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»Nicht, Moses, laß das, sonst erlaubt Mama nicht, daß du frei herumläufst.«

»Ist es dein Seehund?« fragte Petter mit einem Lächeln.

»Ja, klar«, sagte Tjorven.

»Du würdest ihn wohl nicht verkaufen, was?«

»Nie im Leben«, sagte Tjorven. »Wofür willst du denn einen Seehund haben?«

»Ich nicht«, sagte Petter, »sondern mein Institut.«

Insti … Prinzen benutzen wirklich verzwickte Wörter!

»Ein zoologisches Institut, wo ich arbeite«, erklärte der Prinz, ohne daß Tjorven deswegen klüger geworden wäre.

»Arbeiten!« sagte sie hinterher zu Stina. »Da hat er aber gelogen, daß sich die Balken biegen. Prinzen arbeiten nirgendwo. Aber er will wohl, daß Malin denken soll, er ist ein gewöhnlicher Mann.«

Petter streichelte Moses.

»Er ist ein guter Spielkamerad, sehe ich«, sagte er.

Er spielte selbst mit Moses, bis er gehen mußte, was seltsamerweise genau in dem Augenblick der Fall war, als Malin ihre Einkäufe erledigt hatte.

»Ich trag dir gern deinen Korb nach Haus, auch wenn du mich nicht zum Tee oder dergleichen einlädst«, sagte er zu Malin.

»Ich lade dich zum Tee ein«, sagte Malin, »gutmütig, wie ich bin. Komm nur mit!«

Aber in diesem Augenblick kam Vesterman aus dem Laden und rief hinter Petter her: »Hallo, der Herr! Könnte ich Sie mal eben sprechen?« Petter drehte sich um, als er die grobe, etwas dreiste Stimme hörte, und erblickte einen grobschlächtigen, untersetzten Menschen mit etwas wildem Aussehen.

»Was wollen Sie von mir?« fragte Petter erstaunt.

Vesterman zog ihn außer Hörweite von Malin. »Na ja, sehen Sie, ich hab gerade da drinnen im Laden gehört, daß Sie den Seehund kaufen wollen«, sagte Vesterman so liebenswürdig, wie es einem wilden Kerl wie ihm möglich war. »Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so ist es eigentlich mein Seehund. Ich hab ihn drüben auf der Schäre gefunden. Wieviel könnte man wohl dafür kriegen?«

Er trat ganz dicht an Petter heran und starrte ihm gespannt ins Gesicht. Petter wich etwas zurück. Er wollte nicht gerade jetzt Seehundsgeschäfte machen. Das einzige, woran ihm lag, das war, wieder zu Malin zurückzukommen, und er sagte hastig:

»Tja, einige hundert vielleicht – aber den Preis bestimme nicht ich. Und im übrigen möchte ich vorher gern wissen, wem der Seehund wirklich gehört.«

»Ja, hören Sie, es ist meiner«, rief Vesterman hinter ihm her. »Es ist meiner.«

Und genau dasselbe sagte er auch zu Tjorven, als sie und Stina gleich darauf mit Moses aus dem Laden herauskamen.

»Du, hör mal, jetzt will ich meinen Seehund wiederhaben«, sagte Vesterman.

Tjorven starrte ihn an, ohne etwas zu begreifen.

»Deinen Seehund, was meinst du damit?«

Vesterman sah leicht gekränkt aus und spuckte auf den Weg, um zu zeigen, daß er kaltblütig war.

»Ich meine, was ich sage. Du hast ihn lange genug gehabt, aber es ist mein Seehund, und jetzt will ich ihn verkaufen.«

»Moses verkaufen? Bist du verrückt?« schrie Tjorven.

Aber Vesterman erklärte ihr die Sache näher. Hatte er vielleicht nicht gesagt, sie könne den Seehund behalten, bis er groß sei, daß man einigen Nutzen von ihm haben könne?

»Zum Kuckuck mit deiner Lügerei!« rief Tjorven. »Du hast gesagt, ich könnte ihn ganz für mich behalten. Das hast du gesagt!«

Wahrscheinlich schämte sich Vesterman irgendwo in seiner gierigen Seele und wurde daher noch ruppiger. Er brauche Tjorven nicht um Erlaubnis zu fragen, sagte er, wenn er seinen eigenen Seehund verkaufen wolle, und verkauft werden solle er, das stehe fest. Denn er, Vesterman, brauche dringend Geld, und wenn Tjorven keine Vernunft annehmen wolle, so würde er zu ihrem Vater gehen und mit dem reden.

