Aus seinen Gedanken gerissen, sah mich Jamie an.
»Oh, aye, Fergus ist erwachsen geworden. Etwas verändert natürlich.« Ein Schatten schien über sein Gesicht hinwegzuhuschen, verschwand jedoch, als er mir lächelnd die Hand drückte. »Er wird außer sich sein, dich wiederzusehen, Sassenach.«
Ian, der sich nicht für Fergus interessierte, schritt auf dem groben Dielenboden hin und her.
»Er hat kein Pferd mitgenommen«, murmelte er. »Er hat also nichts dabei, was Räuber locken würde.« Er fuhr zu Jamie herum. »Welchen Weg habt ihr letztes Mal genommen, als du den Jungen dabeihattest? Auf dem Landweg um den Firth herum, oder seid ihr mit dem Boot übergesetzt?«
Jamie rieb sich das Kinn und dachte stirnrunzelnd nach. »Ich habe ihn ja nicht in Lallybroch abgeholt. Er und Fergus haben den Carryarrick-Pass genommen, und wir haben uns am Loch Laggan getroffen. Dann sind wir weiter über Struan und Weem und … aye, jetzt weiß ich es wieder. Wir wollten das Land der Campbells nicht durchqueren, also haben wir uns östlich gehalten und den Forth in Donibristle überquert.«
»Meinst du, er würde es wieder so machen?«, fragte Ian. »Wenn es der einzige Weg ist, den er kennt?«
Jamie schüttelte skeptisch den Kopf. »Möglich. Aber er weiß, dass es an der Küste gefährlich ist.«
Ian setzte sich wieder in Bewegung, die Hände im Rücken verschränkt. »Als er das letzte Mal davongelaufen ist, habe ich ihn verprügelt, bis er kaum noch stehen konnte, von sitzen ganz zu schweigen«, sagte Ian und schüttelte den Kopf. Seine Lippen waren angespannt, und ich begriff, dass Ian junior seinem Vater vermutlich einiges abverlangte. »Man sollte doch meinen, der kleine Dummkopf wüsste es besser, aye?«
Jamie prustete, wenn auch nicht ohne Mitgefühl.
»Hat eine Tracht Prügel dich je daran gehindert, etwas zu tun, was du dir vorgenommen hattest?«
Ian blieb stehen und setzte sich seufzend wieder auf den Hocker.
»Nein«, sagte er unverblümt, »aber ich vermute, für meinen Vater war es erleichternd.« Sein Gesicht brach in ein widerstrebendes Lächeln aus, und Jamie lachte.
»Ihm wird schon nichts zugestoßen sein«, verkündete Jamie zuversichtlich. Er stand auf und ließ das Handtuch auf den Boden fallen, während er nach seiner Kniehose griff. »Ich lasse es weitersagen, dass wir ihn suchen. Wenn er in Edinburgh ist, wissen wir es bis heute Abend.«
Ian warf einen Blick auf mich und das Bett und erhob sich hastig.
»Ich gehe mit dir.«
Ich hatte das Gefühl, einen Hauch von Skepsis über Jamies Gesicht huschen zu sehen, doch dann nickte er und zog sich das Hemd über den Kopf.
»Also schön«, sagte er, als sein Kopf aus dem Ausschnitt kam. Er sah mich stirnrunzelnd an.
»Ich fürchte, du musst hierbleiben, Sassenach«, sagte er.
»Das muss ich wohl«, sagte ich trocken. »Da ich ja nichts anzuziehen habe.« Das Dienstmädchen, das uns das Essen gebracht hatte, hatte die Überreste meines Kleides mitgenommen, und bis jetzt war noch kein Ersatz erschienen.
Ians schüttere Augenbrauen fuhren bis zu seinem Haaransatz hoch, doch Jamie nickte nur.
»Ich spreche unten mit Jeanne«, sagte er. Er dachte nach, und seine Stirn war leicht gerunzelt. »Möglich, dass es etwas dauert, Sassenach. Es gibt da ein paar – nun, ich muss mich um einige Angelegenheiten kümmern.« Er drückte mir die Hand, und seine Miene wurde sanfter, als er mich ansah.
»Ich lasse dich nicht gern allein«, sagte er leise. »Aber es geht nicht anders. Du bleibst doch hier, bis ich zurückkomme?«
»Keine Sorge«, beruhigte ich ihn und wies mit einer Geste auf das Handtuch, das er gerade fallen gelassen hatte. »Ich werde wohl kaum damit aus dem Haus gehen.«
Der Klang ihrer Schritte entfernte sich im Flur und verschmolz mit den Geräuschen des morgendlichen Hauses. Das Bordell erwachte, spät und träge, gemessen an den strengen schottischen Richtlinien Edinburghs. Unter mir konnte ich es hin und wieder gedämpft rumpeln hören, dann öffnete sich klappernd ein Fensterladen, jemand rief »Achtung, nass!«, und in der nächsten Sekunde landete der Inhalt eines Nachttopfs klatschend unten auf der Straße.
