»Zehn Stück, stellt euch vor«, sagte Melcher. »Nicht schlecht!«
»Wie viele davon hast du gekriegt?« fragte Johann.
»Wir haben gleich und gleich geteilt«, sagte Melcher kurz. »Es macht wirklich einen Mordsspaß, Schlittenkarussell zu fahren, findet ihr nicht?« fuhr er lebhaft fort. Aber Johann war unerbittlich.
»Wie viele davon hast du gefangen?«
Melcher starrte ihm voller Grimm ins Gesicht. Die bittere Wahrheit war, daß Nisse neun Dorsche geangelt hatte und er selbst einen. Einen kleinen, elenden Burschen, den kleinsten von allen. Aber das hatte er nicht erzählen wollen.
»Du hast vielleicht gar keinen gefangen?« fragte Niklas.
Da seufzte Melcher. Aber dann lächelte er wie eine Sonne und zeigte auf den kleinen Dorsch, der da so jämmerlich und verloren neben den anderen lag.
»Doch – den!«
Alle guckten mitleidig auf den Dorsch und auf Melcher, aber er versicherte, das Anglerglück sei etwas Unerforschliches, das habe nichts mit Geschicklichkeit zu tun, falls sie das dächten.
»Manchmal hat man Glück und manchmal nicht. Ich weiß noch, als ich vor einigen Jahren mal mit einem guten alten Freund im Eis Dorsche geangelt hab, und da hab ich sechsundzwanzig Dorsche gefangen. Und wie viele, meint ihr, fing er? Keinen einzigen!«
»Was war das für ein guter alter Freund?« fragte Johann.
Melcher warf ihm einen Blick zu.
»Ist das eine Art Frage-und-Antwort-Spiel, was du hier treibst?« Dann legte er die Stirn in tiefe Falten und dachte eine Weile nach. »Ja, wie hieß er doch gleich? Himmel noch mal, denkt bloß, ich kann mich nicht an den Namen erinnern!«
»Tsss, weshalb erfindest du den nicht auch?« riet ihm Pelle.
»Schäm dich, Kind«, sagte Melcher. »Vergiß nicht, daß du mit deinem Vater sprichst.«
Da schlang Pelle die Arme um seinen Hals und drückte ihn. »Daran denke ich ja gerade.«
Malin beeilte sich, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen. Es war kein Wunder, daß er sich an den Namen eines guten alten Freundes nicht erinnern konnte.
»Ihr wißt doch, wie es manchmal bei Papa ist. Das einzige, woran er sich erinnert, ist, daß er etwas vergessen hat, aber was es war, daran erinnert er sich nicht.«
»Schäm dich, Kind!« sagte Melcher noch einmal.
Die Wintertage waren kurz. Es dämmerte früh. An den langen Abenden wurde die Küche zur Wärmehalle, wo sich alle versammelten. Strenggenommen war sie der einzige wirklich warme Ort im ganzen Schreinerhaus.
Die Nächte waren kalt. Die Jungen schliefen in Flanellpyjamas und mit Wollpullovern in ihrer Bodenkammer. Melcher konnte es in seiner kleinen Mädchenkammer leidlich aushalten. Aber Malin hatte auf das Sofa in der Küche umziehen müssen.
»Zwei Bodenkammern heizen, das geht einfach nicht«, sagte Malin, und sie fühlte sich wohl auf ihrem Küchensofa. »Der einzige Nachteil ist, daß man abends nie ins Bett kommt.«
Denn in der Küche kamen alle zusammen. Hier saßen Nisse und Märta, um bei einer Tasse Kaffee ein Plauderstündchen zu halten, Teddy und Freddy saßen hier und spielten mit Johann und Niklas Monopoly, Tjorven und Pelle zeichneten und spielten. Bootsmann lag in einer Ecke und schlief, Malin strickte, Melcher sang und redete und fühlte sich wohl.
Draußen war klirrend kalter Winter. Kalte Sterne leuchteten über ihrem vereisten Fjord, und die Kälte knackte in den Hausecken. Da war es herrlich, sich in einer warmen Küche zusammenzukuscheln. Pelle schmunzelte und stopfte den Herd mit Holz voll. Genau so sollte es sein: Alle sollten beisammensitzen und es warm haben und singen und sich unterhalten. Bis er zuletzt selber so müde wurde, daß sich alles für ihn wie ein Gesumm anhörte und er ins Bett wankte.
Sonst verbrachte Pelle den größten Teil seiner Zeit in Janssons Stall. Nicht nur bei Jocke. Er half Onkel Jansson auch beim Ausmisten, und er kam nach Hause und roch so nach Stall, daß es keiner in seiner Nähe aushielt. Malin war gezwungen, ein Paar alte Skihosen und eine zu klein gewordene Jacke als Stallkleidung herauszugeben, die er, sobald er zur Tür herein war, im Hausflur auszuziehen hatte.
