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»Nein, ich habe dir gesagt, du sollst gehen, und ich habe dir gesagt, du sollst mich vergessen. Soll ich dir vorwerfen, dass du getan hast, was ich dir gesagt habe, Sassenach? Nein.«

»Aber wir hätten vielleicht mehr Zeit gehabt!«, sagte ich. »Wir hätten …« Er schnitt mir das Wort ab, in dem er sich schlicht vorbeugte und seinen Mund auf den meinen legte. Er war warm und sanft, und seine Bartstoppeln kratzten mich schwach.

Nach einem Moment ließ er mich los. Das Licht nahm jetzt zu und überzog sein Gesicht mit Farbe. Seine Haut erglühte in Bronze, auf der sein Bart Kupferfunken schlug. Er holte tief Luft.

»Aye, das hätten wir. Aber daran denken – das können wir nicht.« Er sah mir in die Augen, unverwandt, suchend. »Ich kann nicht leben, wenn ich zurückblicke, Sassenach«, sagte er schlicht. »Und wenn wir nur die letzte Nacht haben und diesen Moment, ist das genug.«

»Aber nicht für mich!«, sagte ich, und er lachte.

»Was für ein gieriges kleines Ding du bist.«

»Ja«, sagte ich. Die Spannung war gelöst, und ich wandte mich wieder der Narbe an seinem Bein zu, um mich vorerst von weiterem schmerzhaftem Nachdenken über verlorene Zeit und versäumte Chancen abzulenken.

»Du wolltest mir erzählen, woher du sie hast.«

»Das stimmt.« Er lehnte sich ein wenig zurück und blinzelte an der schmalen weißen Linie auf seinem Oberschenkel hinunter.

»Nun, es war Jenny – meine Schwester, weißt du?« Natürlich erinnerte ich mich an Jenny; halb so groß wie ihr Bruder und so dunkel, wie er flammend hell war, jedoch mindestens so stur wie er.

»Sie hat gesagt, sie lässt mich nicht sterben«, sagte er mit einem reumütigen Lächeln. »Und das hat sie auch nicht getan. Meine Meinung schien dabei keine Rolle zu spielen, also hat sie mich auch gar nicht gefragt.«

»Das sieht Jenny ähnlich.« Ich spürte einen kleinen warmen Trost bei dem Gedanken an meine Schwägerin. Jamie war also doch nicht allein gewesen, wie ich befürchtet hatte; Jenny Murray wäre gegen den Teufel persönlich angetreten, um ihren Bruder zu retten – und genau das hatte sie offenbar auch getan.

»Sie hat mir Fiebermittel gegeben und Umschläge auf das Bein gelegt, um das Gift herauszuziehen, aber es hat alles nicht gewirkt, und es ist nur schlimmer geworden. Es war geschwollen und hat gestunken, und dann fing es an, schwarz zu werden und zu faulen, so dass sie dachten, sie müssten mir das Bein abnehmen, wenn ich am Leben bleiben sollte.«

Er erzählte das ganz sachlich, doch mir wurde ein wenig schwindelig bei dem Gedanken.

»Sie haben es aber offenbar nicht getan«, sagte ich. »Warum nicht?«

Jamie kratzte sich an der Nase und fuhr sich mit der Hand durch das Haar, um sich die wilde Mähne aus den Augen zu streichen. »Nun, das war Ian«, sagte er. »Er hat es nicht zugelassen. Er hat gesagt, er wüsste genau, wie es ist, mit einem Bein zu leben, und auch wenn es ihm selbst nicht viel ausmachen würde, wäre er der Meinung, dass es mir nicht recht wäre – alles in allem«, fügte er mit einer Handbewegung und einem Blick hinzu, in den er alles hineinlegte – die verlorene Schlacht und den verlorenen Krieg, die Trennung von mir, den Verlust von Heimat und Auskommen … alles, was sein normales Leben ausmachte. Vermutlich hatte Ian recht gehabt.

»Also hat Jenny stattdessen drei der Pächter gerufen, die sich auf mich setzen und mich stillhalten mussten, und dann hat sie mir das Bein mit einem Küchenmesser bis auf den Knochen aufgeschlitzt und die Wunde mit kochendem Wasser ausgewaschen«, sagte er beiläufig.

»Jesus H. Christ!«, platzte ich schockiert heraus.

