Tjorven und Stina wollten auch singen. Das tat man bei Begräbnissen, das gehörte dazu. Viele Male hatten sie tote Vögel begraben und immer dasselbe Lied gesungen. Jetzt sangen sie es für Jocke.
»Die Welt, sie ist ein Jammertal, kaum daß man lebt …«
»Nein, das singen wir nicht«, sagte Tjorven schnell.
Was war mit Pelle? Weshalb weinte er? Er hatte bis jetzt nicht geweint, aber nun saß er dort drüben auf einem Stein mit dem Rücken zu ihnen, und sie konnten kleine, merkwürdige Schluchzer hören. Sie schauten sich unschlüssig an, und Stina sagte ängstlich:
»Er weint vielleicht, weil die Welt ein Jammertal ist?«
»Das ist sie ja gar nicht«, sagte Tjorven. Und sie rief Pelle zu:
»Ach wo, Pelle, die Welt ist kein Jammertal. Wir singen das bloß für Jocke.«
Sie wollte unter gar keinen Umständen, daß noch mehr geweint würde. Auf irgendeine Weise mußte sie Pelle wieder froh machen, und plötzlich wußte sie auch, wie sie das anstellen konnte.
»Pelle, du kriegst was von mir, wenn du mir versprichst, daß du nicht mehr traurig bist.«
»Was denn?« brummte Pelle, ohne sich umzuwenden.
»Du kriegst Moses!«
Da drehte er sich um, der weinende Pelle, und starrte Tjorven mißtrauisch an. Aber sie versicherte ihm:
»Doch, du kriegst ihn geschenkt.«
Und zum ersten Mal seit jenem Augenblick des Leides, als Jocke verschwand, lächelte Pelle wieder.
»Bist du aber lieb, Tjorven!«
Sie nickte.
»Ja, das bin ich. Und dann habe ich ja auch Bootsmann.«
Stina schmunzelte.
»Nun haben wir alle wieder ein Tier. Wir müssen aber zu Moses gehen und es ihm erzählen, das ist doch klar.«
Darüber waren sie sich einig. Moses mußte erfahren, wem er jetzt gehörte. Außerdem mußte er Futter haben, der Ärmste!
»Lebe wohl, Jockelchen«, sagte Pelle weich. Dann rannte er davon, ohne sich umzusehen.
Und plötzlich war es, als hätte sich ein Krampf in ihm gelöst. Plötzlich war er ein ganz anderer Pelle, ein wilder und fröhlicher Pelle, der den ganzen Weg bis zur Toten Bucht hüpfte und rannte und sich zuletzt auf die Erde warf und den Abhang zu den Bootsschuppen hinunterkullerte. »Du freust dich wohl so, weil du Moses bekommst, was?« sagte Tjorven. Pelle überlegte.
»Ich weiß nicht – vielleicht. Aber, weißt du, es ist so traurig, wenn man traurig ist, das hält man nicht lange aus.«
»Warte nur, bis du Moses siehst«, sagte Tjorven und öffnete die Tür zum Schuppen.
Und dann standen sie da und starrten bestürzt ins Leere. Hier war kein Moses. Er war weg.
»Er ist abgehauen«, sagte Tjorven.
»Abgehauen! Und hat den Haken selber wieder drübergelegt, was?« sagte Pelle.
Moses war nicht abgehauen. Jemand hatte ihn gestohlen. Tjorven wandte sich zu Stina um.
»Hat dich irgendein Mensch gesehen, als du gestern hierhergegangen bist?«
Stina dachte nach.
»Nein, kein Mensch. Bloß Vesterman. Er wollte endlich von Rotkäppchen hören.«
»Dir kann man ja wohl alles einreden«, sagte Tjorven. »Oh, dieser Vesterman, so ein Lump!« Tjorven stieß gegen Moses' Schlafkiste, daß sie an die Wand flog.
»Ich reiß ihm die Haare aus. Er ist ein Dieb! Ich schieß ihn tot!« schrie sie wie rasend.
»Ich weiß, was wir machen«, sagte Pelle. »Wir rauben Moses wieder zurück. Ich wette, daß er ihn in seinem Bootsschuppen hat, und da ist sicher auch nur ein Haken an der Tür.«
Tjorvens Wut legte sich.
»Heute abend, wenn Vesterman schläft«, sagte sie eifrig.
Stina wurde ebenfalls eifrig, nur eins machte ihr Sorge.
»Wenn wir nun aber eher einschlafen als Vesterman?« sagte sie.
»Das tun wir nicht«, versicherte Tjorven drohend. »Nicht, wenn wir so wütend sind wie jetzt.«
Stina war offenbar nicht wütend genug, denn sie konnte sich nicht wach halten. Tjorven und Pelle aber konnten es, und, was noch merkwürdiger war, niemand bemerkte sie, als sie davonschlichen.
