Ich hatte genug gesehen, gehört und gefühlt in diesen allzu kurzen Stunden der Nacht, um mir sicher zu sein, dass der Jamie Fraser, den ich gekannt hatte, noch existierte. Wie viele Männer außerdem jetzt in seiner Haut stecken mochten, würde ich ja sehen.
Ein zögerndes Klopfen an der Tür unterbrach mich in meinen Gedanken. Frühstück, dachte ich, und keinen Moment zu früh. Ich hatte Heißhunger.
»Herein«, rief ich und setzte mich im Bett hin. Ich stellte die Kissen auf, um mich daran anzulehnen.
Die Tür öffnete sich sehr langsam, und nach einer ziemlich langen Pause schob sich ein Kopf auf eine Weise herein, die sehr an eine Schnecke erinnerte, die nach einem Hagelschauer aus ihrem Haus kommt.
Auf dem Kopf saß ein schlecht geschnittener dunkelbrauner Haarschopf, der so dicht war, dass die kurzen Enden wie ein Vorsprung über die großen Ohren ragten. Das Gesicht darunter war lang und knochig, liebenswürdig und schlicht bis auf ein Paar wunderschöne braune Augen, die sanft und riesig wie die eines Rehs mit einer Mischung aus Neugier und Zögern auf mir ruhten.
Der Kopf und ich betrachteten einander einen Moment.
»Seid Ihr Mr. Malcolms … Frauenzimmer?«, fragte er.
»So könnte man es wohl ausdrücken«, erwiderte ich vorsichtig. Dies war offensichtlich nicht das Zimmermädchen mit meinem Frühstück. Vermutlich war er überhaupt kein Angestellter des Etablissements, da er eindeutig männlich war, wenn auch noch sehr jung. Er kam mir vage bekannt vor, obwohl ich mir sicher war, dass ich ihn noch nie gesehen hatte. Ich zog mir das Laken etwas höher über die Brüste. »Und wer bist du?«, erkundigte ich mich.
Darüber dachte der Kopf eine Weile nach und antwortete schließlich mit derselben Vorsicht: »Ian Murray.«
»Ian Murray?« Ich schoss kerzengerade hoch und rettete in letzter Sekunde das Laken. »Komm sofort herein«, sagte ich entschlossen. »Wenn du der bist, der ich glaube, warum bist du nicht da, wo du hingehörst, und was machst du hier?« Das Gesicht setzte eine alarmierte Miene auf und schien sich zurückziehen zu wollen.
»Halt!«, rief ich und hob ein Bein aus dem Bett, um ihm nachzusetzen. Beim Anblick der entblößten Gliedmaße wurden die großen braunen Augen noch größer, und er erstarrte. »Komm herein, habe ich gesagt.«
Langsam zog ich das Bein wieder unter die Decke, und ebenso langsam folgte ihm der Junge in das Zimmer.
Er war hochgewachsen und schlaksig wie ein junger Storch und wog auf seine eins achtzig verteilt vielleicht sechzig spärliche Kilo. Nun, da ich wusste, wer er war, war die Ähnlichkeit mit seinem Vater deutlich zu erkennen. Doch er hatte die blasse Haut seiner Mutter, und diese errötete jetzt heftig, als ihm plötzlich klarwurde, dass er neben einem Bett mit einer nackten Frau stand.
»Ich … äh … war auf der Suche nach meinem … nach Mr. Malcolm, meine ich«, murmelte er und hielt den Blick fest auf den Boden vor seinen Füßen geheftet.
»Wenn du deinen Onkel Jamie meinst, er ist nicht hier«, sagte ich.
»Nein. Nein, so ist es wohl.« Ihm schien nichts einzufallen, was er dem hätte hinzufügen können, und so starrte er weiter auf den Boden, einen Fuß unbeholfen zur Seite gedreht, als hätte er vor, ihn einzuziehen wie der staksende Vogel, dem er so ähnlich sah.
»Wisst Ihr, wo …«, begann er und hob den Blick, dann erspähte er mich, senkte den Kopf, errötete erneut und verstummte.
»Er ist auf der Suche nach dir«, sagte ich. »Mit deinem Vater«, fügte ich hinzu. »Es ist noch keine halbe Stunde her, dass sie hier aufgebrochen sind.«
Sein Kopf schnappte auf seinem dünnen Hals nach oben, und er riss die Augen auf.
