Выбрать главу

Melcher erklärte, man könne nicht ein ganzes großes Schreinerhaus, für das man Miete gezahlt habe, ohne jeden Zweck leer stehen lassen. Wollte man für sein Geld etwas haben, dann müsse man Weihnachten dort feiern, und wenn einem die Ohren abfrören. Er packte Tjorven und tanzte mit ihr herum.

»Heißa und hopsa und fallerallera, Heiligabend sind wir fröhlich und alle wieder da«, schrie er. Und übrigens nicht nur Heiligabend, sondern auch jetzt in der Stunde des Abschieds, sagte Melcher, da sie sich ja schon in wenigen Monaten wiedersehen würden. »Nur frohe Gesichter möchte ich um mich sehen! Hörst du, was ich sage, Bootsmann?« fragte er streng, denn Bootsmann lag da und sah betrübter aus als je zuvor. »Malin, gib ihm den Rest von der Torte, wir wollen mal sehen, ob es etwas nützt«, sagte Melcher.

Und Bootsmann fraß die Sahnetorte, aber mit unerschütterlich trauriger Miene.

»Und trotzdem findet er sie so infernalisch gut, das weiß ich«, sagte Tjorven.

Pelle saß auf der Treppe, den Kopf auf die Hände gestützt. Er fühlte sich genauso düster, wie Bootsmann aussah. Alles hatte immer ein Ende, Sahnetorten und Sommer und vielleicht das ganze Leben, was wußte er! Aber ein kleines Stück Sahnetorte war merkwürdigerweise übriggeblieben, und als das Festmahl vorüber war, stand die Tortenplatte zur Freude aller Wespen noch immer an der Giebelseite auf dem Gartentisch.

Glückliche Wespen, die dürfen im Schreinerhaus bleiben, denn kleine Wespenkinder brauchen nicht in die Stadt zu reisen und in die Schule zu gehen, was haben die es gut, dachte Pelle.

Sie wurden indessen um das Stück Torte gebracht. Tjorven hatte es bemerkt, und sie verscheuchte die Wespen. Drei Stück Torte hatte sie vorher schon verputzt, dieses hier aber sah besser aus als irgendein anderes mit seiner kleinen hellrosa Marzipanrose obendrauf, und Tjorven wollte es haben. Sie sah sich nach Malin um, denn sie war es nicht gewohnt, Sachen ohne Erlaubnis zu nehmen. Aber Malin war mit Björn verschwunden, und Herr Melcher war ebenfalls nirgendwo zu sehen. Es war ganz einfach keiner da, den sie fragen konnte, und jeden Augenblick konnte jemand anders kommen und das Stück Torte entdecken, jemand, der es vielleicht auch haben wollte. Daher war es eilig. Und daher faltete Tjorven die Hände und betete:

»Lieber Gott, darf ich das Stück Torte nehmen?«

Und sie antwortete sich selbst mit der tiefsten Baßstimme, die sie zustande bringen konnte: »Ja, gewiß darfst du das.«

Und dann war die Torte zu Ende. Das Mahl war zu Ende. Der Sommer war zu Ende – oder nicht?

Nein, der Sommer war noch nicht zu Ende, nur weil Melchersons die Insel verließen. Es kamen warme Septembertage mit Hummelgesumm und Schmetterlingsflattern, es kamen Oktobertage, so still und klar wie Kristall, die Bootsschuppen am Anlegesteg spiegelten sich klar im Wasser, daß man kaum wußte, was Spiegelbild war und was Wirklichkeit. Tjorven aber wußte es, und sie erklärte es Bootsmann.

»Was da auf dem Kopf steht, das sind auch Bootsschuppen, allerdings nur für Meerjungfrauen, verstehst du. Sie schwimmen rein und raus und spielen den ganzen Tag.«

Und in den Bootsschuppen, die nicht auf dem Kopf standen, spielte Tjorven mit Bootsmann Versteck. Ohne ihn wäre sie ziemlich verlassen gewesen, Teddy und Freddy waren jetzt jeden Tag in der Schule und Pelle und Stina weit weg in einem fernen Stockholm, in das sie selbst noch nie ihren Fuß gesetzt hatte und von dem sie nichts wußte. Aber sie hatte Bootsmann, und außerdem füllte sie ihre Tage mit den seltsamen und wunderbaren Spielen des Einzelkindes aus. Sie entbehrte nichts.

Und langsam senkte sich das herbstliche Dunkel auf Saltkrokan und die Menschen, die dort lebten. Abends leuchtete es spärlich aus den Fenstern, kleine, einsame Lichter in all dem Kohlschwarz. Hier draußen auf den Inseln wohnten so wenige Menschen, und wenn die Dunkelheit kam und die Herbststürme um ihre Häuser heulten und das Meer wie irrsinnig an ihren Stegen und Bootsschuppen rüttelte, da gab es wohl diesen oder jenen unter ihnen, der sich fragte, weshalb man hier am weitesten draußen im Meer lebte, aber sie wußten, gerade hier wollten sie leben und nirgendwo anders.

