»Ich verstehe«, sagte ich einen Moment später leise. »Ich verstehe.« Immer noch nackt, stand er vor der Kommode, und jetzt wandte er sich halb zu mir um.
»Wirklich?« Sein Gesicht war ernst.
»Ich kenne dich, Jamie Fraser«, sagte ich mit einer Gewissheit, wie ich sie seit dem Moment nicht mehr empfunden hatte, als ich durch den Stein geschritten war.
Sein Lächeln wurde breiter, und er öffnete den Mund, um zu antworten. Doch ehe er etwas sagen konnte, klopfte es an der Zimmertür.
Ich fuhr zusammen, als hätte ich an einen heißen Herd gepackt. Jamie lachte und bückte sich auf dem Weg zur Tür, um mir über die Hüfte zu streichen.
»Es ist vermutlich das Zimmermädchen mit unserem Frühstück, Sassenach, nicht der Konstabler. Und wir sind verheiratet, aye?« Er zog fragend die Augenbraue hoch.
»Solltest du dir nicht trotzdem etwas anziehen?«, fragte ich, als er nach dem Türknauf griff.
Er blickte an sich hinunter.
»Ich glaube kaum, dass es in diesem Haus jemanden schockieren würde, Sassenach. Aber aus Rücksicht auf dein Feingefühl …« Er grinste mich an, nahm ein Leinenhandtuch vom Waschtisch und schlang es sich beiläufig um die Hüften, ehe er die Tür aufzog.
Mein Blick fiel auf eine hochgewachsene Männergestalt, die im Flur stand, und ich zog mir prompt die Bettwäsche über den Kopf. Es war zwar eine reine Panikreaktion, denn wenn es der Konstabler von Edinburgh oder einer seiner Helfershelfer gewesen wäre, hätten mir ein paar Bettdecken kaum geholfen. Doch dann ergriff der Besucher das Wort, und ich war froh, dass ich im Moment nicht zu sehen war.
»Jamie?« Die Stimme klang ziemlich verblüfft. Obwohl ich sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gehört hatte, erkannte ich sie sofort. Ich drehte mich um, hob vorsichtig einen Zipfel der Bettdecke hoch und lugte darunter hervor.
»Natürlich bin ich es«, sagte Jamie ziemlich gereizt. »Hast du keine Augen, Mann?« Er zog seinen Schwager Ian in das Zimmer und schloss die Tür.
»Dass du es bist, sehe ich«, sagte Ian mit einem Hauch von Schärfe. »Ich war mir nur nicht sicher, ob ich meinen Augen trauen sollte!« In seinem glatten braunen Haar waren graue Strähnen zu sehen, und sein Gesicht trug die Furchen vieler entbehrungsreicher Jahre. Aber Joe Abernathy hatte recht gehabt; bei seinen ersten Worten verschmolz das neue Bild mit dem alten, und es war wieder der Ian Murray, den ich kannte.
»Ich bin hier, weil der Junge in der Druckerei gesagt hat, du wärst gestern Abend nicht da gewesen, und weil das hier die Adresse ist, an die Jenny deine Briefe schickt«, sagte er jetzt. Er sah sich mit großen, argwöhnischen Augen im Zimmer um, als erwartete er, dass jeden Moment etwas hinter dem Schrank hervorstürzte. Dann huschte sein Blick zu seinem Schwager zurück, der sich zerstreut bemühte, seinen improvisierten Lendenschurz zu befestigen.
»Ich dachte doch nicht, dass ich dich in einem Freudenhaus antreffen würde, Jamie!«, sagte er. »Ich war mir nicht sicher, als mir die … Dame unten aufgemacht hat, aber dann …«
»Es ist nicht das, was du denkst, Ian«, sagte Jamie knapp.
»Ach, nein? Und da sorgt sich Jenny, dass du noch verrückt wirst, wenn du so lange ohne eine Frau lebst!«, prustete Ian. »Ich werde ihr sagen, dass sie sich um dein Wohlergehen nicht zu sorgen braucht. Und wo ist jetzt mein Sohn, weiter den Flur entlang mit einer der anderen Huren?«
»Dein Sohn?« Jamies Überraschung war nicht zu übersehen. »Welcher denn?«
Ian starrte Jamie an, und die Wut in seinem langen, gutmütigen Gesicht verwandelte sich in Beunruhigung.
»Du hast ihn nicht bei dir? Der kleine Ian ist nicht hier?«
»Der kleine Ian? Himmel, Mann, glaubst du, ich nehme einen Vierzehnjährigen mit in ein Bordell?«
Ian öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder und setzte sich auf den Hocker.