Er lächelte schwach über den Ausdruck. »Aye, nun ja, es hat gewirkt.«

Ich schluckte krampfhaft und schmeckte Galle. »Himmel. Ich hätte gedacht, es hätte dich permanent zum Krüppel gemacht.«

»Nun, sie hat die Wunde gereinigt, so gut sie konnte, und sie zugenäht. Sie hat gesagt, sie lässt mich nicht sterben, und sie lässt nicht zu, dass ich ein Krüppel werde, und es kommt nicht in Frage, dass ich den ganzen Tag herumliege und mir selber leidtue, und …« Er zuckte resigniert mit den Schultern. »Als sie damit fertig war, mir aufzuzählen, was sie alles nicht zulassen würde, hatte ich das Gefühl, dass mir nur eines übrigblieb, nämlich gesund zu werden.«

Ich lachte gemeinsam mit ihm, und sein Lächeln wurde breiter, als er sich weiter erinnerte. »Als ich so weit war, dass ich aufstehen konnte, hat sie Ian aufgetragen, im Dunklen mit mir aus dem Haus zu gehen und mich zum Gehen zu zwingen. Himmel, das muss ein Anblick gewesen sein, wie wir die Straße auf und ab gehumpelt sind, Ian mit seinem Holzbein und ich mit meinem Stock, wie zwei lahme Kraniche!«

Wieder lachte ich, doch ich musste gegen die Tränen anblinzeln; ich konnte nur zu gut vor mir sehen, wie die beiden hochgewachsenen, humpelnden Gestalten hartnäckig gegen die Dunkelheit und den Schmerz ankämpften und sich gegenseitig stützten.

»Du hast eine Weile in einer Höhle gelebt, nicht wahr? Wir haben die Geschichte gefunden.«

Seine Augenbrauen hoben sich überrascht. »Eine Geschichte darüber? Über mich, meinst du?«

»Du bist eine berühmte Highlandlegende«, erzählte ich ihm trocken, »zumindest wirst du es werden.«

»Weil ich in einer Höhle gelebt habe?« Er sah halb erfreut, halb verlegen aus. »Nun, das ist aber ein törichter Stoff für eine Geschichte, aye?«

»Dich an die Engländer verraten zu lassen, um das Kopfgeld einzuheimsen, war möglicherweise etwas dramatischer«, sagte ich noch trockener. »Bist du damit nicht ein enormes Risiko eingegangen?«

Seine Nasenspitze war rot, und er sah ein wenig verlegen aus.

»Nun ja«, sagte er unbehaglich, »ich dachte eigentlich nicht, dass es im Gefängnis besonders furchtbar sein würde, und unter den Umständen …«

Ich sprach, so ruhig ich konnte, doch am liebsten hätte ich ihn geschüttelt, so lächerlich wütend war ich rückblickend auf ihn.

»Gefängnis, dass ich nicht lache! Du hast ganz genau gewusst, dass sie dich vielleicht hängen, nicht wahr? Und du hast es trotzdem getan, verdammt!«

»Irgendetwas musste ich doch tun«, sagte er achselzuckend. »Und wenn die Engländer so dumm waren, gutes Geld für meinen lausigen Kadaver zu bieten – es ist doch nicht verboten, die Dummheit anderer auszunutzen, oder?« Sein Mundwinkel zuckte, und ich wusste nicht, ob ich ihn küssen oder ohrfeigen sollte.

Ich ließ beides sein, setzte mich im Bett auf und fing an, mir mit den Fingern die Knoten aus dem Haar zu kämmen.

»Ich würde sagen, es ist fraglich, wer der Dummkopf war«, sagte ich, ohne ihn anzusehen, »doch so oder so solltest du wissen, dass deine Tochter sehr stolz auf dich ist.«

»Ist sie das?« Er klang wie vom Donner gerührt, und ich blickte zu ihm auf und lachte trotz meiner Verärgerung.

»Natürlich ist sie das. Du bist doch schließlich ein verdammter Held, nicht wahr?«

Jetzt wurde er im ganzen Gesicht rot und stand mit bestürzter Miene auf.

»Ich? Nein!« Er rieb sich mit der Hand durch das Haar, seine Angewohnheit, wenn er nachdachte oder aufgewühlt war.

»Nein. Ich meine«, sagte er langsam, »es war nicht als Heldentat gedacht. Es war nur … ich konnte es nicht mehr ertragen. Sie alle hungern zu sehen, meine ich, und nichts für sie tun zu können – Jenny und Ian und die Kinder, all die Pächter und ihre Familien.« Er sah mich hilflos an. »Es war mir wirklich gleichgültig, ob mich die Engländer hängen oder nicht«, sagte er. »Ich bin zwar davon ausgegangen, dass sie es nicht tun, weil du es mir so erzählt hattest, aber selbst wenn ich mit Sicherheit gewusst hätte, dass es den Galgen bedeuten würde – ich hätte es getan, Sassenach, und mir nichts dabei gedacht. Aber es war kein Heldentum – nicht im Geringsten.« Er warf frustriert die Hände hoch und wandte sich ab. »Ich konnte doch nichts anderes tun!«