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»Ja.«

»Oh!« Er blinzelte und trat einen halben Schritt zurück, weil ihm irgendein Gedanke kam. »Aber … aber was ist mit …« Sichtlich verwirrt hielt er inne.

»Was ist womit?«

»Da bist du ja! Was in Gottes Namen machst du hier oben, Fergus?« Jamies Gestalt ragte plötzlich in der Tür auf. Er bekam große Augen, als er mich in meinem bestickten Hemd sah. »Wo sind deine Kleider?«, fragte er. »Egal«, sagte er dann und winkte ungeduldig ab, als ich den Mund öffnete, um zu antworten. »Ich habe jetzt keine Zeit. Komm, Fergus, unten in der Gasse warten achtzehn Anker Brandy, und die Steuereintreiber sind mir auf den Fersen!«

Die Stiefel der Männer donnerten über die Treppe, und sie waren fort. Wieder blieb ich allein zurück.

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich dem Treiben unten anschließen sollte oder nicht, doch schließlich siegte die Neugier. Nach einem raschen Abstecher in die Schneiderei, wo ich nach weiterer Bekleidung suchte, begab ich mich die Treppe hinunter, eingehüllt in ein großes, mit Malven besticktes Schultertuch.

Ich hatte am gestrigen Abend nur einen vagen Eindruck vom Zuschnitt des Hauses bekommen, doch die Geräusche, die durch die Fenster hereindrangen, ließen keinen Zweifel daran, welche Seite des Gebäudes der Royal Mile zugewandt war. Die Gasse, von der Jamie gesprochen hatte, musste also auf der anderen Seite liegen, vermutete ich zumindest. Die Häuser in Edinburgh hatten häufig seltsame kleine Flügelbauten und krumme Mauern, um jeden Zentimeter Platz auszunutzen.

Am Fuß der Treppe blieb ich stehen und lauschte nach den Geräuschen rollender Fässer, um mich daran zu orientieren. Plötzlich spürte ich einen Luftzug an meinen nackten Füßen, und als ich mich umdrehte, sah ich einen Mann in der offenen Küchentür stehen.

Er schien genauso überrascht zu sein wie ich, doch nachdem er einmal geblinzelt hatte, lächelte er und trat vor, um mich beim Ellbogen zu nehmen.

»Und einen guten Morgen wünsche ich Euch, meine Liebe. Ich hatte nicht damit gerechnet, so früh am Morgen eine von Euch Damen anzutreffen.«

»Nun, Ihr wisst ja, was man über Leute sagt, die früh zu Bett gehen und früh aufstehen«, erwiderte ich, während ich versuchte, ihm meinen Ellbogen zu entziehen.

Er lachte, so dass ich die fleckigen Zähne in seinem schmalen Kiefer sah. »Nein, was sagt man denn darüber?«

»Nun, wenn ich es recht bedenke, ist es eine amerikanische Redensart«, sagte ich, weil ich plötzlich begriff, dass Benjamin Franklin, falls er überhaupt bereits Schriften veröffentlichte, vermutlich keine große Leserschaft in Edinburgh hatte.

»Scharfzüngig, Täubchen«, sagte er mit einem angedeuteten Lächeln. »Sie hat Euch wohl zur Ablenkung nach unten geschickt, wie?«

»Nein. Wer?«, sagte ich.

»Madame«, sagte er und blickte sich um. »Wo ist sie?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte ich. »Lasst mich los.«

Stattdessen drückte er fester zu, so dass sich seine Finger unangenehm in meine Oberarmmuskeln bohrten. Er kam näher und flüsterte mir mit einem Schwall von abgestandenem Tabakgeruch ins Ohr.

»Es gibt immerhin eine Belohnung«, murmelte er verschwörerisch. »Einen Anteil am Wert der beschlagnahmten Schmuggelware. Es bräuchte ja niemand zu wissen außer Euch und mir.« Er fuhr mit einem Finger sacht unter meiner Brust entlang, so dass sich die Brustwarze unter der dünnen Baumwolle aufrichtete. »Was sagt Ihr, Täubchen?«

Ich starrte ihn an. »Die Steuereintreiber sind mir auf den Fersen«, hatte Jamie gesagt. Das musste also einer von ihnen sein; ein Offizier der Krone, dessen Aufgabe es war, den Schmuggel zu verhindern und Schmuggler festzunehmen. Was hatte Jamie gesagt? »Pranger, Deportation, Peitsche, Kerker, ein festgenageltes Ohr«, und leichtfertig abgewunken, als sei das alles nicht mehr als ein Strafzettel im Straßenverkehr.

»Wovon redet Ihr eigentlich?«, sagte ich, um einen verwunderten Ton bemüht. »Und zum letztem Mal, lasst mich los!« Er konnte nicht allein sein, dachte ich. Wie viele waren noch im Haus?

