»Mein lieber Nödelhund, du bist aber richtig nödelig geworden«, sagte Tjorven und streichelte ihn. Dann aber mußte sie laufen und für Jocke Löwenzahnblätter rupfen und für Moses Milch warm machen. Es machte viel Mühe, Tierpfleger zu sein, wenn Stina ihr auch manchmal half.
»Du hast immerhin nur Kalle Hüpfanland«, sagte Tjorven. »Aber ich hab zwei Tiere zu versorgen – und dann Bootsmann natürlich.«
Stina fand es keineswegs schön, daß sie nur Kalle Hüpfanland hatte. Den konnte man nicht mit der Flasche füttern, wie Tjorven es mit Moses tat, die glückliche Tjorven! Stina half ihr, für Jocke Löwenzahnblätter abzurupfen, und hoffte immer wieder inbrünstig auf die Belohnung, nach der sie sich so sehnte: Moses die Flasche geben zu dürfen. Aber Tjorven war nicht zu erweichen. Moses wollte sie selber füttern. Sonst fühlte er sich nicht wohl, behauptete sie. Stina durfte dabeisitzen und zugucken, wenn es ihr auch in den Fingern juckte, Tjorven die Flasche zu entreißen, einerlei, ob Moses sich dann wohl fühlte oder nicht.
Aber auch für Stina kamen bessere Zeiten. Ihr Großvater hielt sich Schafe, nur zwei, die er gegen ein kleines Entgelt auf Vestermans Weide laufen lassen durfte. Die bekamen um diese Jahreszeit ihre Lämmer, und Stina begleitete ihren Großvater jeden Tag zur Weide, um nachzusehen, ob die jungen Lämmer zur Welt gekommen waren.
»Mulle, Mulle, Mulle«, schrie Söderman, »kommt her, laßt euch zählen, ob ich etwas reicher geworden bin.«
Eines seiner Mutterschafe tat wirklich, was es konnte, um seinen Reichtum zu mehren. Eines Tages bekam es nicht weniger als drei Lämmer in dem kleinen Unterstand, den Söderman als Schutz für seine Schafe zusammengezimmert hatte.
»Für so viele hat sie nicht Milch genug«, sagte Söderman. »Eines davon kommt dabei zu kurz.«
Söderman sollte recht behalten. Mehrere Tage lang ging er mit Stina hin, und er sah, wie das kleinste von den Lämmern abmagerte, weil es nicht Kraft genug hatte, sich mit den beiden anderen um die Milch zu balgen. Und schließlich sagte Söderman: »Wir müssen es mit der Flasche versuchen.«
Stina zuckte zusammen. Manchmal geschah wirklich das ganz Unerwartete und Wunderbare. Sie zog ihren Großvater in einer Eile mit zum Kaufmann, die Söderman übertrieben fand. Das Lamm war schließlich noch nicht dem Tode nahe. Aber auf Stinas Anweisung kaufte er eine Nuckelflasche genau wie die, die Tjorven für Moses hatte, und Stina lächelte erwartungsvoll.
Jetzt sollte Tjorven es aber so gründlich kriegen, daß ihr die Sprache wegblieb!
Tjorven fütterte gerade Moses, als Stina mit einer vollen Nuckelflasche in der Hand angelaufen kam.
»Was fällt dir ein!« sagte Tjorven.
Moses hatte noch eine zweite Flasche, die er bekam, wenn er besonders hungrig war, und Tjorven meinte, es sei diese, die Stina sich unterstanden hatte zu holen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, wie es sich gehörte.
»Moses ist satt«, sagte Tjorven. »Der kriegt nichts mehr.«
»Was geht mich das an?« sagte Stina. »Ich hab den Kopf mit anderen Sachen voll.«
Tjorven hob erstaunt die Augenbrauen. »Mit was denn zum Beispiel?«
»Ich muß Totti füttern«, sagte Stina wichtigtuerisch.
Tjorven schwieg und dachte nach.
»Wer ist denn Totti?« fragte sie schließlich.
Und sobald sie es erfahren hatte, da rannte sie mit Stina auf Vestermans Weide und half ihr eifrig, das Lamm zu füttern. Stina durfte immerhin noch die Flasche festhalten.
Totti war bald ebenso zahm wie Moses, und Stina brachte ihm mehrmals am Tag Milch. Manchmal ließ sie ihn aus der Weide hinaus und nahm ihn mit auf einen kleinen Spaziergang. Er rannte genauso anhänglich hinter ihr her wie Moses hinter Tjorven.
