Sie hatte alles durchdacht, oh, wie viel hatte sie gedacht und mit welcher Verzweiflung! So mußte es sein. Es war ihre Schuld. Bootsmann hatte noch nie etwas Böses getan, und wenn es wirklich stimmte, daß er Totti und Jocke gerissen hatte, dann war es deshalb, weil es ihm selber schlechtgegangen war und weil es ihm einerlei war, was er tat.
»Doch, es ist meine Schuld«, schluchzte Tjorven. »Es ist besser, wenn ihr mich totschießt und nicht Bootsmann.«
Dann sank sie wieder aufs Kopfkissen zurück. Einen kurzen Augenblick erinnerte sie sich an Moses, der weit weg war in der Toten Bucht. Aber er gehörte zu einer anderen Welt, an die sie nicht denken konnte. Nur einen gab es, aus dem sie sich etwas machte. Sie sehnte sich nach Bootsmann, so sehr, daß es ihr weh tat. Er stand draußen an der Treppe angeleint. Bald würde Papa das Gewehr nehmen und mit ihm in den Wald hinaufgehen …
»Holt Bootsmann her«, murmelte sie, den Kopf im Kissen. Nisse machte ein unglückliches Gesicht.
»Kleine Tjorven, ist es nicht besser, du siehst Bootsmann nicht gerade jetzt?«
Da brüllte Tjorven: »Holt Bootsmann her!«
Teddy brachte ihn, und Tjorven jagte sie alle aus dem Zimmer. »Ich will allein mit ihm sein.«
Und dann war sie allein mit ihrem Hund. Sie warf sich ihm um den Hals und wimmerte: »Verzeih mir, Bootsmann, verzeih mir, verzeih mir!«
Er sah sie an mit Augen, die nichts enthielten als eine ewige Treue, und er mochte denken: »Kleines Hummelchen, ich versteh von all dem gar nichts, aber ich will nicht, daß du so traurig bist.«
Sie nahm seinen riesigen Kopf zwischen ihre beiden Hände und sah ihm in die Augen, um nach einer Antwort auf all dies Unerklärliche und Schreckliche zu suchen.
»Es kann nicht wahr sein! Ach, Bootsmann, könntest du doch reden und alles erklären.«
Ja, wenn Bootsmann bloß hätte reden können! Wenn er doch hätte reden können!
Und der arme Moses, der in einem Bootsschuppen weit weg an der Toten Bucht eingeschlossen war – wer dachte an ihn? Das tat Stina. Auch sie hatte geweint, wegen Totti und wegen Jocke und wegen Bootsmann. Heute weinten alle auf Saltkrokan. Aber Totti sei bald wieder gesund, sagte Großvater, und wenn auch alles ein einziges großes Elend war, so konnte Moses deswegen doch nicht verhungern.
»Pelle und Tjorven, die liegen nur da und weinen und weinen. Dann muß ich eben an Moses denken«, sagte sie. »Gib mir Strömlinge, Großvater!« Sie bekam ihre Strömlinge in einem Korb und ging los. Und Söderman fuhr in seiner Arbeit fort. Da kam Vesterman. Er war außer sich vor Wut über Nisse Grankvist, weil der sich unterstanden hatte, das über Cora zu sagen.
»Einfach meinem Hund die Schuld zuschieben«, sagte er aufgebracht zu Söderman.
Er hatte die Lust verloren, mit Nisse über den Seehund zu verhandeln und darüber, wem er gehörte. Jetzt gab es nur eines zu tun, und zwar, entschlossen den Seehund an sich zu nehmen und in sicherem Gewahrsam zu halten, bis er diesen Grünschnabel erwischt hatte, der Seehunde aufkaufte. Wo aber war dieser elende Seehund? Der Teich war leer, und woanders war er, soweit Vesterman sehen konnte, auch nicht, obgleich er den ganzen Morgen gesucht hatte.
»Weißt du, wo die Gören den Seehund haben?« fragte er Söderman. Söderman schüttelte den Kopf. »Verschwunden kann er nicht sein. Stina war erst vor kurzem hier und hat Strömlinge für ihn geholt.«
Sobald er das gesagt hatte, fuhr ihm etwas durch den Sinn, was Stina erzählt hatte. Daß Vesterman den Kindern Moses wegnehmen und ihn verkaufen wollte.
»Der Seehund geht dich übrigens nichts an«, sagte Söderman. »So viel Scham solltest du doch wohl am Leibe haben.«
Vesterman stieß einen Fluch aus und ging. Er war wütend und enttäuscht, wütend auf die Kinder und auf Nisse Grankvist und auf Söderman und auf jeden Menschen dieser Insel. Ganz Saltkrokan möge zum Kuckuck gehen, meinte Vesterman.
Er stapfte heimwärts. Da sah er Stina ein Stück weiter vorn auf dem Weg mit dem Strömlingskorb am Arm, und nun beschleunigte er seinen Gang. Mit langen Schritten holte er sie ein.