»Mein Vater?«, keuchte er. »Mein Vater war hier? Ihr kennt ihn?«
»Oh ja«, sagte ich, ohne zu überlegen. »Ich kenne Ian schon sehr lange.«
Er mochte zwar Jamies Neffe sein, doch Jamies unergründliche Art beherrschte er nicht. Alles, was er dachte, war in seinem Gesicht zu sehen, und ich konnte die Abfolge seiner Gefühle problemlos nachverfolgen. Erst der blanke Schreck, als er von der Anwesenheit seines Vaters in Edinburgh hörte, dann eine Art ehrfürchtiges Grauen über die Enthüllung, dass sein Vater eine langjährige Bekanntschaft mit einer Frau pflegte, die anscheinend einem gewissen Gewerbe nachging, und schließlich beginnendes, wütendes Begreifen, als der junge Mann begann, seine Meinung über den Charakter seines Vaters zu revidieren.
»Äh …«, sagte ich leicht beunruhigt. »Es ist nicht so, wie du denkst. Ich meine, dein Vater und ich … ich meine, eigentlich sind dein Onkel und ich …« Ich versuchte herauszufinden, wie ich ihm die Situation erklären könnte, ohne mich noch tiefer zu verstricken, als er auf dem Absatz herumfuhr und auf die Tür zusteuerte.
»Warte einen Moment«, sagte ich. Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um. Seine sauber gewaschenen Ohren standen ab wie kleine Flügel, und die Morgensonne ließ sie in zartem Rosa aufleuchten. »Wie alt bist du?«, fragte ich.
Er drehte sich mit einer gewissen schmerzhaften Würde zu mir um. »In drei Wochen werde ich fünfzehn«, sagte er. Die Röte kroch ihm jetzt wieder in die Wangen. »Keine Sorge, ich bin alt genug, um zu wissen … was für ein Haus das ist, meine ich.« Er ruckte mit dem Kopf in meine Richtung, der Versuch einer höflichen Verbeugung.
»Nichts gegen Euch, Mistress. Wenn Onkel Jamie – ich meine, ich –«, er suchte nach geeigneten Worten, fand keine und platzte schließlich heraus: »Sehr erfreut, Euch kennenzulernen, Ma’am!«, machte kehrt und schoss zur Tür hinaus, die so heftig zuknallte, dass sie in ihrem Rahmen schepperte.
Ich ließ mich in die Kissen fallen, hin- und hergerissen zwischen Belustigung und Beunruhigung. Ich fragte mich, was der ältere Ian wohl zu seinem Sohn sagen würde, wenn sie sich begegneten. Und da ich gerade dabei war, fragte ich mich auch, wie der jüngere Ian darauf gekommen war, hier nach Jamie zu suchen. Er wusste offensichtlich, wo sein Onkel möglicherweise zu finden war, doch aus seiner schüchternen Art schloss ich, dass er sich noch nie zuvor in das Bordell gewagt hatte.
Hatte er dieses Wissen von Geordie in der Druckerei? Das kam mir nicht wahrscheinlich vor. Und doch, wenn nicht – dann bedeutete das, dass er durch eine andere Quelle von der Verbindung seines Onkels mit diesem Haus erfahren hatte. Und die nächstliegende Quelle war Jamie selbst.
Doch in diesem Fall, so dachte ich, wusste Jamie vermutlich schon, dass sein Neffe in Edinburgh war, warum also so tun, als hätte er den Jungen nicht gesehen? Ian war Jamies ältester Freund; sie waren zusammen aufgewachsen. Wenn das, was Jamie im Schilde führte, den Preis wert war, seinen Schwager zu täuschen, dann war die Sache ernst.
Weiter kam ich nicht mit meinen Überlegungen, denn wieder klopfte es an der Tür.
»Herein«, sagte ich und strich die Bettdecke glatt, in Erwartung des Frühstückstabletts, das gleich darauf deponiert werden würde.
Als sich die Tür öffnete, war mein Augenmerk auf eine Stelle etwas mehr als anderthalb Meter über dem Boden gerichtet, da ich mit dem Auftauchen des Zimmermädchens rechnete. Beim letzten Öffnen der Tür hatte ich mein Gesichtsfeld gute dreißig Zentimeter heben müssen, um es dem Auftauchen Ian juniors anzupassen. Diesmal war ich gezwungen, es zu senken.
»Was zum Teufel macht Ihr denn hier?«, fragte ich, als Mr. Willoughbys Zwergengestalt auf Händen und Knien hereinkam. Ich setzte mich auf und zog hastig sowohl die Füße unter mich als auch das Laken und die Decke um meine Schultern.
Als Antwort kam der Chinese dicht an das Bett heran, dann ließ er den Kopf mit einem lauten Knall auf den Boden fallen. Er hob den Kopf und wiederholte den Vorgang in aller Ruhe, wobei er ein grauenvolles Geräusch erzeugte, als ob eine Melone mit einer Axt gespalten wird.