»Das tue ich schon selber, wahrhaftig!« schrie Tjorven und weinte vor Zorn.

»Du Dummer«, sagte Stina und stieß mit ihrem kleinen Fuß nach Vesterman, und da ging er.

»Warte nur, bis ich mit Nisse geredet habe«, sagte er.

Tjorven stand da, keuchend vor Wut.

»Nie im Leben!« brüllte sie. »Nie im Leben kriegst du Moses!«

Dann rannte sie los. »Komm, Stina, wir müssen Pelle suchen.«

Mit den Eltern konnte sie im Augenblick nicht sprechen, weil der Laden voller Leute war, aber in der Stunde der Not konnte man zu Pelle seine Zuflucht nehmen, das wußte Tjorven, und der mußte erfahren, was Schreckliches bevorstand.

Pelle schüttelte betrübt den Kopf, als er die grausige Neuigkeit vernommen hatte. »Es nützt nichts, daß du mit deinem Papa sprichst«, sagte er. »Du kannst ja nicht beweisen, daß Vesterman dir versprochen hat, du dürftest Moses ganz für dich behalten, und dann weiß Onkel Nisse nicht, was er machen soll.«

Stina pflichtete ihm bei. »Nee, dann muß er zu Tante Märta gehen und die fragen.«

Aber Pelle schüttelte wieder den Kopf. Es gebe nur einen Ausweg, sagte er, und das sei, Moses irgendwo zu verstecken, wo Vesterman ihn nicht finden könne.

»Wo denn zum Beispiel?« fragte Tjorven.

Pelle grübelte ein Weilchen nach, und plötzlich wußte er es.

»In der Toten Bucht«, sagte er.

Tjorven sah ihn voller Bewunderung an.

»Pelle, weißt du was«, sagte sie, »du hast bessere Einfälle als irgend jemand sonst.«

Pelle hatte recht, natürlich hatte er recht. Mama und Papa sollten nicht in diese Sache hineingezogen werden. Wenn Vesterman dann zu ihnen ging und nach Moses fragte, dann konnten sie wahrheitsgemäß antworten: »Wir wissen nicht, wo er ist. Sieh du nur selber zu, wo du ihn findest.«

Und das würde Vesterman schwerfallen, oje, wie schwer ihm das fallen würde.

Früher, vor Hunderten von Jahren, lag das Dorf auf Saltkrokan nicht an seinem jetzigen Platz, sondern an einer Bucht auf der Westseite der Insel. Aber einmal in einem Krieg kamen fremde Soldaten und brannten das ganze Dorf nieder, und dann bauten sich die Saltkrokanbewohner neue Häuser sicherheitshalber auf der entgegengesetzten Seite der Insel. Vom ehemaligen Dorf war nichts weiter übriggeblieben als die alten Bootsschuppen. Eine ganze Reihe uralter grauer Bootsschuppen umsäumt bis auf den heutigen Tag die kleine Bucht, wo einstmals Fischerboote und Segelkutter an den Bootsstegen vertäut gelegen hatten und wo die emsig fischenden Vorfahren der Bewohner von Saltkrokan ihre Netze und Grundleinen auf den kahlen Uferfelsen zum Trocknen ausgehängt hatten. Heute gab es hier keine Fahrzeuge mehr bis auf einen alten, verlassenen Heringskutter, der seinen letzten Ankerplatz in der Bucht gefunden hatte. »Die Tote Bucht« nannten die Kinder sie. Und tot war sie, still und ausgestorben. Es lag ein eigentümliches Schweigen über dem Platz, und dorthin ging Pelle manchmal auf seinen einsamen Wanderungen. Stundenlang konnte er hier sitzen, den Rücken gegen eine besonnte Schuppenwand gelehnt, und den Libellen zuschauen, wie sie zwischen den Stegen hin und her flatterten, und die Ringe im Wasser zählen, wenn ein Barsch unter dem blanken Wasserspiegel hochzuckte.

Für Pelle war die Tote Bucht ein Ort des Friedens und der Träume. Aber es gab Leute, die das Schweigen hier beängstigend fanden, beinahe gespenstisch. Man konnte sich einreden, daß sich in den düsteren Winkeln der verlassenen Bootsschuppen die schwärzesten Geheimnisse verbargen, und nur selten kam ein Mensch hierher. Hier würde niemand nach Moses suchen. In einem Bootsschuppen an der Toten Bucht würde er gut versteckt sein.