»Später werden wir das Zeug wohl verbrennen müssen, wenn wir wieder wegfahren«, sagte Malin.
»Nee, das will ich mit in die Stadt nehmen«, sagte Pelle unerwartet heftig. Malin war im Begriff, etwas kaputtzumachen, was er sich gerade ausgedacht hatte. Und ein wenig verlegen erklärte er es ihr. »Ich kann es in einem besonderen Schrank aufbewahren«, sagte er. »Und wenn ich mich zu sehr nach Jocke sehne, dann gehe ich hin und rieche daran.«
Tjorven ging ein paarmal mit ihm in Janssons Stall, aber schließlich hatte sie es satt.
»Ich will nicht die ganze Zeit bloß immer mit Kühen und Kühen zusammensein«, sagte sie.
Statt dessen lief sie Ski. Sie hatte zu Weihnachten Skier bekommen, und nun mühte sie sich auf den Hängen ab, unverdrossen und beharrlich. Wenn sie hinfiel, hatte sie Mühe, allein wieder hochzukommen. Sie lag da und zappelte mit den Beinen wie ein Käfer, bis Teddy oder Freddy kamen und ihr wieder hochhalfen. Aber sie waren jetzt selten zur Stelle. Meistens trieben sie sich mit Johann und Niklas herum und waren wieder geheim. Sie hatten eine geheime Schneefestung, die jeder Mensch, der Augen im Kopf hatte, unten an der Landzunge sehen konnte. Da brachten sie den ganzen Tag zu, aber manchmal wurde es ihnen langweilig, und sie begaben sich auf lange Skifahrten übers Eis zu anderen Inseln, oder sie angelten Strömlinge im Eis mit Söderman zusammen, der jetzt wieder zu Hause war und geschworen hatte, fürs erste werde er nicht mehr in die Stadt reisen.
Alle waren beschäftigt, und Tjorven war immer noch eine ziemlich verlassene Tjorven mit Bootsmann als ihrer liebsten Gesellschaft. An einem bitterkalten Tag, als der Himmel eisig grün über Saltkrokan stand und der Mehlbeerbaum beim Schreinerhaus weiß von Rauhreif war, kam Malin von ihrer Skifahrt nach Haus und fand Tjorven weinend auf dem Hang hinter Södermans Hütte. Sie weinte sonst nur vor Zorn, aber dies waren Tränen des Leides und rührten von Frost in Fingern und Zehen her und von einem Gefühl der Verlassenheit, das einen überkommt, wenn man stundenlang im Schnee herumgestiefelt ist und plötzlich merkt, wie fürchterlich man friert und daß bei Söderman alles abgeschlossen ist und bei ihr selbst niemand zu Haus und auch im Schreinerhaus keiner, und wenn Teddy und Freddy vergessen haben, daß sie versprochen hatten, nach einem zu sehen, während Mama und Papa in Norrtälje sind.
Wenn man dann plötzlich Malin sieht, dann kommen einem die Tränen, die man bis jetzt nur als einen Klumpen im Hals gehabt hat, plötzlich aus den Augen gestürzt. Wie kann das Leben für ein kleines Kind bloß so kalt und schrecklich und einsam sein – oh, daß aber Malin trotzdem gekommen ist!
Und Malin nahm sie auf den Arm und trug sie zum Schreinerhaus und sang ihr etwas vor, während sie dahinging:
»A-B-C, die Tjorven lief im Schnee.
Der Schnee ist kalt, die Tjorven weint,
weil leider keine Sonne scheint.
A-B-C, das Frieren tut so weh.«
Als sie dann in die Küche vom Schreinerhaus kamen, da machte Malin etwas Seltsames, etwas überaus Seltsames, fand Tjorven.
»Man kann sich doch nicht mitten am Tag ausziehen und ins Bett legen«, sagte Tjorven.
»Doch, wenn man kleinen Kindern die Zehen aufwärmen will, dann ist dies das beste Mittel«, versicherte Malin.
Sie kuschelten sich beide auf Malins Küchensofa zusammen, und da war es warm, es war das Himmelreich für ein Kind, das vier Stunden lang im Schnee herumgestapft war. Tjorvens Augen begannen zu glänzen. »Fühlst du meine Zehen?« fragte sie. Malin versicherte ihr mit einem Schauder, das tue sie, denn so kalte Kinderzehen waren wohl noch nie auf diesem Küchensofa aufgetaut worden.
Tjorven konnte sich über Malins seltsame Einfälle gar nicht genug wundern. Ab und zu lachte sie auf. So etwas hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt.
»Man kann sich doch nicht mitten am Tag ins Bett legen«, sagte sie von neuem.