»Ja, bitte lasst los«, sagte eine Stimme hinter mir. Ich sah, wie der Steuereintreiber große Augen bekam, als er mir über die Schulter blickte.

Mr. Willoughby stand in zerknitterter blauer Seide auf der zweiten Treppenstufe, eine große Pistole fest in beiden Händen. Er nickte dem Offizier höflich zu.

»Nicht stinkende Hure«, erklärte er und blinzelte wie eine Eule. »Ehrenwerte Ehefrau.«

Der Steuereintreiber, den das unerwartete Auftauchen eines Chinesen sichtlich verblüffte, glotzte von mir zu Mr. Willoughby und wieder zurück.

»Ehefrau?«, sagte er ungläubig. »Ihr sagt, sie ist Eure Frau?«

Mr. Willoughby, der eindeutig nur das zentrale Wort aufschnappte, nickte höflich.

»Ehefrau«, wiederholte er. »Bitte loszulassen.« Seine Augen waren nicht mehr als blutunterlaufene Schlitze, und wenn nicht dem Steuereintreiber, so war doch mir zumindest klar, dass sein Alkoholpegel nach wie vor schwindelnd hoch war.

Der Steuereintreiber zog mich an sich und sah Mr. Willoughby finster an. »Jetzt hört mir zu …«, begann er. Weiter kam er nicht, denn Mr. Willoughby, der offenbar der Meinung war, dass er den Mann hinreichend gewarnt hatte, hob die Pistole und drückte ab.

Es folgte ein lauter Knall, ein noch lauterer Schrei, der aus meiner Kehle stammen musste, und der Treppenabsatz füllte sich mit einer Wolke aus grauem Pulverqualm. Der Steuereintreiber wankte rückwärts gegen die Wandvertäfelung, völlige Überraschung im Gesicht und eine wachsende Rosette aus Blut auf der Brust seines Rocks.

Ich sprang automatisch auf ihn zu und packte den Mann unter den Armen, um ihn sanft auf den Dielenboden gleiten zu lassen. Oben ertönte hektischer Lärm, denn angelockt von dem Schuss, sammelten sich die Bewohnerinnen des Hauses unter lautem Geplapper um das Geländer im ersten Stock. Laute Schritte kamen immer zwei Stufen auf einmal von unten die Treppe herauf.

Fergus platzte aus der Tür, die in den Keller führen musste, eine Pistole in der Hand.

»Milady«, keuchte er, als er mich in der Ecke sitzen sah, den Steuereintreiber auf dem Schoß. »Was habt Ihr getan?«

»Ich?«, sagte ich entrüstet. »Ich habe gar nichts getan; das war Jamies zahmer Chinese.« Ich wies kopfnickend zur Treppe, wo Mr. Willoughby die Pistole achtlos zu seinen Füßen abgelegt hatte, um sich auf die Stufe zu setzen, von wo er die Szene jetzt mit wohlwollendem, trübem Blick betrachtete.

Fergus sagte etwas auf Französisch, das zu umgangssprachlich war, um es zu übersetzen, aber extrem böse gegenüber Mr. Willoughby klang. Er schritt zur Treppe hinüber und streckte die Hand aus, um den kleinen Chinesen an der Schulter zu packen – zumindest dachte ich das, bis ich sah, dass sein ausgestreckter Arm nicht in einer Hand endete, sondern in einem Haken aus glänzendem, schwarzem Metall.

»Fergus!« Ich war so schockiert über den Anblick, dass ich meine Versuche einstellte, die Blutung des Steuereintreibers mit meinem Schultertuch zu stillen. »Was … was …«, sagte ich zusammenhanglos.

»Was?«, sagte er und sah mich an. Dann folgte er meiner Blickrichtung, sagte, »Oh, das«, und zuckte mit den Schultern. »Die Engländer. Macht Euch keine Gedanken, Milady, wir haben keine Zeit. Du, canaille, ab nach unten!« Er zerrte Mr. Willoughby von der Treppe hoch, zog ihn zur Kellertür und schubste ihn hindurch, ohne einen Gedanken an seine körperliche Unversehrtheit zu verschwenden. Ich konnte es rumpeln hören und vermutete, dass die akrobatischen Fähigkeiten des Chinesen den Dienst versagten und er die Treppe hinunterrollte, doch ich hatte keine Zeit, mich um ihn zu sorgen.

Fergus hockte sich neben mich und zog den Kopf des Steuereintreibers an den Haaren hoch. »Wie viele Männer habt Ihr dabei?«, wollte er wissen. »Schnell, heraus damit, cochon, sonst schneide ich Euch die Kehle durch!«

Allen Anzeichen nach war dies eine überflüssige Drohung. Die Augen des Mannes wurden bereits glasig. Mit beträchtlicher Anstrengung verzog er die Mundwinkel zu einem Lächeln.