde vergangen, und Onkel Jansson hatte wohl seine Kuhfähre genommen und war wieder nach Saltkrokan heimgefahren. Sicher war er ärgerlich, und die zu Hause waren auch böse, wenn sie erfuhren, daß Tjorven und Pelle ohne Erlaubnis aufs Wasser hinausgerudert und abhanden gekommen waren.
Es war schlimm, daran zu denken. Aber Pelle hatte ein Kaninchen, das half beinahe über alles hinweg.
Das Wasser kräuselte sich, blau und glitzernd, jetzt schien wieder die Sonne. Pelle saß auf einem Stein am Ufer mit dem Kaninchen im Arm. Da fiel ihm ein, daß er es taufen müßte.
»Du kannst nicht einfach nur ›mein Kaninchen‹ heißen, du mußt einen richtigen Namen haben, das ist dir wohl klar.«
Er dachte lange nach, dann tauchte er die Hand ins Wasser und taufte das Kaninchen.
»Du sollst Jocke heißen, Jocke Melcherson, daß du's weißt.«
Es war noch feiner, wenn man ein Kaninchen besaß, das einen Namen hatte. Jetzt war es kein beliebiges puscheliges Kaninchen, sondern ein ganz besonderes, das Jocke hieß. Pelle probierte aus, wie es klang. »Jocke! Mein Jockelchen!«
Aber da rief Robinson nach Freitag, und der kam gehorsam. Robinson hatte Hasenklee in einem Einmachglas auf die Zuckerkiste gestellt, die als Tisch in der Hütte diente, und rote Walderdbeeren auf grünen Blättern gedeckt, denn dieser Robinson war von häuslicher Art und einer, der alle Walderdbeeren gerecht mit seinem Sklaven teilte.
Als sie gegessen hatten, sagte Tjorven: »Das war mal gut! Aber ich glaube, jetzt fahren wir nach Hause.«
Pelle wurde fast ärgerlich. Weshalb sagte Tjorven solche Dummheiten, wo sie doch wußte, daß sie hier nicht wegkommen konnten? »Natürlich können wir hier wegkommen«, sagte Tjorven. »Ich kann den Motor anlassen. Komm, Bootsmann!«
Es gab nirgendwo auf der Welt einen Hund wie Bootsmann, das wußte Pelle. Er war ja den ganzen Sommer mit ihm zusammengewesen, hatte jeden Tag mit ihm gespielt, ihn verehrt und bewundert wegen all der merkwürdigen Dinge, die er konnte. Bootsmann konnte Versteck spielen und auf dem Schaukelbrett schaukeln, er konnte Sachen finden und Sachen holen. Einmal holte er sogar Stina aus dem Wasser, als sie hineingefallen war.
Aber noch merkwürdiger als alles andere war das, was er jetzt tat, fand Pelle. Oh, wenn doch Papa und Malin hier wären und es sehen könnten! Wenn sie doch sehen könnten, wie Bootsmann schwimmend den Kahn hinter sich her zog! Die Bootsleine war an seinem Halsband befestigt, und er schwamm ruhig und stetig schnurstracks nach Storholmen hinüber, während Tjorven und Pelle im Boot saßen und wie die Prinzen fuhren, ohne auch nur eine Flosse zu rühren. Oh, was für ein Hund! Tjorven fand es sicher gar nicht so aufsehenerregend, aber Pelle saß im Kahn und war von einer solchen Liebe zu Bootsmann erfüllt, daß sein Herz schier brechen wollte.
»Er ist klüger als irgendein Mensch«, sagte Pelle. Aber in der nächsten Sekunde entdeckte er etwas, was ihn ausrufen ließ: »Guck mal, da sind die Riemen!«
Wahrhaftig, da lagen sie ganz ruhig und schwappten in der Dünung, nah bei einer kleinen Felseninsel.
»Was für ein Glück«, sagte Tjorven, als sie sie geborgen hatte. »Knutte wäre ganz schön wütend geworden, wenn wir ohne Riemen nach Hause gekommen wären.«
Dann umdüsterte sich plötzlich ihre Miene. Man hätte meinen können, die Furcht vor dem Gewitter sei wieder zurückgekehrt.
