Da drehte er sich um, und seine Miene war ruhig und ein wenig zerstreut. Er sah, dass ich ihn beobachtete, und schien etwas verblüfft.
Ich lächelte, schwieg aber, da ich nicht wusste, was ich hätte sagen sollen. Doch ich sah ihn weiter an und er mich, das Lächeln unverändert auf den Lippen. Wortlos kam er zu mir und setzte sich auf das Bett, dessen Matratze unter seinem Gewicht verrutschte. Er legte die Hand offen auf die Bettdecke, und ich legte die meine ohne Zögern hinein.
»Gut geschlafen?«, fragte ich idiotischerweise.
Ein Grinsen breitete sich über sein Gesicht. »Nein«, sagte er. »Du?«
»Nein.« Selbst mit etwas Abstand konnte ich seine Hitze spüren, trotz der Kühle im Zimmer. »Ist dir nicht kalt?«
»Nein.«
Wieder verstummten wir, konnten aber die Blicke nicht voneinander lassen. Ich betrachtete ihn sorgfältig im zunehmenden Licht und verglich meine Erinnerung mit der Realität. Ein schmaler Strahl der Morgensonne, der sich durch eine Ritze in den Fensterläden bohrte, ließ eine Haarsträhne wie polierte Bronze aufleuchten und vergoldete die Rundung seiner Schulter und seinen glatten, flachen Bauch. Er kam mir etwas größer vor, als ich ihn in Erinnerung hatte, und um einiges atemberaubender.
»Du bist größer als in meiner Erinnerung«, versuchte ich es erneut. Er legte den Kopf schief und blickte belustigt auf mich herunter.
»Du bist etwas kleiner, glaube ich.«
Seine Hand umfing die meine, und seine Finger legten sich ganz sacht um die Knochen meines Handgelenks. Mein Mund war trocken; ich schluckte und leckte mir die Lippen.
»Du hast mich vor langer Zeit einmal gefragt, ob ich wüsste, was es ist zwischen uns«, sagte ich.
Seine Augen ruhten auf den meinen, so dunkelblau, dass sie in diesem Licht fast schwarz erschienen.
»Ich erinnere mich daran«, sagte er leise. Seine Finger drückten flüchtig auf die meinen. »Was es ist – wenn ich dich berühre, wenn wir uns lieben.«
»Ich habe gesagt, ich weiß es nicht.«
»Ich wusste es auch nicht.« Sein Lächeln war verblasst, doch es war nicht ganz fort; es lauerte noch in seinen Mundwinkeln.
»Ich weiß es immer noch nicht«, sagte ich. »Aber …« Ich hielt inne, um mich zu räuspern.
»Aber es ist noch da«, beendete er den Satz für mich, und das Lächeln wanderte von seinen Lippen weiter und ließ seine Augen aufleuchten. »Aye?«
So war es. Auch jetzt war ich seiner bewusst, wie ich mir einer brennenden Dynamitstange in meiner unmittelbaren Nähe bewusst gewesen wäre, doch das Gefühl zwischen uns hatte sich verändert. Wir waren als ein Körper eingeschlafen, vereint durch die Liebe zu dem Kind, das wir gezeugt hatten, und waren als zwei Menschen erwacht – verbunden durch etwas anderes.
»Ja. Ist es … ich meine, es ist doch nicht nur wegen Brianna, oder was glaubst du?«
Der Druck auf meine Finger nahm zu.
»Ob ich dich will, weil du die Mutter meines Kindes bist?« Ungläubig zog er die Augenbraue hoch. »Nein. Nicht, dass ich nicht dankbar bin«, fügte er hastig hinzu. »Aber … nein.« Er senkte den Kopf, um mich konzentriert anzusehen, und die Sonne fiel auf seinen schmalen Nasenrücken und schimmerte in seinen Wimpern auf.
»Nein«, sagte er. »Ich glaube, ich könnte dich stundenlang anschauen, Sassenach, um zu sehen, wo du dich verändert hast und wo du dieselbe bist. Um Kleinigkeiten zu sehen wie die Form deines Kinns«, er berührte mein Kinn und ließ die Hand sanft aufwärtsgleiten, so dass sie meinen Kopf umfasste und sein Daumen mein Ohrläppchen streichelte, »oder deine Ohren und die kleinen Löcher für deine Ohrringe. Das ist alles geblieben, wie es war. Dein Haar – ich habe dich a nighean donn genannt, weißt du noch? Mein braunes Mädchen.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, während er meine Locken durch seine Finger gleiten ließ.
»Das dürfte sich wohl etwas verändert haben«, sagte ich. Ich war zwar nicht grau geworden, doch ich hatte hellere Strähnen, Stellen, an denen sich mein normales Hellbraun in weicheres Gold verwandelt hatte, und hier und dort glitzerte ein einzelnes Silberhaar auf.
