Jocke hatte einen feinen Stall bekommen. »Von Melcher angefertigt, mit eigenen Händen angefertigt«, prahlte Melcher, als der Stall fertig war. Pelle hatte auch nageln geholfen, obgleich Melcher ihn gewarnt hatte: »Du wirst dir nur auf die Finger hauen.«
»Ach wo«, hatte Pelle gesagt. »Tjorven kann den Nagel halten.«
Ganz so schlau war Melcher nicht gewesen.
»Warum haust du dir immerzu auf den Daumen?« hatte Tjorven gefragt, als Melcher hintereinander zwei Volltreffer gelandet hatte. Melcher hatte an seinem Daumen gelutscht.
»Weil du, meine kleine Tjorven, mir nicht den Nagel gehalten hast.«
Der Kaninchenstall war wirklich fein, als er fertig war. Für ein Kaninchen sei es schön, in so einen hineinzuziehen, meinte Pelle. Glücklich, so daß es um ihn herum leuchtete, holte er Jocke aus Janssons Kuhstall und führte ihn in sein neues Heim.
Die ganze Anlage hatte ihren Platz hinter den Fliederbüschen in einer geschützten Ecke, wo Pelle ungestört sitzen und der glücklichste Kaninchenbesitzer der Welt sein konnte. Der Stall war aus Maschendraht und hatte eine Tür mit einem kleinen Haken an der einen Seite, so daß er Jocke herausholen konnte, wenn er ihn auf den Arm nehmen wollte. An der anderen Seite hatte Jocke sein Häuschen, einen Kasten mit einem runden Loch.
»Hier mußt du reinkriechen, wenn es regnet und kalt ist«, sagte Pelle.
Er hatte das Kaninchen im Arm, als Tjorven kam. Sie fütterten es gemeinsam, und Pelle unterrichtete Tjorven in der Kunst, Kaninchen zu versorgen, da sie sich um Jocke kümmern sollte, wenn Pelle in die Stadt zurückfuhr.
»Und ich bin dir ewig böse, wenn du ihn nicht ordentlich fütterst«, sagte Pelle. »Und dann mußt du aufpassen, daß er nicht ausrückt.«
Darauf hätte Pelle selber aufpassen sollen, denn bevor er den Satz noch zu Ende gesprochen hatte, entschlüpfte Jocke seinen Armen und schoß durchs Fliedergebüsch davon.
Pelle und Tjorven fuhren hoch und setzten ihm nach. Das tat auch Bootsmann mit einem leisen Kläffen.
»Nein, Bootsmann, du rührst Jocke nicht an!« rief Pelle ängstlich, während er lief.
»Bootsmann rührt nie einen an, das solltest du wissen. Er denkt nur, wir spielen.«
Da schämte Pelle sich. Aber jetzt hatte er keine Zeit, sich bei Bootsmann zu entschuldigen, jetzt mußte er Jocke einfangen.
Hinter dem Schreinerhaus waren Malin und Johann und Niklas dabei, Betten auszuklopfen, und als Jocke angeschossen kam, warf Johann eine Decke über ihn. Jocke raste unter der Decke herum, die wogte wie ein aufgewühltes Meer, aber schließlich machte er sich frei und war mit drei fröhlichen Sätzen um die Hausecke verschwunden.
Stina war es, die ihn einfing; sie saß mit Kalle Hüpfanland auf ihrer Treppe und sah Jocke vorüberflitzen, und sie hatte ihn eben erwischt, als Tjorven und Pelle mit hängender Zunge angerannt kamen. »Oh, wie schön, daß du ihn eingefangen hast«, sagte Pelle. Er ließ sich erleichtert auf Stinas Treppe sinken mit Jocke im Arm und sah ihn ebenso zärtlich an wie eine Mutter ihr neugeborenes Kind.
»Es macht Spaß, wenn man ein eigenes Tier hat«, sagte er. Tjorven und Stina pflichteten ihm bei.
»Vor allen Dingen einen Raben«, versicherte Stina. Und dann sagte sie triumphierend: »Und jetzt kann er es!«
»Was kann er?« fragte Tjorven.
»Er kann sagen ›Zum Kuckuck mit dir‹. Ich hab es ihm beigebracht.«
Es war Pelle und Tjorven anzumerken, daß sie ihr nicht glaubten, und Stina wurde böse.
»Wartet, ihr könnt es gleich mal hören! Kalle, sag ›Zum Kuckuck mit dir‹, tu's!«
Der Rabe legte den Kopf schief und schwieg beharrlich, als Stina es ihm aber lange immer wieder vorgesprochen hatte, ließ er ein paarmal einen kleinen Krächzer hören. Nur wer eine lebhafte Phantasie hatte, konnte heraushören, daß es »Zum Kuckuck mit dir« heißen sollte. Stina hatte eine lebhafte Phantasie.
