Der Dampfer hielt jetzt in der Fahrrinne. Bis an den Anlegesteg konnte er nicht kommen. Wollte man aussteigen, mußte man mit Hilfe einer Leiter aufs Eis hinunterklettern.
»Endlich am Nordpol«, sagte Johann. »Die Mitglieder der Expedition steigen aus.« Er kletterte als erster hinunter, und die anderen folgten nach. Da sahen sie Björn auf einer anderen Leiter herankommen, die quer über der Fahrrinne lag. Es war eine wackelige und ziemlich gefährliche Brücke, aber so eine brauchte man, wenn man in Norrsund wohnte und nach Saltkrokan hinüberwollte. Und auf Saltkrokan hatte Björn offenbar heute etwas zu erledigen.
»Weshalb kommst du, ist was Besonderes los?« fragte Söderman verschmitzt.
Björn gab keine Antwort, denn jetzt sah er Malin.
»Heißa und hopsa und fallerallera, Heiligabend sind wir fröhlich und alle wieder da«, schrie Melcher und packte Tjorven. Aber sie riß sich los, denn sie wollte mit Pelle gehen, und da mußte sie sich beeilen. Pelle hatte keine Zeit, außer Bootsmann noch jemanden zu begrüßen. Er rannte los, übers Eis auf den Anleger zu, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, und mit derselben Geschwindigkeit ging es die ganze Dorfstraße entlang. Tjorven konnte nicht nachkommen. Sie rief ärgerlich hinter ihm her, aber er blieb nicht stehen, und sie sah den wippenden Puschel auf seiner Mütze weit vor sich in der Dämmerung verschwinden. Aber sie wußte, wo sie ihn finden würde.
»Jocke, Jockelchen, siehst du, ich bin zu dir zurückgekommen!«
Pelle hatte sein Kaninchen auf dem Arm, als Tjorven in Janssons Stall kam. Es war so dämmerig, daß sie ihn kaum sehen konnte, aber sie hörte, wie er sich leise mit Jocke unterhielt, fast so, als wäre es ein Mensch. »Pelle, rat mal, was ich kann«, sagte Tjorven eifrig. »Ich kann jetzt mit den Ohren wackeln.«
Pelle hörte ihr nicht zu. Er sprach weiter mit Jocke, und sie mußte es dreimal sagen, bevor er sich bequemte, eine Antwort zu geben. »Zeig doch mal«, sagte er schließlich. Und Tjorven stellte sich in das spärliche Licht vom Fenster und begann. Sie strengte sich an und schnitt die wildesten Grimassen, und dann fragte sie hoffnungsvolclass="underline" »Ging es?«
»Nee«, sagte Pelle. Er begriff nicht, weshalb man überhaupt mit den Ohren wackeln mußte, aber Tjorven erklärte ihm, wie gern der Weihnachtswichtel Leute habe, die es könnten. Da lachte Pelle schallend und sagte, erstens gebe es keinen Weihnachtsmann, und zweitens möge er solche, die mit den Ohren wackeln könnten, nicht lieber als andere Menschen. Daher könne sie ebensogut etwas Nützlicheres lernen, zum Beispiel pfeifen. Das konnte Pelle, und während er Jocke zärtlich an sich preßte, pfiff er ihm »Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen« vor. Und Tjorven auch, falls sie zuhören wollte.
Pelle wußte nicht, was er tat, als er das mit dem Weihnachtsmann sagte. Tjorvens Kinderglaube bekam einen Knacks, so daß es krachte. War es möglich, daß es keinen Weihnachtsmann gab? Je näher Heiligabend rückte, um so mehr Sorgen machte sie sich, daß Pelle vielleicht recht haben könnte, und als sie am Morgen des Heiligabend bei ihrer Morgengrütze saß, war sie so weit in Unglauben und Verzweiflung hineingeraten, daß sie so gut wie alle Wichtel abgeschafft hatte. Es machte überhaupt keinen Spaß mehr. Was für ein Weihnachten sollte das wohl werden? Kein Weihnachtsmann – und dann noch Grütze zum Frühstück! Sie schob voller Widerwillen den Teller zurück.
»Iß jetzt, Hummelchen«, sagte ihre Mutter freundlich. Sie begriff nicht, weshalb Tjorvens Augen so dunkel waren. Solche Grütze gerade sei das Beste, was der Weihnachtswichtel kenne, versicherte sie.
»Dann kann er meine kriegen«, sagte Tjorven dumpf. Sie war jetzt wütend auf diesen Weihnachtsmann, den es einerseits nicht gab und der andererseits wollte, man sollte Grütze essen und mit den Ohren wackeln, und sie sagte grollend:
»Essen und an Wichtel glauben, das ist wohl das einzige, was ein Kind tun soll.«
Nisse merkte, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Er merkte es meistens, wenn mit Tjorven etwas nicht in Ordnung war, und er ahnte, was es war. Als Tjorven ihn jetzt fest ansah und geradeheraus fragte: »Gibt es den Weihnachtsmann, oder gibt es ihn nicht?«, da wußte er, daß ihrem Heiligabend aller Glanz genommen würde, wenn er genauso geradeheraus antwortete: »Nein, es gibt keinen!« Darum zeigte er ihr den alten Holznapf, den seine Großmutter besessen hatte und den sie jeden Heiligabend mit Grütze gefüllt und für den Weihnachtsmann an die Hausecke gestellt hatte.