An diesem Abend war auf Saltkrokan Fuchsjagd abgehalten worden, um den Fuchs aus seinem Versteck aufzuscheuchen. Und tatsächlich gelang es ihnen, aber es wurde trotzdem kein Fuchs geschossen. Denn als sie ihn draußen auf der Landzunge in die Enge getrieben hatten und er keinen anderen Ausweg sah, da glitt er ins Wasser und schwamm davon. Dieser Fuchs wußte sich zu helfen, und bis zur nächsten Insel war es nicht weit.
Nisse Grankvist schickte einen Schuß hinter ihm her, verfehlte ihn aber. Darüber war Pelle froh, als er es hörte.
»Ich finde, Füchse sollen auch leben dürfen«, sagte er. »Und auf Norrsund gibt es jedenfalls keine Kaninchen und keine Schafe und keine Hühner.«
»Das wird ein mageres Leben für ihn werden«, sagte Tjorven zufrieden. »Der Schurke, weshalb mußte er Jocke totbeißen.«
»Das hat er nur getan, weil er ein Fuchs ist«, erklärte Pelle ihr. »Dann muß er sich ja auch wie ein Fuchs verhalten.«
»Es mag ja sein, daß er ein Fuchs ist, aber deswegen kann er sich doch wie ein Mensch benehmen«, sagte Tjorven und wollte den Fuchs durchaus nicht begreifen.
Übrigens – allerdings – sich wie ein Mensch benehmen? Wie Vesterman zum Beispiel? War das so viel besser? Hinzugehen und einen armen kleinen Seehund zu stehlen, nur um ihn zu verkaufen! Aber daraus würde nichts werden, darauf konnte Vesterman Gift nehmen! versicherte Tjorven.
»Wenn nur Cora nicht bellt«, sagte sie.
Aber Cora bellte. Sie stand neben ihrer Hundehütte und bellte so laut sie konnte, als sie Tjorven und Pelle heranschleichen sah. Aber damit hatte Pelle gerechnet. Im Schreinerhaus hatte es heute Rinderbrust gegeben. Und nun warf er Cora ein paar prächtige Rindsknochen hin und redete ihr gut zu. Da wurde sie still. Trotzdem hatten sie Angst auszustehen, bis sie wußten, ob jemand herauskommen und nachsehen würde, weshalb Cora gebellt hatte. Lange Zeit lagen sie unter dem Fliederstrauch am Hoftor und warteten. Aber als nichts zu hören war, schlichen sie sich vorsichtig auf den Hof. Dort oben auf einem Felsbuckel vor ihnen lag das Wohnhaus, an dem sie vorbeimußten, um zum Bootsschuppen hinunterzukommen. Es war still und dunkel. Wie ein schwarzer, drohender Würfel lag das Haus dort auf seiner Felsböschung mit dem hellen Nachthimmel darüber. Niemand rührte sich.
»Die schlafen wie die Murmeltiere«, sagte Tjorven zufrieden. Das hatte sie jedoch zu früh gesagt, denn plötzlich wurde es in einem Fenster dort drinnen hell, und Tjorven hielt den Atem an. Sie sahen Frau Vesterman, wie sie gerade die Petroleumlampe über dem Tisch anzündete. Da liefen sie leise und schnell geradewegs auf das Fenster zu und warfen sich auf die Erde dicht an der Hauswand. Voller Schrecken hockten sie hier und warteten. Hatte sie sie gesehen oder nicht? Vielleicht hatte sie drinnen im Dunkeln gestanden, bevor sie die Lampe anzündete, und hinter dem Vorhang herausgelugt und gesehen, wie sie durchs Hoftor gingen. Kein Mensch konnte sich an einem hellen Juniabend auf diesem Felsbuckel verstecken, wo es nicht einen einzigen Busch gab, hinter den man kriechen konnte.
Aber als Frau Vesterman nicht herausgestürzt kam, begannen sie wieder Mut zu fassen. Hier unterm Fenster konnte sie sie nicht sehen, falls sie sich nicht direkt hinauslehnte und auf sie heruntersah. Sie hofften von ganzem Herzen, daß sie das nicht tun möge. Wenn nämlich Frau Vesterman anfinge, Krach zu schlagen, dann kriegte man sie mit ein paar Rindsknochen nicht zum Schweigen, das wußten sie. Sie trauten sich nicht, sich zu rühren, nicht zu flüstern, kaum zu atmen. Sie konnten nur stilliegen und lauschen. Und sie hörten, wie Frau Vesterman sich dort drinnen bewegte. Das Fenster stand offen, sie war ihnen so nahe, daß sie die Hand über das Fenstersims strecken und guten Tag sagen konnten, wenn sie wollten. Sie murmelte, und mit einemmal fing sie an zu lesen. Ja, wahrhaftig, fing sie nicht an, sich selbst laut etwas vorzulesen? Tjorven stöhnte ganz leise. Es wäre ja noch gegangen, wenn sie etwas aus der Norrtäljer Zeitung oder so gelesen hätte, aber hier zusammengekrümmt zu liegen wie eine Garnele und sich Dinge anhören zu müssen, von denen man nicht das geringste verstand, das war zuviel.