»Habt ihr's gehört?« fragte sie jubelnd.
Tjorven und Pelle lachten, aber Stina nickte altklug.
»Wißt ihr, was ich glaube? Ich glaube, Kalle ist ein verwunschener Prinz, weil er sprechen kann.«
»Tsss«, machte Pelle. »Hast du schon mal gehört, daß ein Prinz ›Zum Kuckuck mit dir‹ sagt? Was?«
»Ja, dieser hier«, sagte Stina und zeigte auf Kalle.
In dem Märchen, das sie dem Großvater eben erzählt hatte, kamen nicht weniger als drei verwunschene Prinzen vor. Sie waren in ein Wildschwein und einen Hai und einen Adler verwandelt. Weshalb also sollte nicht ein Rabe ein verwunschener Prinz sein können?
»O nein, nur Frösche sind verwunschene Prinzen«, erklärte Tjorven.
»Sagst du, ja«, sagte Stina.
»Doch, Freddy hat es mir vorgelesen. Da kam eine Prinzessin vor, und die küßte einen Frosch, und da wurde er ein Prinz, peng – auf einmal stand er da!«
»Das versuche ich auch mal«, sagte Stina.
Pelle saß dabei und lachte in sich hinein.
»Wozu willst du den Prinzen haben, falls du einen kriegst?« fragte er.
»Er kann Malin heiraten«, sagte Stina.
Das hielt Tjorven für einen ausgezeichneten Vorschlag.
»Dann braucht sie hier nicht mehr völlig unverheiratet rumzulaufen.«
Ihnen hätte nichts Besseres einfallen können, das Pelle reizte.
»Zum Kuckuck mit euren verwunschenen Prinzen«, sagte er. »Komm, Jocke, wir gehen.«
Tjorven und Stina schauten ihm lange nach.
»Er will wohl nicht, daß Malin jemals heiratet«, sagte Tjorven. »Sicher, weil er keine Mama hat.«
Stina wurde ernst und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. »Wieso ist seine Mama gestorben?« fragte sie.
Es war nicht leicht, darauf eine Antwort zu geben. Tjorven überlegte. Sie wußte nicht, weshalb Menschen starben.
»Es ist sicher wie in diesem Lied, weißt du«, sagte sie schließlich. »Es ist wohl einfach so.« Und sie sang Stina vor:
»Die Welt, sie ist ein Jammertal,
kaum daß man lebt, so muß man sterben
und wieder Erde werden.«
»Das ist aber wirklich traurig, du«, sagte Stina.
Pelle setzte Jocke in seinen Stall zurück und hatte dann einen einsamen, schönen Abend, den er am Frühlingsgraben verbrachte. Er liebte den Graben, wo es so viel zu sehen gab, Insekten und Pflanzen verschiedenster Art. Aber das lustigste an dem Frühlingsgraben war beinahe, drüber hinwegzuspringen und zu sehen, ob man es in einem einzigen Satz schaffte. Manchmal schaffte man es nicht, und deshalb war Pelle, als er abends nach Hause kam, bis zur Stirn hinauf mit Schlamm bespritzt.
Um diese Stunde saß Melcher in der Küche des Schreinerhauses, vor sich auf dem Tisch seinen Außenbordmotor, den er ganz auseinandergenommen hatte. Er hatte vor, ihm dieses »putt, putt« abzugewöhnen, und meinte, eine gründliche Säuberung bringe ihn vielleicht auf bessere Gedanken. Aber die kleinen Schrauben und Muttern hatten alle die merkwürdige Eigenschaft zu verschwinden, wenn man sie gerade brauchte, und Melcher wurde jedesmal wieder wütend.
»Eßt ihr Muttern?« fragte er Johann und Niklas, die am Tisch herumhingen, um zuzusehen, und nachdem sie ein paarmal so ungerecht beschuldigt worden waren, sagte Johann:
»Komm, Niklas, wir gehen ins Bett. Papa kann seine Muttern selber futtern.«
Und sobald sie weg waren, fand Melcher, was er suchte.
»Sieh da, hier ist ja das Dings, nach dem ich gesucht hab«, sagte er.
In diesem Augenblick kam Pelle schlammbespritzt und müde zur Tür herein, und Malin sagte:
»Und hier ist das andere Dings, nach dem ich gesucht hab. Wie siehst du denn bloß aus, Pelle!«