Tjorven hatte einen kleinen flachen Leiterwagen, in dem sie Moses beförderte, wenn sie weite Wege mit ihm zu machen hatte und wenn sie keine Geduld mit seinem Gekrabbel hatte. Jetzt hatten sie einen solchen weiten Weg vor sich. Daher wurde Moses mitsamt seiner Schlafkiste und so viel Strömlingen, wie Stina sich von ihrem Großvater hatte erbetteln können, auf das Wägelchen geladen.
Die vier Geheimen, die gerade hinter dem Schreinerhaus Fußball spielten, sahen sie losziehen, und Teddy rief Tjorven zu:
»Wo wollt ihr hin?«
»Wir gehen nur ein bißchen spazieren«, rief Tjorven zurück. »Nee, Bootsmann, bleib du lieber zu Hause«, sagte sie, als ihr Hund angetrottet kam und mitwollte. Spazierengehen bedeutete in der Regel lange Streifzüge durch Wald und Feld, und dem konnte Bootsmann nicht widerstehen.
Er blieb stehen, als Tjorven ihm das sagte. Lange stand er still und schaute ihr und Pelle und Stina und Moses im Wägelchen nach. Aber dann ging er zurück und legte sich an seinen gewohnten Platz neben der Treppe. Sein Kopf sank zwischen die Pfoten, es sah aus, als ob er schliefe. Zur Toten Bucht führte ein gewundener, überwucherter alter Pfad. Ungefähr auf halbem Wege lag Vestermans Hof, und da man mit dem Wägelchen nicht quer durchs Gelände fahren konnte, mußten sie mit Moses dort vorüber. Es war unheimlich, aber nicht zu vermeiden.
»Wenn er uns sieht, dann sind wir geliefert«, sagte Tjorven, als sie bis zu Vestermans Hoftor gelangt waren. »Dann nimmt er uns Moses gleich weg. Liebe Cora, kannst du nicht still sein?«
Das sagte sie zu Vestermans Jagdhund, der hinter dem Zaun stand und bellte. Das fehlte ja noch, daß Vesterman herauskam, um nachzusehen, wen Cora so anbellte!
»Ja, dann sind wir geliefert«, sagte Stina.
Vesterman war jedoch nicht zu sehen, nur seine Frau. Sie stand mit dem Rücken zu ihnen und hängte Wäsche auf eine Leine an der Hausecke und hatte zum Glück keine Augen im Hinterkopf.
Sie kamen auch an Vestermans Weide vorüber, wo Stinas Großvater seine Schafe laufen hatte, und Stina rief nach Totti. Der kam sofort angestürmt und dachte, er würde gefüttert.
»Nein, nein, ich wollte dir nur mal guten Tag sagen und nachsehen, ob es dir gutgeht«, sagte Stina.
Moses ging es auch gut. Er saß den ganzen Weg bis zur Toten Bucht höchst vergnügt auf seinem Wägelchen und meinte augenscheinlich, sie machten einen Ausflug mit ihm. Aber als er plötzlich mit Schlafkiste und allem in einen ganz fremden Bootsschuppen geschoben wurde, da begriff er, daß man hier eine Schandtat an ihm verüben wollte, und das wollte er sich nicht gefallen lassen. Er stieß mehrmals seine wütendsten Schreie aus, und das klang unheimlich in dem tiefen Schweigen um die Tote Bucht.
»Moses, du machst einen Lärm, daß man es auf der ganzen Insel hört«, sagte Pelle vorwurfsvoll.
Sie hockten im Dunkel des Schuppens alle drei um den Seehund herum und streichelten ihn und versuchten, ihm verständlich zu machen, daß dies alles zu seinem eigenen Besten sei. »Sieh mal, es ist ja nur für kurze Zeit«, sagte Tjorven. »Es regelt sich schon noch alles, und dann darfst du wieder nach Hause kommen.« Wie es sich regeln würde, konnte Tjorven sich nicht im geringsten vorstellen. Aber das meiste regelte sich früher oder später immer, und so würde es diesmal auch sein, hoffte sie. Und allmählich wurde Moses in seiner Schlafkiste ruhig, er hatte das Maul voller Strömlinge.
»In einem so feinen Schuppen hast du noch nie gewohnt«, sagte Tjorven. »Hier geht es dir nicht schlecht.« »Aber unheimlich ist es hier doch«, sagte Stina mit einem Schaudern. »Ich glaube fast, hier spukt es.«
Im Schuppen herrschte ein seltsames, schummeriges Licht, das sie nicht mochte. Nur durch die Ritzen in der Wand schien die Sonne in schrägen Strahlen herein, und draußen hörte sie das Wasser gluckern.
»Ich geh ein bißchen raus«, sagte sie und schob die schwere Tür auf, die in ihren Angeln kreischte.
Und weg war sie.
