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»Seid Ihr sicher, dass sie seine Frau ist?«, fragte die tiefe Männerstimme. »Ich hatte gehört …«

»Ich auch. Aber wenn er sagt, sie ist seine Frau, bin ich nicht geneigt, ihm zu widersprechen, n’est-çe pas?« Madame klang ungeduldig. »Also, was die verflixte Madeleine betrifft …«

»Es ist nicht ihre Schuld, Madame«, unterbrach Bruno. »Habt Ihr heute Morgen die Neuigkeit nicht gehört – über die Bestie?«

Madame keuchte leise auf. »Nein! Doch nicht schon wieder!«

»Doch, Madame.« Brunos Stimme war grimmig. »Nur ein paar Türen weiter – über dem Schankraum des Green Owl. Das Mädchen war Madeleines Schwester; der Priester hat die Neuigkeit kurz vor dem Frühstück überbracht. Ihr könnt also verstehen …«

»Ja, ich verstehe.« Madame klang ein wenig atemlos. »Ja, natürlich. Natürlich. War es … wie bei den anderen?« Ihre Stimme zitterte angewidert.

»Ja, Madame. Ein Beil oder eine Art großes Messer.« Er senkte die Stimme, wie es Menschen tun, wenn sie Schreckliches berichten. »Der Priester hat mir erzählt, dass ihr Kopf vollständig abgetrennt war. Ihr Körper lag an der Tür ihres Zimmers, und ihr Kopf«, seine Stimme senkte sich noch weiter fast bis zum Flüsterton, »ihr Kopf stand auf dem Kaminsims. Der Wirt ist in Ohnmacht gefallen, als er sie gefunden hat.«

Ein lauter Knall aus dem Nebenzimmer legte nahe, dass Madame Jeanne dem Beispiel des Wirts gefolgt war. Meine Arme überzogen sich mit Gänsehaut, und auch mir wurden die Knie ein wenig weich. Allmählich stimmte ich Jamies Befürchtung zu, dass es unklug gewesen war, mich in einem Freudenhaus unterzubringen.

Immerhin war ich inzwischen bekleidet, wenn auch noch nicht ausgehfertig, und so betrat ich das Nebenzimmer, wo ich Madame Jeanne halb liegend auf dem Sofa eines kleinen Salons vorfand, während ein kräftiger, unglücklich aussehender Mann auf einem Hocker zu ihren Füßen saß.

Bei meinem Anblick fuhr Madame zusammen. »Madame Fraser! Oh, es tut mir so leid! Ich wollte Euch nicht warten lassen, aber mir wurde …«, sie zögerte und suchte nach einer taktvollen Umschreibung, »eine verstörende Nachricht überbracht.«

»Das kann man wohl sagen«, sagte ich. »Was ist das für eine Bestie?«

»Ihr habt uns gehört?« Sie war ohnehin bleich; jetzt wurde ihr Gesicht noch einige Töne weißer, und sie rang die Hände. »Was wird er nur sagen? Er wird außer sich sein!«, jammerte sie.

»Wer?«, fragte ich. »Jamie oder die Bestie?«

»Euer Gemahl«, sagte sie. Sie blickte sich nervös im Zimmer um. »Wenn er hört, dass man seine Frau so schändlich vernachlässigt hat, sie für eine fille de joie gehalten hat und sie mit anhören musste, dass … dass …«

»Ich glaube wirklich nicht, dass ihm das etwas ausmachen wird«, sagte ich. »Aber ich würde gern mehr über diese Bestie erfahren.«

»Tatsächlich?« Bruno zog seine buschigen Augenbrauen hoch. Er war ein kräftiger Mann mit schrägen Schultern und langen Armen, was ihm das Aussehen eines Gorillas verlieh, eine Ähnlichkeit, die durch seine flache Stirn und sein fliehendes Kinn noch verstärkt wurde. Er sah aus wie der perfekte Kandidat für das Amt des Türstehers in einem Bordell.

»Nun ja«, sagte er zögernd und sah Madame Jeanne fragend an, doch der Blick der Madame fiel auf die kleine emaillierte Uhr auf dem Kaminsims, und sie sprang mit einem erschrockenen Aufruf auf.

»Crottin!«, rief sie. »Ich muss gehen!« Sie winkte mir flüchtig zu und hastete aus dem Zimmer. Bruno und ich blickten ihr überrascht hinterher.

»Oh«, sagte er, als er sich wieder gefasst hatte. »Richtig, es sollte ja um zehn Uhr kommen.« Auf dem Ührchen war es Viertel nach zehn. Was auch immer »es« war, ich hoffte, dass es warten würde.

»Bestie«, beharrte ich.

Wie die meisten Menschen war auch Bruno nur zu gern bereit, mich in die unappetitlichen Einzelheiten einzuweihen, nachdem er sich des gesellschaftlichen Anstands halber kurz geziert hatte.

