Er war hungriger denn je und wollte sich jetzt einen Lammbraten holen, da aber kam ein Menschenkind, sicher eines von der allergefährlichsten Sorte, denn es schrie aus vollem Halse. Er bekam einen Todesschrecken und schlüpfte voller Angst durch eine Lücke im Zaun auf den Weg hinaus und verschwand zwischen den Tannen am Waldrand.
Wie ein leuchtend roter Strich flitzte er dicht an den Füßen vom alten Söderman vorbei, der nachsehen wollte, ob Bootsmann nicht noch mehr Unheil unter den Schafen angerichtet hatte, außer dem, was er heute nacht hatte feststellen können. Er blieb jäh stehen, als er den Fuchs vorbeihuschen sah.
»Der Fuchs!« schrie Stina. »Großvater, hast du den Fuchs gesehen?«
»Und ob ich ihn gesehen habe«, sagte Söderman. »Das war das größte Ungetüm von einem Fuchs, das ich in meinem Leben gesehen habe. Aha, dieser Halunke ist es also, der unter meinen Lämmern haust!«
»Und dann gehst du rum und behauptest, Bootsmann wäre es gewesen«, sagte Stina unwirsch.
»Ja, dann gehe ich rum und behaupte, Bootsmann wäre es gewesen«, sagte ihr Großvater und kratzte sich am Hinterkopf. Er war alt und schon langsam im Denken. Wie hing das eigentlich alles zusammen? Er hatte doch Bootsmann gesehen heute nacht. Und noch nie hatte er gehört, daß sich ein Fuchs in eine Schafherde hineinwagte; aber es gab offenbar hin und wieder ein Ungetüm, das es trotzdem tat. Waren er und Bootsmann Partner, halfen sie sich vielleicht gegenseitig beim Jagen … Nein, so konnte es nicht sein. Der Fuchs hatte heute nacht Totti gehetzt, und Bootsmann hatte den Fuchs gehetzt! Bootsmann hatte seine Lämmer beschützt, so hing das zusammen, und zum Dank hatte er, Söderman, ihn beschuldigt und es dahin gebracht, daß … Achachach, jetzt hatte Söderman es auf einmal eilig.
»Bleib hier«, sagte er zu Stina, »und schrei, wenn du den Fuchs siehst.«
Er mußte zu Nisse, und zwar schnellstens. Er rannte, der alte Söderman, wie er seit vielen Jahren nicht mehr gerannt war, und kam keuchend und außer Atem in den Laden.
»Nisse, bist du drinnen?« rief er voller Bangen, und da kam Märta heraus, ganz verweint.
»Nein, Nisse ist mit Bootsmann in den Wald gegangen«, sagte sie. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und stürzte wieder hinein. Achachach! Söderman stand da, als hätte er einen Schlag mit der Keule bekommen. Dann rannte er wieder los. Er jammerte laut und rannte. Bald konnte er nicht mehr, aber er mußte können, er mußte Nisse zu fassen kriegen, er durfte nicht zu spät kommen.
»Wo bist du, Nisse?« schrie er. »Wo bist du? Nicht schießen!«
Es war ein ruhiger Tag und ganz still im Wald. Weit entfernt rief ein Kuckuck, aber dann schwieg der auch. Söderman rannte und hörte nur sein eigenes Keuchen und seine eigenen bangen Rufe.
»Wo bist du, Nisse? Nicht schießen!«
Er bekam keine Antwort. Es war still zwischen Tannen und Kiefern. Söderman rannte. Da fiel ein Schuß – oh, wie es knallte und zwischen den Bäumen widerhallte. Söderman blieb stehen und griff sich an die Brust. Er war zu spät gekommen, jetzt war es geschehen! Achachach, er würde Tjorven nie mehr in die Augen sehen können. Was für ein jammervoller Tag, was für ein Elend!
Söderman stand still und schloß die Augen. Da hörte er Schritte, und er schaute auf. Da kam Nisse mit dem Gewehr über der Schulter und neben ihm … Söderman starrte mit offenem Mund. Neben Nisse trottete Bootsmann!
»Hast du nicht – geschossen?« stammelte Söderman.
Nisse warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
»Gott steh mir bei, Söderman, ich kann es nicht! Ich muß Jansson bitten, es zu tun. Er ist heute unterwegs und schießt Mantelmöwen.«
Freud und Leid reichen einander die Hand, und manchmal kann sich alles ebenso rasch wenden, wie man niest. Es braucht nur ein atemloser Alter dort zu stehen, der mit Tränen in den Augen von dem Fuchs auf seiner Schafweide berichtet.