Was Stina unheimlich fand, das fand Pelle nur gemütlich, er genoß es so sehr, daß er es am ganzen Körper spürte.
»Hier würde ich gern selber wohnen«, sagte er und sah sich unter dem Gerümpel um, das der letzte Besitzer in seinem Bootsschuppen zurückgelassen hatte. Dort gab es zerrissene Fischnetze und Reusen, einen übel zugerichteten altersgrauen Fischkasten und ein paar Lockenten für die Vogeljagd, Eispickel und Eimer und Riemen, Waschtröge und einen verrosteten Anker, einen altmodischen Schlitten mit hölzernen Kufen und ganz hinten in einer Ecke eine alte Wiege, an deren Fußende ein Name und eine Jahreszahl eingeschnitzt waren. Pelle buchstabierte. »Klein-Anna« stand auf der Wiege. Die Jahreszahl konnte er nicht entziffern.
»Aber es ist sicher lange her, seit Klein-Anna in der Wiege gelegen hat«, sagte er.
»Wo mag Klein-Anna jetzt wohl sein, was meinst du?« fragte Tjorven. Pelle überlegte. Lange Zeit stand er da und betrachtete die alte Wiege und dachte an Klein-Anna.
»Sie ist jetzt wohl tot«, sagte er leise.
»Nee, das will ich nicht, das ist so traurig«, sagte Tjorven.
»Achach, jaja.« Und dann sang sie:
»Die Welt, sie ist ein Jammertal,
kaum, daß man lebt, so muß man sterben
und wieder Erde werden.«
Pelle riß die Tür auf und stürmte in den Sonnenschein hinaus. Tjorven lief hinterher, sowie sie sich von Moses verabschiedet und ihm hoch und heilig versprochen hatte, ihm täglich Strömlinge zu bringen.
Dort draußen lag die Tote Bucht schweigend und verträumt in der Nachmittagssonne. Pelle holte tief Luft. Und dann war es, als sei er vom Wahnsinn befallen. Er stieß ein Geheul aus und lief los. Hinein in die Schuppen und Bootshäuser rannte er und wieder hinaus, als ob er gejagt würde. Er sprang auf morschen Stegen und glitschigen Pfählen herum, so daß Tjorven Angst bekam; trotzdem folgte sie ihm und lief ebenso waghalsig über die schwankenden Planken im Dunkel der Bootshäuser, wo das Wasser schwarz gegen die Grundpfähle schwappte. Pelle sprang sozusagen in schweigender Raserei herum und gab keinen Laut von sich. Auch Tjorven schwieg, denn sie hatte Angst, folgte ihm aber trotzdem ohne Besinnen. Hinterher saßen sie keuchend auf einem Bootssteg im
Sonnenschein, und da sagte Pelle: »Wo ist Stina?«
Ihnen fiel ein, daß sie sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatten, und sie riefen nach ihr. Aber es kam keine Antwort. Da fingen sie an zu suchen. Sie riefen und suchten, und ihre Rufe hallten rings um die Tote Bucht wider und verstummten dann. Erschreckend still wurde es.
Pelle war weiß um die Nase. Was war mit Stina geschehen? Wenn sie nun von einem Bootssteg ins Wasser gefallen war? Wenn sie nun ertrunken war? Klein-Stina und Klein-Anna – alle konnten sterben, das wußte er. »Oh, weshalb habe ich Bootsmann nicht mitgenommen?« sagte Tjorven mit Tränen in den Augen.
Da standen sie nun, von Weh und Angst erfüllt. Plötzlich hörten sie Stinas Stimme.
»Ratet, wo ich bin!«
Sie brauchten nicht zu raten, sie sahen sie jetzt. Hoch oben im Mastkorb des alten Kutters saß sie. Wie war sie nur da hinaufgekommen? Tjorven wurde wütend und wischte sich zornig die Tränen ab.
»Elendes Gör!« schrie sie. »Was machst du da oben?«
»Ich versuch, wieder runterzukommen«, sagte Stina kläglich.
»Bist du deshalb da raufgeklettert?« fragte Pelle.
»Nee, wegen der Aussicht«, sagte Stina.
»Ja, dann guck sie dir jetzt an«, sagte Tjorven.
Man stelle sich bloß so ein Kind vor, da kletterte sie herum und sah sich Aussichten an, statt im Wasser zu liegen. Na ja, es war natürlich ein Glück, daß sie nicht im Wasser lag, aber sie brauchte einem doch nicht solche Angst einzujagen.
»Hast du uns nicht rufen hören?« fragte Tjorven ärgerlich.
Stina schämte sich da oben. Natürlich hatte sie sie rufen hören, aber es hatte solchen Spaß gemacht, daß niemand sie finden konnte. Stina hatte Verstecken gespielt, wenn Pelle und Tjorven es auch nicht wußten. Und jetzt war es aus mit dem Spaß, das merkte sie.