Der Dampfer aus der Hauptstadt kam jetzt einmal in der Woche. Er hatte keine Sommergäste an Bord, überhaupt keinen Menschen außer der Besatzung, aber Nisse Grankvist bekam seine Waren und stand getreulich auf dem Anleger, um sie in Empfang zu nehmen. Und Tjorven stand ebenfalls bei jedem Wetter da mit Bootsmann neben sich, obwohl es manchmal kohlrabenschwarze Nacht war, wenn das Schiff endlich kam, und obwohl kein Pelle mitkam.

Aber Pelle schrieb Briefe, denn er ging jetzt in die Schule in der Stadt und konnte in Blockbuchstaben schreiben. Er schrieb nicht an Tjorven, sondern an Jocke. Allerdings war es Tjorven, die zu Jocke in Janssons Stall gehen mußte und ihm berichtete, was da stand, nachdem Freddy es ihr vorgelesen hatte.

»JOCKELCHEN«, schrieb Pelle, »HALT AUS, HALT AUS, ICH KOME BALT.«

Als Tjorven eines Morgens erwachte, lag Eis auf allen Pfützen, in denen sie am Tage vorher herumgeplatscht war, und sie hatte lange Zeit ihren Spaß daran, das Eis mit ihren Stiefeln zu zersplittern. Aber am nächsten Tag war noch mehr Eis da, es wurde immer kälter, und eines Nachts fror der Fjord zu. »Noch nie haben wir so früh Eis gehabt«, sagte Märta.

Die Eisbrecher mußten eine Fahrrinne aufbrechen, damit der Dampfer durchkommen konnte, und dennoch dauerte es zehn Stunden, ehe er sich durch all den Eisbrei bis zu den Inseln am äußersten Rand der Schärenküste durchgearbeitet hatte.

Und dann wurde es endlich Weihnachten. Grankvists Laden hatte Weihnachtswichtel im Schaufenster, und alle Leute von den Inseln drängten sich am Ladentisch, um Stockfisch und Weihnachtsschinken, Weihnachtskaffee und Weihnachtskerzen zu kaufen.

Teddy und Freddy hatten Weihnachtsferien und mußten im Geschäft mithelfen. Tjorven war überall im Wege.

»Bloß noch wenige Tage bis Heiligabend«, sagte sie, »und ich kann immer noch nicht mit den Ohren wackeln.«

Sie verkehrte in dieser Zeit fleißig mit Söderman, und der hatte ihr eingeredet, daß der Weihnachtswichtel besonders solche Leute gern hätte, die mit den Ohren wackeln könnten – es sehe freundlich aus, behauptete Söderman. Er selbst beherrschte die Kunst, aber er wollte nach Stockholm fahren und bei Stina Weihnachten feiern, und wer sollte dann hier draußen auf Saltkrokan dem Weihnachtswichtel freundlich mit den Ohren zuwackeln?

»Das mußt du machen, Tjorven«, sagte Söderman.

Und Tjorven übte geduldig und mit Ausdauer.

Drei Tage vor Weihnachten kam die »Saltkrokan I« durch die Eisrinne gestampft mit der Familie Melcherson an Bord. Sie standen allesamt an der Reling und starrten durch das Schneegestöber und die Winterdämmerung auf ihre Sommerinsel, die jetzt weiß und schweigend dalag, in Schnee gebettet, von Eis umfangen, winterlich schön und seltsam fremdartig, mit weißen Dächern auf den Bootsschuppen und mit leeren Bootsstegen, an denen keine Boote mehr an ihren Vertäuungen schaukelten. War das wirklich ihre Sommerinsel? Sie erkannten sie gar nicht wieder.

Aber sie konnten das Schreinerhaus unter verschneiten Apfelbäumen sehen, der Schornstein rauchte, und Melcher war gerührt.

»Es ist jedenfalls ein Gefühl, als käme man nach Hause«, sagte er. Und da stand Nisse Grankvist draußen auf dem Eis an der Fahrrinne, da kamen Teddy und Freddy auf ihren Schlitten angesaust, da kam Janssons Schlitten mit Söderman drin und mit Jansson auf dem Kutschbock und Tjorven als blindem Passagier hintendrauf. Ein zartes kleines Schellengeläut schlug an ihr Ohr, und Pelle merkte, wie es ihm einen Ruck gab. Jetzt war Weihnachten, und er sollte Jocke wiedersehen, bald, bald sollte er Jocke wiedersehen! Und Bootsmann – da kam er auch auf dem Eis angetrottet. Pelles Augen leuchteten, als er ihn sah. Tjorven winkte und schrie, aber das merkte er nicht. Er sah nur Bootsmann. »Alles ist ganz anders als im Sommer«, darüber waren Johann und Niklas sich einig. Natürlich nicht Teddy und Freddy, die johlten und schrien und krächzten wie Krähen und waren gottlob ganz wie immer, sonst aber war es, als kämen sie in eine andere Welt. Weder Johann noch Niklas machten sich Gedanken darüber, was es hieß, in dieser Welt von Schnee und Eis zu leben, einsam und abgeschieden. Für sie war all das Winterliche hier und die Veränderung nur aufregend und abenteuerlich, mehr oder weniger um ihrer Zerstreuung willen entstanden.