»Ich weiß noch jemanden, der jetzt wütend ist: Onkel Jansson.«
Er war jähzornig, das wußte sie, denn sie kannte alle Menschen auf dieser Inselgruppe recht gut. Onkel Jansson konnte ebenfalls wie das Gewitter donnern, wenn er böse wurde, und Tjorven würde ihm jetzt am liebsten nicht begegnen.
»Aber er ist sicher längst nach Saltkrokan zurückgefahren«, sagte Pelle, »und das ist auch nicht besser.«
Sie legten am Storholmsteg an. Tjorven band Bootsmann los und machte den Kahn fest. Als Bootsmann das Wasser abgeschüttelt hatte, schaute er Tjorven mit seinen klugen, ein wenig traurigen Augen an, als ob er sagen wollte: »Hummelchen, soll ich noch mehr für dich tun?«
Da nahm Tjorven seinen großen Kopf zwischen ihre Hände und sah ihm tief in die Augen.
»Bootsmann, weißt du was«, sagte sie, »du bist mein einziger kleiner Nödelhund.«
Kein Mensch war zu sehen. Knutte nicht und Onkel Jansson nicht. Aber die Kuhfähre lag noch immer da, das konnte nur bedeuten, daß Onkel Jansson auch noch auf der Insel war und vermutlich herumrannte wie ein Tobsüchtiger und sie suchte.
Sie standen auf dem Anleger und fühlten sich ganz elend. Da sahen sie plötzlich jemanden den Abhang von Östermans heruntergestürmt kommen. Es war Onkel Jansson, oh, und wie schnell er kam! Tjorven machte ängstlich die Augen zu. Jetzt hieß es nur, die Schelte hinzunehmen.
Als Onkel Jansson am Landungssteg anlangte, japste er so, daß er kaum sprechen konnte.
»Ihr armen Dinger«, sagte er, »da steht ihr und wartet! Oje, oje, aber seht ihr, ich mußte zuerst noch einen Zaun ausbessern, und dann fing es an zu regnen, und dann bin ich zu Östermans gegangen, und da bin ich hängengeblieben. Ihr armen Kinderchen, habt ihr lange gewartet?«
»Oooch nein, nicht so schlimm«, sagte Tjorven. »Und es macht gar nichts!«
Nach vier Stunden ununterbrochener Arbeit stülpte Melcher zufrieden die Haube über seine Schreibmaschine und ordnete die Manuskriptseiten auf dem Tisch. Da erschien Pelle draußen vor seinem Fenster. »Sieh einer an, da ist ja schon der kleine Pelle mit der Milch«, sagte Melcher. »Das ist aber schnell gegangen!«
Melcher irrte sich. Es war nicht der kleine Pelle mit der Milch, es war der kleine Pelle ohne die Milch. Die Milchflasche stand noch immer an der Ecke von Janssons Stall. Aber Pelle hatte etwas anderes mitgebracht, und das hielt er unterhalb des Fenstersimses verborgen, so daß Melcher es nicht sehen konnte.
»Papa, du hast doch gesagt, ich würde jetzt bald ein Tier bekommen, nicht wahr?«
Melcher nickte.
»Ja, ja, wir wollen uns das mal in aller Ruhe überlegen.«
Da setzte Pelle sein Kaninchen vor ihm auf den Tisch, und Jocke wischte erschrocken die Manuskriptseiten in alle Windrichtungen.
»Was sagst du dazu?« fragte Pelle.
Malin hatte auch einiges dazu zu sagen, als Pelle und Tjorven in die Küche kamen und Jocke vorzeigten.
»Mein lieber Pelle, wir fahren doch in einer Woche in die Stadt. Wo sollen wir dann mit Jocke hin?«
Deswegen brauchte sie sich aber keine Sorgen zu machen. Onkel Jansson hatte versprochen, daß Jocke in seinem Stall wohnen dürfte, bis Pelle im nächsten Sommer wiederkäme.
Es war ein großer Augenblick in Pelles Leben. Er war so stolz auf sein Kaninchen, daß es um ihn herum leuchtete, und noch mehr Spaß hatte er, als Johann und Niklas und Teddy und Freddy in die Küche gestürzt kamen und es sich ansehen wollten. Selbst Tjorven wurde ein wenig neidisch.
»Ich möchte auch ein Kaninchen haben«, sagte sie.
»Du kannst ein Stückchen von meinem abkriegen«, sagte Pelle. »Das eine Hinterbein kannst du kriegen.«