»Das ist wirklich ein Anblick«, sagte Nisse Grankvist, als er auf seine Treppe hinaustrat und sah, wie Tjorven und Stina mit Moses und Totti anspaziert kamen. Dann bückte er sich und streichelte Bootsmann. »Und wie geht's dir? Liegst du da und bist traurig, weil du nicht mitspielen darfst?«
Aber Stina und Tjorven setzten sich auf die Treppe und fütterten ihre Tiere und verglichen sie miteinander, welches am niedlichsten sei.
»Ein Seehund ist nun mal ein Seehund«, sagte Tjorven, und das konnte Stina nicht abstreiten.
»Aber ein Lämmchen ist trotzdem niedlicher«, sagte Stina, und dann sagte sie: »Ich glaube, Totti und Moses, das sind beides zwei verwunschene Prinzen.«
»Tsss«, machte Tjorven. »Bloß Frösche sind verwunschen, das hab ich doch schon mal gesagt.«
»Ja, das denkst du«, sagte Stina.
Sie saß schweigend da und überlegte. Vielleicht war es einem gewöhnlichen Schaf auf Vestermans Weide nicht möglich, einen verwunschenen Prinzen zustande zu bringen, aber Moses war in einem Fischernetz gefunden worden, das war genau wie im Märchen.
»Ich glaube trotzdem«, sagte Stina, »daß Moses der kleine Junge vom Meerkönig ist, den eine böse Fee verzaubert hat.«
»Nee, er ist mein kleiner Junge«, sagte Tjorven und umarmte Moses. Bootsmann hob den Kopf und sah sie an. Und wenn es wirklich stimmte, daß er denken konnte wie ein Mensch, dann dachte er vielleicht genau wie Pelle: Zum Kuckuck mit allen verwunschenen Prinzen!
Will Malin wirklich keinen Bräutikamm haben?
Jetzt blühen alle unsere Apfelbäume wieder, schrieb Malin ins Tagebuch. In unvergleichlicher Schönheit stehen sie um unser Haus herum und lassen ein wenig von ihrem Blütenschnee sacht auf den Pfad rieseln, der zu unserem Brunnen führt. Unsere Apfelbäume, unser Haus, unser Brunnen, ja, besten Dank! Nicht das kleinste bißchen gehört uns, aber ich male es mir so gern aus, und es geht merkwürdig leicht. Um diese Zeit vor einem Jahr hatte ich das Schreinerhaus noch nicht gesehen, und dennoch habe ich das Gefühl, als wäre es mein Heim hier auf Erden. Ach, du mein fröhlicher Schreiner, wie ich dich liebe, weil du dieses Haus gebaut hast, falls du es überhaupt gewesen bist, und weil du rundherum Apfelbäume gepflanzt hast und weil wir hier wohnen dürfen und weil wieder Sommer ist – obwohl letzteres natürlich nicht dein Verdienst ist. »Wie ist es, Papa«, fragte sie Melcher, »bist du diesmal genauso schlau gewesen und hast den Mietvertrag für ein ganzes Jahr gemacht?«
»Noch nicht«, sagte Melcher. »Ich warte auf diesen Mattsson. Er hat versprochen, bald mal herauszukommen.«
Und während sie auf Mattsson warteten, richteten Melchersons ihr Schreinerhaus für den Sommer her. Sie harkten das Laub auf dem Grundstück zusammen, sie klopften Teppiche und lüfteten das Bettzeug, sie putzten Fenster und scheuerten die Fußböden und steckten saubere Gardinen auf. Niklas wichste den eisernen Kochherd, und Johann strich die Küchenstühle blau an, Melcher tischlerte ohne Blutvergießen ein Bücherbord für die umfangreiche Sommerlektüre der Familie, und er hängte Bilder, die er aus der Stadt mitgebracht hatte, über dem frischgetünchten Kamin im Wohnzimmer auf. Malin bezog das zerschlissene Polster des Küchensofas neu mit rotkariertem Baumwollstoff. Pelle ging nur umher und genoß das Treiben. Allzu häßliche und schäbige Möbel kamen in den Schuppen, und da draußen stellte Pelle sie zu einem häßlichen kleinen Raum auf, nur damit sie merken sollten, daß sich noch immer jemand etwas aus ihnen machte, und außerdem hatte er vor, hier mit Jocke zu sitzen, wenn es draußen regnete.
»Es ist ein Gefühl, als erschaffe man etwas«, sagte Malin und sah sich in ihrem sommerfeinen Haus um. »Jetzt möchte ich nur noch haufenweise Blumen haben.«