»Um ehrlich zu sein, Jamie, ich kann gar nicht mehr sagen, was du tun würdest oder nicht«, sagte er ausdruckslos. Er blickte mit zusammengebissenen Zähnen zu seinem Schwager auf. »Früher, ja. Aber jetzt nicht mehr.«
»Und was zum Teufel meinst du damit?« Ich konnte sehen, wie Jamie die Zornesröte ins Gesicht stieg.
Ian richtete den Blick auf das Bett und wandte ihn wieder ab. Die Röte in Jamies Gesicht ließ zwar nicht nach, doch ich sah seinen Mundwinkel leise beben. Er verneigte sich ausladend vor seinem Schwager.
»Verzeihung, Ian, ich habe meine guten Manieren vergessen. Gestatte mir, dich meiner Begleiterin vorzustellen.« Er trat an die Bettkante und zog an der Decke.
»Nein!«, rief Ian. Er sprang von seinem Schemel auf und blickte hektisch zu Boden, zum Schrank, Hauptsache, nicht zum Bett.
»Was, willst du denn meine Frau nicht begrüßen, Ian?«, sagte Jamie.
»Frau?« Ian vergaß, den Blick abzuwenden, und glotzte Jamie entgeistert an. »Du hast eine Hure geheiratet?«, krächzte er.
»Ganz so würde ich es nicht bezeichnen«, sagte ich. Beim Klang meiner Stimme riss Ian den Kopf in meine Richtung herum.
»Hallo«, sagte ich und winkte ihm aus meinem Nest in der Bettwäsche fröhlich zu. »Lange her, nicht wahr?«
Eigentlich hatte ich die Beschreibungen dessen, was die Leute taten, wenn sie ein Gespenst sahen, immer für ziemlich übertrieben gehalten, doch angesichts der Reaktionen auf meine Rückkehr in die Vergangenheit musste ich meine Meinung revidieren. Jamie war auf der Stelle in Ohnmacht gefallen, und Ian stand zwar nicht buchstäblich das Haar zu Berge, doch er sah auf jeden Fall so aus, als hätte er den Schreck seines Lebens bekommen.
Mit weit aufgerissenen Augen öffnete und schloss er den Mund und stieß erstickte Laute aus, die Jamie sehr zu belustigen schienen.
»Das wird dich lehren, mir immer nur das Schlimmste zu unterstellen«, sagte er mit sichtlicher Genugtuung. Dann bekam Jamie Mitleid mit seinem zitternden Schwager. Er goss einen Schluck Brandy ein und reichte ihm das Glas. »Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden, wie?«
Fast dachte ich, dass sich Ian den Brandy über die Hose schütten würde, doch es gelang ihm, sich das Glas an den Mund zu heben und zu schlucken.
»Was –«, keuchte er und starrte mich mit tränenden Augen an. »Wie –?«
»Es ist eine lange Geschichte«, sagte ich mit einem Blick in Jamies Richtung. Er nickte kurz. Wir hatten in den letzten vierundzwanzig Stunden an andere Dinge gedacht als daran, wie wir mich den Leuten erklären sollten, und angesichts der Umstände fand ich auch, dass Erklärungen warten konnten.
»Ich glaube, ich kenne den kleinen Ian noch nicht. Vermisst ihr ihn?«, fragte ich höflich.
Ian nickte mechanisch, ohne den Blick von mir abzuwenden.
»Er hat sich letzten Freitag von zu Hause fortgeschlichen«, sagte er, und er klang ziemlich benommen. »Hat uns einen Zettel dagelassen, er wäre bei seinem Onkel.« Er trank noch einen Schluck Brandy, hustete und blinzelte mehrmals, dann rieb er sich die Augen, setzte sich wieder und sah mich an.
»Es ist nicht das erste Mal«, sagte er zu mir. Er schien allmählich sein Selbstvertrauen wiederzufinden, da er sah, dass ich aus Fleisch und Blut zu sein schien und keine Anstalten machte, aus dem Bett zu steigen oder mir gar den Kopf unter den Arm zu stecken und ohne ihn herumzulaufen, wie es bei Highlandgespenstern gang und gäbe war.
Jamie setzte sich neben mich auf das Bett und nahm meine Hand.
»Ich habe Ian nicht mehr gesehen, seit ich ihn vor sechs Monaten mit Fergus heimgeschickt habe«, sagte er. Langsam sah er genauso besorgt aus wie Ian. »Bist du sicher, dass er gesagt hat, er kommt zu mir?«
»Ich wüsste nicht, dass er noch einen anderen Onkel hat«, sagte Ian schneidend. Er kippte den Rest des Brandys hinunter und stellte das Glas hin.
»Fergus?«, unterbrach ich. »Dann geht es Fergus gut?« Ich spürte Freude in mir aufsteigen, als ich den Namen des französischen Waisen hörte, den Jamie einst in Paris als Taschendieb angeheuert hatte.