»Wie Buchenholz im Regen«, sagte er lächelnd und zog mit dem Zeigefinger eine Locke glatt, »wenn die Tropfen aus dem Laub über die Rinde laufen.«
Ich streckte die Hand aus, um seinen Oberschenkel zu streicheln und die lange Narbe zu berühren, die sich daran hinunterzog.
»Ich wünschte, ich hätte für dich da sein können«, sagte ich leise. »Das war das Furchtbarste, was ich je getan habe – dich zu verlassen und zu wissen … dass du vorhattest, in den Tod zu gehen.« Ich brachte das Wort kaum über die Lippen.
»Nun, ich habe mir alle Mühe gegeben«, sagte er mit einer ironischen Grimasse, die mich trotz meiner Emotionen zum Lachen brachte. »Es war nicht meine Schuld, dass es mir nicht gelungen ist.« Er warf einen leidenschaftslosen Blick auf die lange, dicke Narbe auf seinem Oberschenkel. »Und auch nicht die des Sassenach mit dem Bajonett.«
Ich hievte mich auf einen Ellbogen hoch und blinzelte die Narbe an. »Ein Bajonett ist das gewesen?«
»Aye, nun ja. Es hat sich entzündet, weißt du«, erklärte er.
»Ich weiß; wir haben das Tagebuch eines gewissen Lord Melton gefunden, der dich vom Schlachtfeld heimgeschickt hat. Er glaubte nicht, dass du es schaffst.« Meine Hand legte sich fest um sein Knie, als wollte ich mich vergewissern, dass er tatsächlich hier bei mir war und lebte.
Er prustete. »Nun, ich hätte es ja auch um ein Haar nicht geschafft. Ich war so gut wie tot, als sie mich in Lallybroch aus dem Wagen gezogen haben.« Sein Gesicht verfinsterte sich bei der Erinnerung.
»Gott, manchmal werde ich mitten in der Nacht wach, weil ich von diesem Wagen geträumt habe. Der Weg hat zwei Tage gedauert, und mir war entweder heiß oder kalt vom Fieber oder beides gleichzeitig. Ich war mit Heu zugedeckt, und die Spitzen haben sich in meine Augen und Ohren und durch mein Hemd gebohrt, und es war voller Flöhe, die mich bei lebendigem Leib gefressen haben, und bei jedem Rumpler auf der Straße hat mich mein Bein fast umgebracht. Und es war eine sehr rumpelige Straße«, fügte er dumpf hinzu.
»Das klingt schrecklich«, sagte ich und hatte das Gefühl, dass das Wort vollkommen unzulänglich war. Er prustete nur.
»Aye. Ich habe es nur durchgestanden, weil ich mir ausgemalt habe, was ich Melton antun würde, falls ich ihm je wieder begegne – wie ich es ihm heimzahlen würde, dass er mich nicht erschossen hat.«
Wieder lachte ich, und er sah mich an, ein ironisches Lächeln auf den Lippen.
»Ich lache nicht, weil das komisch ist«, sagte ich und schnappte nach Luft. »Ich lache, weil ich sonst weinen muss, und das will ich nicht – nicht jetzt, wo es doch vorüber ist.«
»Aye, ich weiß.« Er drückte mir die Hand.
Ich holte tief Luft. »Ich … ich habe nicht zurückgeblickt. Ich dachte, ich könnte es nicht ertragen herauszufinden … was passiert ist.« Ich biss mir auf die Unterlippe; mein Eingeständnis kam mir wie Verrat vor. »Nicht … weil ich … vergessen wollte«, sagte ich und suchte unbeholfen nach Worten. »Ich hätte dich nie vergessen, das darfst du nicht denken. Niemals. Aber ich …«
»Mach dir keine Gedanken, Sassenach«, unterbrach er. Er tätschelte mir sacht die Hand. »Ich weiß, was du meinst. Ich vermeide es ja selbst lieber zurückzublicken.«
»Aber wenn ich es getan hätte«, sagte ich und senkte den Blick auf das glatte Leinengewebe, »wenn ich es getan hätte … hätte ich dich vielleicht eher gefunden.«
Die Worte hingen wie eine Anklage zwischen uns, eine mahnende Erinnerung an die bitteren Jahre des Verlustes und der Trennung. Schließlich seufzte er tief und legte mir einen Finger unter das Kinn, um mein Gesicht zu sich zu heben.
»Und wenn du es getan hättest?«, sagte er. »Hättest du die Kleine ohne Mutter zurückgelassen? Oder wärst du in der Zeit nach Culloden zu mir gekommen, als ich nicht imstande gewesen wäre, für dich zu sorgen, sondern nur hätte zusehen können, wie du mit den anderen leidest, und die Schuld dafür hätte tragen müssen, dich einem solchen Schicksal auszusetzen? Vielleicht hätte zusehen müssen, wie du an Hunger und Krankheit stirbst, in dem Wissen, dass ich dich umgebracht hätte?« Er zog fragend die Augenbraue hoch, dann schüttelte er den Kopf.