Nisse umarmte Söderman.
»Noch nie hat ein Mensch mich so froh gemacht wie du, Söderman!«
Und noch nie ist ein Mann mit seinem Hund so fröhlich aus dem Wald heimgekehrt wie Nisse Grankvist heute mit Bootsmann. Er ist froh. Trotzdem wird er heute nacht wach liegen und an die schwere Stunde oben im Wald denken. Am meisten wird er an die Augen von Bootsmann denken, wie er dort an dem Stein zwischen den Tannen saß und auf den Schuß wartete. Bootsmann wußte, was geschehen würde, und er blickte Nisse an, ergeben und trauervoll und treu. Die Erinnerung an diesen Blick wird Nisse heute nacht wachhalten. Jetzt aber ist er fröhlich, und er ruft nach Tjorven.
»Tjorven, komm! Hummelchen, komm her, ich muß dir etwas Schönes erzählen.«
Nee, Pelle, die Welt ist kein Jammertal
»Ich kann nicht aufhören zu weinen«, sagte Tjorven erstaunt. Sie saß in der Küche auf dem Fußboden, ganz dicht an Bootsmann gedrückt, und Bootsmann fraß Beefsteakhack. Ein ganzes Kilo erstklassiges Hack hatte er bekommen, und alle hatten ihn um Verzeihung gebeten. Nun saß die ganze Familie im Kreis um ihn herum und himmelte ihn an und streichelte ihn, und Tjorven fand das alles wunderbar schön.
»Aber was ist das bloß, ich kann nicht aufhören zu weinen«, sagte sie ärgerlich und wischte sich mit der Faust ein paar Tränen ab. Sie erinnerte sich an alles, was sie in diesen letzten schrecklichen Stunden gedacht hatte. Sie hatte sich geirrt. Bootsmann hetzte keine Schafe, und wenn sie sich zehn Mosesse halten würde. Er war so gutartig wie immer. Aber sie hatte auch richtig gedacht, und richtig sollte es von nun an zugehen. Alles sollte werden wie früher, bevor Moses kam und alles durcheinanderbrachte.
Ach ja, Moses! Sie fragte sich, wie es ihm in seinem Bootsschuppen wohl gehen mochte. Und plötzlich fiel ihr Jocke ein. Und Pelle, der arme Pelle, weshalb konnte er jetzt nicht auch so fröhlich sein wie sie? Alle sollten jetzt fröhlich sein.
Und natürlich freute sich Pelle, als er hörte, daß Bootsmann unschuldig war, sosehr man sich freuen konnte, wenn man selber ganz verzweifelt war. Er hatte um Bootsmann ebenso getrauert wie um sein Kaninchen, und es war ein Trost, daß Bootsmann nicht schuld an Jockes Tod war. »Ich hab ein viel besseres Gefühl, weil Bootsmann es nicht war«, sagte er zu Melcher.
Dann aber wandte er den Kopf ab und sagte mit leiser Stimme: »Für Jocke ist es aber ganz einerlei, wer es getan hat.«
In der Nacht träumte er von Jocke, einem lebendigen Jocke, der angehopst kam und Löwenzahn haben wollte. Aber es wurde wieder Morgen, und es gab keinen Jocke mehr. Nicht einmal sein Stall war mehr da. Johann und Niklas hatten ihn weggeräumt, damit Pelle ihn nicht mehr sehen mußte. Sie waren nett, seine Brüder, sie hatten ihm Sachen geschenkt. Er hatte ein feines Modellschiff bekommen, das Niklas gebaut hatte, und Johann hatte ihm sein altes Taschenmesser geschenkt. Pelle war so dankbar, daß er hätte platzen können, und dennoch war dies ein schwerer Morgen, und er überlegte sich, ob er es immer so empfinden würde und wie er dann seine langen Tage ertragen sollte.
An diesem Abend begruben sie Jocke in Janssons Kuhwäldchen, auf einer kleinen Lichtung mit Steinbrech im Gras und hohen Birken rundum.
HIER RUHT JOCKE
Pelle hatte es auf ein Stück Holz geschrieben, und nun lag er auf den Knien und drückte die Grasbüschel auf Jockes Grab fest, während Tjorven und Stina und Bootsmann zusahen. O ja, Jocke sollte es schön hier haben mit blühendem Steinbrech und den Amseln, die ihm abends etwas vorsangen, genau wie jetzt.