»Was meinst du, wenn wir das auch versuchten?« fragte Nisse. »Sollen wir deine Grütze hier in den Napf tun und sie dem Weihnachtsmann hinstellen?«
Tjorvens Miene hellte sich auf, als hätte man ein Weihnachtslicht in ihr angezündet. Natürlich gab es Wichtel, wenn Papas Großmutter daran geglaubt hatte! Und wie schön war es, daß es sie gab und daß sie am Weihnachtsabend draußen um die Hausecke geschlichen kamen! Es war auch gut, daß sie gern Grütze aßen, dann brauchte man sie nicht selber zu essen. Alles war jetzt gut, und das wollte sie Pelle erzählen.
Sie traf ihn erst, als es schon dunkel war. Da standen sie allesamt auf dem vereisten Bootssteg des Schreinerhauses und sahen zu, wie der Schlitten des Weihnachtsmannes draußen auf dem Eis im Schneetreiben angesaust kam. Der Weihnachtsmann hatte einen Kienspan, mit dem er sich leuchtete, und war so richtig, wie er nur sein konnte. Er hatte Janssons Pferd und Schlitten, das sah Tjorven, aber der Weihnachtsmann mußte sich ein Pferd leihen, wenn er so viele Weihnachtsgeschenke bringen mußte.
Selbst Pelle war verstummt. Seine Augen wurden immer größer, und er drängte sich dicht an seinen Vater. Der Weihnachtsmann warf zwei Säcke mit Weihnachtsgeschenken auf den Steg, einen für Melchersons und einen für Grankvists. Es ging genauso schnell, wie wenn die Männer von einem Schärendampfer Waren an Land warfen, und dann verschwand der Schlitten in der Dunkelheit.
Und Pelle stand da und dachte darüber nach, wie das eigentlich mit dem Weihnachtsmann zusammenhing. Da sah er Johann lachen und Niklas ein bißchen zublinzeln, und er wurde fast böse. Dachten sie wirklich, er wäre ein kleines Kind, dem man sonstwas auf die Nase binden konnte? Aber es mochte mit dem Weihnachtsmann nun sein, wie es wollte, es machte auf alle Fälle Spaß, es war ganz wunderbar, im Dunkeln hier zu stehen und Schlittengeläut zu hören und den Fackelschein draußen auf dem Fjord verschwinden zu sehen. Und dazu noch einen ganzen Sack voller Weihnachtsgeschenke zu bekommen.
Es war überhaupt wunderbar, in diesen Wintertagen auf Saltkrokan Pelle zu sein. Malin sah, wie er vor Glück strahlte. Als sie eines Abends allein in der Küche waren, fragte sie ihn, was ihm denn soviel Freude mache. Pelle kauerte sich auf dem Küchensofa zusammen und überlegte ein Weilchen. Dann erzählte er Malin, was soviel Freude mache.
»Zum Beispiel …« sagte er.
Morgens hinausgehen, wenn frischer Schnee gefallen war, und den Weg zum Brunnen und zum Holzstall mit freischaufeln zu helfen. Die verschiedenen Spuren der Vögel im Schnee zu sehen. Weihnachtsgarben für alle Sperlinge und Dompfaffen und Kohlmeisen in die Apfelbäume zu hängen. Einen Tannenbaum zu haben, den man selbst im Wald zusammen mit den anderen geholt hat. In der Dämmerung zum Schreinerhaus zurückkommen, wenn man Ski gelaufen war, und sich im Flur den Schnee von den Schuhen zu stampfen und hineinzukommen und zu sehen, wie das Feuer im Küchenherd brannte und wie fein die Küche war mit allen Kerzen. Morgens, wenn es noch dunkel war, aufzuwachen, weil Papa den Kachelofen heizte. Im Bett liegenzubleiben und zuzusehen, wie es hinter der Ofentür flackerte. Abends über den Hausboden zu gehen und sich ein bißchen im Dunkeln zu fürchten, aber nur ein bißchen! Mit dem Schlitten auf dem Eis zu fahren ganz bis an die Dampferrinne heran und sich dann auch ein bißchen zu fürchten! In der Küche zu sitzen und sich mit Malin zu unterhalten so wie jetzt gerade und Zimtwecken zu essen und Milch zu trinken und sich überhaupt nicht zu fürchten. Ja, und dann im Kälberstand in Janssons Stall zu sitzen und mit Jocke zu reden, das war fast das allerschönste.