Stimmen weit hinten im Flur, ein kurzer, unverständlicher Wortwechsel, eine Tür, die sich schloss. Das Gebäude selbst schien sich mit seinen ächzenden Balken und quietschenden Treppenstufen seufzend zu räkeln, und aus dem kalten Kamin kam plötzlich ein Wölkchen warmen Kohlegeruchs, das Ausatmen eines Feuers, das weiter unten in einem Kamin angezündet wurde, der denselben Schornstein benutzte.
Ich legte mich entspannt in die Kissen zurück und fühlte mich schläfrig und herrlich zufrieden. Ich war an einigen ungewohnten Stellen angenehm wund, und ich hatte Jamie zwar nur ungern gehen lassen, konnte aber nicht leugnen, dass es schön war, eine Weile allein zu sein, um nachzudenken.
Ich kam mir vor wie ein Mensch, dem eine versiegelte Truhe mit einem lange verloren geglaubten Schatz übergeben worden war. Mit Genugtuung spürte ich, wie schwer sie war und welchen Umriss ihr Inhalt hatte, und ich empfand unbändige Freude, sie zu besitzen, doch ich wusste immer noch nicht genau, was darin enthalten war.
Ich brannte darauf, alles zu erfahren, was er getan, gesagt, gedacht und gewesen war, an jedem Tag, der zwischen uns lag. Natürlich hatte ich gewusst, dass er sich ein Leben aufgebaut haben musste, wenn er Culloden überlebt hatte – und nach allem, was ich von Jamie Fraser wusste, war es unwahrscheinlich, dass es ein unkompliziertes Leben war. Doch dies zu wissen und sich mit der Realität konfrontiert zu sehen, waren zwei unterschiedliche Dinge.
So lange war er vor meinem inneren Auge erstarrt gewesen, schillernd zwar, aber reglos wie ein in Bernstein konserviertes Insekt. Und dann waren Rogers historische Fundstücke gekommen, wie Blicke durch ein Schlüsselloch; voneinander unabhängige Bilder, die Akzente setzten, die Erinnerung variierten, die Flügel der Libelle immer wieder anders zeigten, gehoben oder gesenkt, wie die Einzelbilder eines Kinofilms. Jetzt aber lief die Zeit für uns wieder weiter, und die Libelle flog vor meinen Augen umher und huschte von Ort zu Ort, so dass ich im Moment nicht viel mehr sah als das Glitzern ihrer Flügel.
Es gab so viele Fragen, die zu stellen wir beide noch keine Gelegenheit gehabt hatten – wie ging es seiner Familie in Lallybroch, seiner Schwester Jenny und ihren Kindern? Ian lebte ja offensichtlich noch, und trotz seines Holzbeins ging es ihm gut – doch hatten die restlichen Familienmitglieder und die Pächter auf dem Anwesen die Zerstörung in den Highlands überlebt? Wenn ja, warum war Jamie hier in Edinburgh?
Und wenn sie noch lebten – was würden wir ihnen über mein plötzliches Wiederauftauchen erzählen? Ich biss mir auf die Unterlippe und fragte mich, ob es – abgesehen von der Wahrheit – überhaupt eine Erklärung gab, die einen Sinn ergab. Möglicherweise würde es davon abhängen, was Jamie ihnen erzählt hatte, als ich nach der Schlacht von Culloden verschwunden war; es war uns damals nicht nötig erschienen, einen Grund für mein Verschwinden zu erfinden; wir dachten, jeder würde schlicht davon ausgehen, dass ich in den Nachwehen des Aufstands umgekommen war, eine weitere namenlose Leiche, die verhungert in den Felsen lag oder abgeschlachtet in einem nackten Tal.
Nun, das würden wir schon hinbekommen, wenn es so weit war, dachte ich. Im Moment interessierte ich mich mehr für das Ausmaß und die Gefährlichkeit von Jamies weniger legitimem Tun. Schmuggel und Aufwiegelei also, ja? Mir war klar, dass der Schmuggel in den Highlands eine beinahe genauso ehrenvolle Beschäftigung war, wie es der Rinderdiebstahl zwanzig Jahre zuvor gewesen war, und das Risiko dabei relativ gering war. Aufwiegelei war etwas anderes, und für einen verurteilten jakobitischen Ex-Verräter schien mir dies eine Beschäftigung von zweifelhafter Sicherheit zu sein.
Das, so vermutete ich, war der Grund für sein Pseudonym – zumindest einer der Gründe. Auch wenn ich gestern Abend bei unserer Ankunft im Bordell bestürzt und aufgeregt gewesen war, war mir doch aufgefallen, dass Madame Jeanne ihn bei seinem richtigen Namen nannte. Also schmuggelte er vermutlich unter seinem richtigen Namen, übte aber seine Arbeit als Drucker – legal und illegal – als Alex Malcolm aus.