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»Und außerdem«, sagte Malin zögernd, »ich hab Bootsmann gesehen, als er heute nacht herauskam, und auch, als er wieder zurückkam. Und ich hab gehört, wie er bellte. Ja, tatsächlich, das hab ich gehört.«

Söderman guckte Nisse kummervoll an, es machte keine Freude, solche Unglücksbotschaften zu überbringen.

»Bootsmann bellt sonst nie, das weißt du, Nisse. Und du hörst doch, was ich sage. Ich sah ihn mitten aus der Schafherde kommen.«

Nisse biß die Zähne aufeinander.

»Wenn es so ist, wie du sagst, dann gibt es ja nur eins zu tun.«

Da fing Märta an zu weinen. Sie machte keinen Versuch, es zu verbergen, offen und verzweifelt weinte sie, und sie dachte mit Bangen an eine, die es noch viel schwerer nehmen würde als sie selber. Wie sollten sie es Tjorven nur beibringen?

Tjorven war nicht im Haus. Sie rannte gerade überall herum und suchte nach Jocke. Alle halfen sie Pelle, nach seinem verschwundenen Kaninchen zu suchen. Johann und Niklas selbstverständlich, und Teddy und Freddy und Tjorven.

Überall hatten sie gesucht, aber nirgendwo war Jocke zu finden. Pelle suchte und weinte und war wütend auf sich selber. Weshalb hatte er gestern abend nicht den Haken ordentlich übergelegt, weshalb hatte er es so eilig gehabt? Das durfte man nicht, wenn man ein Kaninchen hatte. Pelle weinte. Armer Jocke, wenn er nun nie zurückkam?

Zuletzt fanden sie Jocke. Teddy fand ihn. Und sie schrie auf, als sie das kleine Kaninchen sah, das nicht weit vom Schafpferch am Feldrain leblos und zerfleischt unter einem Wacholderstrauch lag.

»Nein!« schrie Teddy. »Nein!«

Hinter ihr kam jemand. Sie wandte den Kopf und sah, daß es Pelle war. Da schrie sie wie wild: »Pelle, nicht hierher kommen!«

Es war jedoch zu spät. Pelle hatte schon alles gesehen.

Er hatte sein Kaninchen gesehen.

Und dann standen sie alle hilflos im Kreis um ihn herum. Keiner von ihnen hatte bis jetzt bitteres Leid aus nächster Nähe mitangesehen, und sie wußten nicht, was man machen mußte, wenn jemand im Gesicht so aussah wie Pelle jetzt.

Johann weinte.

»Ich muß Papa holen«, murmelte er und lief davon, so rasch ihn seine Beine tragen konnten.

Melcher war ebenfalls den Tränen nahe, als er Pelle sah.

»Mein armer kleiner Junge.«

Er nahm ihn auf den Arm, hielt ihn ganz fest und trug ihn zum Schreinerhaus und zu Malin zurück. Pelle weinte nicht, er kroch nur in sich zusammen und verbarg sein Gesicht an der Schulter seines Vaters, er hatte die Augen geschlossen und wollte nie mehr etwas sehen auf der Welt.

Kaum daß man lebt, so muß man sterben … Aber Jocke, sein geliebtes Kaninchen, das einzige Tier, das er besaß – weshalb durfte es nicht am Leben bleiben? Pelle lag auf dem Bauch auf seinem Bett, den Kopf im Kissen vergraben, und jetzt weinte er endlich, ein leises, wimmerndes Weinen, das Malin ins Herz schnitt. Sie saß neben ihm, und auch sie fühlte sich ganz hilflos. Niemanden auf der Welt hatte sie so lieb wie dieses weinende arme Kerlchen, das dalag, schmal und klein, viel zu klein war für ein so großes Leid. Es war grausam, daß man nichts tun konnte, daß man ihm nicht wenigstens einen kleinen Teil von dem abnehmen konnte, was so weh tat. Sie strich ihm übers Haar und sagte ihm, weshalb sie das nicht konnte.

»So ist es im Leben, siehst du. Manchmal ist es schwer. Sogar kleine Kinder, sogar ein kleiner Junge wie du muß so etwas durchmachen, was weh tut, und da muß man ganz allein hindurch.«

Da richtete sich Pelle im Bett auf, weiß im Gesicht und naß von Tränen. Er schlang die Arme um Malin, er klammerte sich an sie und sagte mit rauher Stimme:

»Malin, versprich mir, daß du am Leben bleibst, bis ich groß bin!«

Und Malin versprach es, hoch und heilig versprach sie, daß sie es versuchen wollte. Und dann sagte sie, um ihn zu trösten: »Wir können dir ja ein neues Kaninchen kaufen, Pelle.«

Aber Pelle schüttelte den Kopf.