»Wo willst du denn hin, kleine Stina?« fragte er schmeichlerisch, denn jetzt hieß es, schlau zu sein.
Stina lächelte zu ihm auf, ein freundliches und zahnloses Lächeln. »Haha, du sagst dasselbe wie der Wolf.«
Das verstand Vesterman nicht.
»Der Wolf? Welcher Wolf?«
»Rotkäppchen und der Wolf, das mußt du doch kennen! Soll ich dir das Märchen erzählen?«
Vesterman wollte das Märchen nicht hören und auch kein anderes, doch es half ihm nichts. Stina war die beharrlichste Märchenerzählerin von Saltkrokan, und Vesterman mußte die Geschichte von Rotkäppchen ganz bis zu Ende anhören. Nun erst kam er zu Wort.
»Wer soll die Strömlinge haben?«
»Die? Na, Mo …«, begann Stina, aber dann schwieg sie hastig, denn jetzt fiel ihr ein, mit wem sie redete.
Vesterman gab nicht auf.
»Was sagst du, wer soll sie haben?«
»Großmutter soll sie haben«, sagte Stina fest. Dann grinste sie. »›Warum hast du so ein großes Maul, Großmutter?‹ fragte Rotkäppchen. ›Damit ich besser Strömlinge essen kann‹, sagte die Großmutter. Haha, was sagst du nun, Vesterman?«
Sie lächelte Vesterman zahnlos und niederträchtig an, und dann rannte sie davon.
Aber sie war genauso arglos wie Rotkäppchen, als es dem Wolf den Weg zu Großmutters Häuschen zeigte. Stina ging sorglos geradewegs zur Toten Bucht, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Hätte sie das getan, dann hätte sie vielleicht einen Schimmer von Vesterman gesehen, der hinter ihr herschlich. Er hätte wahrlich nicht zu schleichen brauchen. Niemand war so wenig auf der Hut wie Stina, und jetzt hatte sie es eilig. Sie mußte zu Moses.
Moses schrie und zischte sie an, kaum daß sie zur Tür hereingekommen war, verstummte aber, sobald er seine Strömlinge bekam. Stina saß neben ihm und streichelte ihn, während er fraß. »Du wunderst dich sicher, daß ich allein komme«, sagte sie. »Aber ich erzähl's dir nicht, dann wirst du bloß traurig.«
Traurig – wer war nicht längst traurig? Moses gefiel dieser Bootsschuppen nicht, und er wollte nicht allein sein. Aber jetzt war Stina gekommen, die wollte er dabehalten. Er wußte schon, wie er es anstellen mußte, damit sie bleibe, er brauchte sich nur einfach auf sie zu setzen. Sobald er fertiggefressen hatte, krabbelte er entschlossen auf ihren Schoß. Hier machte er sich's gemütlich, und wenn sie versuchte, ihn hinunterzuschubsen, zischte er sie an. Das sollte sie ja nicht versuchen! Wenn er in diesem Bootsschuppen bleiben mußte, dann sollte sie wahrhaftig auch dableiben! Stina merkte, wie ihre Beine einzuschlafen begannen, und sie wurde unruhig. Wer weiß, wie lange Moses hier zu sitzen gedachte? Vielleicht bis Mittsommer? Dann würden beide verhungern, sie und Moses. Das war kein vergnüglicher Gedanke, und sie bat inständig:
»Lieber Moses, geh runter von meinen Beinen!«
Aber Moses wollte nicht. Wieder versuchte sie, ihn hinunterzuknuffen, aber er zischte sie nur an.
Da sah sie noch einen Strömling im Korb liegen. Der wurde ihre Rettung. Sie nahm ihn sich und hielt ihn hoch in die Luft, so daß Moses ihn nicht erreichen konnte. Und dann schleuderte sie ihn mit aller Kraft fort. Der Strömling landete in einem entfernten Winkel, und Moses wackelte gierig hin, um ihn sich zu holen. Als er zurückkam und keiner mehr da war, auf dessen Schoß er sitzen konnte, schrie er vor Wut.
»Tschüs, Moses«, sagte Stina und schloß die Tür. Sie legte den Haken über und ging davon, ganz zufrieden mit sich selber. Sie guckte weder nach rechts noch nach links und sah auch Vesterman nicht, der sich in einer Lücke zwischen zwei Schuppen versteckt hielt.
Aber wenn Stina auch genauso arglos war wie Rotkäppchen
– was für ein Glück trotz allem, daß sie gerade um diese Stunde mit Strömlingen zu Moses gegangen war, und was für ein Glück, daß er so lange auf ihrem Schoß gesessen hatte und daß sie auf dem Nachhauseweg gerade in diesem Augenblick an der Schafweide vorbeikam! Sonst hätte sie nie den Fuchs gesehen, der dort wütete. Einen großen hungrigen Fuchs, der heute nacht nicht das erwischt hatte, worauf er aus gewesen war, kein Lämmchen und nicht einmal ein Kaninchen, weil ein rasender Hund ihn in seinen Bau zurückgejagt hatte.