Die Bestie von Edinburgh war – wie ich dem bisherigen Gespräch bereits entnommen hatte – ein Mörder. Wie ein früher Jack the Ripper war auch er auf leichte Mädchen spezialisiert, die er mit den Hieben eines Instruments mit einer schweren Klinge tötete. In einigen Fällen waren die Leichen zerstückelt oder sonst wie »manipuliert« worden, wie Bruno mit gesenkter Stimme sagte.

Die Morde – insgesamt acht – hatten sich in gewissen Abständen im Lauf der letzten beiden Jahre ereignet. Bis auf eine Ausnahme waren die Frauen in ihren eigenen Räumlichkeiten umgebracht worden; die meisten lebten allein – zwei waren in Bordellen ermordet worden. Daher wohl auch Madame Jeannes Bestürzung.

»Was denn für eine Ausnahme?«, fragte ich.

Bruno bekreuzigte sich. »Eine Nonne«, flüsterte er, und die Worte schienen ihn selbst jetzt noch zu schockieren. »Eine Barmherzige Schwester aus Frankreich.«

Die Schwester, die mit einer Gruppe von Mitschwestern per Schiff nach Edinburgh gekommen war, war auf den Docks entführt worden, ohne dass ihre Begleiterinnen in der allgemeinen Verwirrung ihr Fehlen bemerkt hatten. Als man sie in einer von Edinburghs Gässchen fand, war es viel zu spät.

»Vergewaltigt?«, fragte ich aus klinischem Interesse.

Bruno beäugte mich mit beträchtlichem Argwohn.

»Ich weiß es nicht«, sagte er förmlich. Er erhob sich schwerfällig, und seine Affenschultern hingen erschöpft vornüber. Vermutlich hatte er die ganze Nacht Dienst gehabt; jetzt musste es Schlafenszeit für ihn sein. »Wenn Ihr mich entschuldigt, Madame«, sagte er förmlich, aber zerstreut, und ging aus dem Zimmer.

Ich lehnte mich auf dem kleinen Samtsofa zurück und fühlte mich leicht benommen. Mir war gar nicht klar gewesen, dass in einem Bordell tagsüber solche Geschäftigkeit herrschte.

Plötzlich ertönte lautes Hämmern an der Tür. Es klang nicht wie Klopfen, sondern so, als ob jemand tatsächlich einen Metallhammer benutzte, um Einlass zu begehren. Ich erhob mich, um an die Tür zu gehen, doch diese öffnete sich ohne Vorwarnung von selbst, und eine schlanke, gebieterische Gestalt betrat das Zimmer. Sie sprach so akzentuiert und wütend Französisch, dass ich ihr nicht folgen konnte.

»Seid Ihr auf der Suche nach Madame Jeanne?«, brachte ich heraus, als er kurz innehielt, um für weitere Beschimpfungen Luft zu holen. Der Besucher war ein junger Mann von etwa dreißig, schmal gebaut und bemerkenswert gutaussehend mit dichtem schwarzem Haar und ebensolchen Augenbrauen. Er funkelte mich an, und als er mich dann genau betrachtete, vollzog sich eine außerordentliche Veränderung in seinem Gesicht. Seine Augenbrauen hoben sich, seine schwarzen Augen wurden groß, und er wurde kreidebleich.

»Milady!«, rief er aus. Er warf sich auf die Knie, legte mir die Arme um die Oberschenkel und vergrub sein Gesicht in meiner Leistengegend.

»Loslassen!«, rief ich aus und schob seine Schultern von mir, um ihn loszuwerden. »Ich arbeite nicht hier! Loslassen, sage ich!«

»Milady!«, wiederholte er in hingerissenem Ton. »Milady! Ihr seid zurückgekehrt! Ein Wunder! Gott hat Euch zurückgesandt!«

Er blickte lächelnd zu mir auf, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Er hatte große, weiße, perfekte Zähne. Plötzlich kam mein Gedächtnis in Bewegung und zeigte mir die Umrisse eines Jungengesichts unter den kühnen Männerzügen.

»Fergus!«, sagte ich. »Fergus, bist du es wirklich? Steh doch auf – lass dich ansehen!«

Er erhob sich, ließ mir aber keine Zeit, ihn zu betrachten. Er umarmte mich so fest, dass meine Rippen ächzten, und ich umklammerte ihn meinerseits und hämmerte ihm vor lauter Wiedersehensfreude auf den Rücken. Er war ungefähr zehn gewesen, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, Stunden vor Culloden. Jetzt war er ein Mann, und seine Bartstoppeln kratzten mir über die Wangen.

»Ich habe gedacht, ich sehe ein Gespenst!«, rief er aus. »Ihr seid es also wirklich?«

»Ja, ich bin es«, versicherte ich ihm.

»Habt Ihr Milord gesehen?«, fragte er aufgeregt. »Weiß er, dass Ihr hier seid?«