»Ich will nie ein anderes Kaninchen haben als Jocke.«

Da war noch jemand, der weinte, nicht stumm und still wie Pelle, sondern laut und wild, so daß man es weithin hörte. »Es ist nicht wahr«, schrie Tjorven, »es ist nicht wahr!« Sie schlug ihren Vater, weil er das gesagt hatte. Er durfte nicht, er durfte einfach nicht so schreckliche Sachen erzählen – daß Bootsmann … Nein, nie im Leben! Totti gerissen und Jocke totgebissen, sagte Papa. Nie, nie, nie im Leben! Ach, der arme Bootsmann, sie wollte ihn nehmen und mit ihm weglaufen, weit, weit weg, und niemals wiederkommen. Aber zuerst wollte sie jedem einzelnen eins auf den Schädel hauen, jedem, der daherkam und sagte, daß … Wie rasend stieß sie sich die Schuhe von den Füßen und sah sich mit wilden Augen nach jemandem um, dem sie sie an den Kopf knallen konnte. Nicht Papa – jemand anderem, ganz gleich, wem, sie wußte aber nicht, wem, und darum hob sie die Schuhe mit einem Schrei auf und schleuderte sie gegen die Wand.

»Ihr könnt was erleben! Ihr könnt was erleben!« brüllte sie.

Völlig außer sich stand sie da. Jetzt sah sie, daß Papa Bootsmann an der Treppe festgebunden hatte, und da schnappte sie nach Luft. »Meinst du etwa, er soll jetzt immer angebunden bleiben?«

Nisse seufzte.

»Tjorven, mein armes Kind«, sagte er und hockte sich vor ihr nieder, was er immer tat, wenn er wollte, daß sie ihm ordentlich zuhörte. »Tjorven, ich muß dir jetzt etwas sagen, worüber du ganz furchtbar traurig wirst.« Tjorven schluchzte nur noch heftiger.

»Ich bin schon traurig.«

Nisse seufzte von neuem.

»Ich weiß, und dies ist für mich auch schwer. Aber siehst du, Tjorven, ein Hund, der Schafe reißt und Kaninchen totbeißt, der darf nicht am Leben bleiben.«

Tjorven stand still vor ihm und sah ihn an. Es war, als hörte oder begriffe sie nicht, was er sagte, aber schließlich rannte sie mit einem jammernden Aufschrei fort.

Sie floh in ihr Bett, und hier verbrachte sie, den Kopf im Kissen versteckt, den längsten und bittersten Tag ihres Lebens.

Teddy und Freddy hatten vom Weinen geschwollene Augen, sie trauerten ebenso sehr wie Tjorven. Als sie sie aber dort liegen sahen, tat es ihnen weh vor Mitleid. Arme Tjorven, für sie war es auf alle Fälle am schlimmsten! Sie setzten sich zu ihr und versuchten, mit ihr zu reden, versuchten etwas zu sagen, wodurch es weniger schwer sein würde, aber es war, als hörte sie nichts, und sie bekamen nur ein einziges Wort aus ihr heraus: »Geht!«

Da gingen sie weinend fort. Märta und Nisse versuchten ebenfalls, mit ihr zu reden, aber sie bekamen auch keine Antwort. Die Stunden verrannen, Tjorven lag im Bett, stumm und reglos. Ab und zu machte Märta die Tür zu ihrem Zimmer einen Spalt weit auf und hörte manchmal ein leises Wimmern, sonst war alles still.

»Jetzt halte ich es nicht mehr aus«, sagte Märta schließlich. »Komm, Nisse, wir müssen es noch einmal versuchen.«

Und sie versuchten es. Sie versuchten es auf jegliche Weise, die Liebe und Verzweiflung ihnen eingab.

»Kleine Tjorven«, sagte Märta, »hör mal, hast du nicht Lust, in die Stadt zu fahren und Großmama zu besuchen, möchtest du das?«

Sie bekamen keine Antwort, nur ein kurzes, trockenes Aufschluchzen. »Oder sollen wir dir ein Fahrrad kaufen?« fragte Nisse. »Möchtest du das?«

Abermals ein Aufschluchzen und weiter nichts.

»Tjorven, gibt es denn nichts, was du gern möchtest?« fragte Märta verzweifelt.

»Doch«, murmelte Tjorven, »ich möchte tot sein.«

Sie setzte sich mit einem Ruck im Bett hoch, und plötzlich kamen die Worte in einem Schwall aus ihr heraus.

»Es ist alles meine Schuld. Ich hab mich nicht so viel um Bootsmann gekümmert, wie ich hätte müssen. Ich hab mich bloß immer mit Moses abgegeben.«