Wie sein Vater schon gesagt hatte, war der Junge zu seinem Onkel nach Edinburgh gekommen, ohne sich die Mühe zu machen, seine Eltern um Erlaubnis zu bitten. Jamie hatte dieses Vergehen zwar schnell herausgefunden, hatte seinen Neffen aber nicht allein zurück nach Lallybroch schicken wollen. Und bis jetzt hatte er noch keine Zeit gehabt, ihn persönlich zu begleiten.
»Es ist nicht so, dass er nicht auf sich selbst aufpassen kann«, erklärte Jamie, und die Belustigung gewann jetzt den Wettstreit der Emotionen in seinem Gesicht. »Er ist ein guter Junge. Es ist nur … also, du weißt doch, wie manche Menschen die Ereignisse anziehen, ohne anscheinend selbst etwas damit zu tun zu haben?«
»Jetzt, da du es ansprichst, ja«, sagte ich ironisch. »Ich bin ein solcher Mensch.«
Er lachte laut auf. »Gott, du hast recht, Sassenach! Vielleicht habe ich den Jungen deshalb so gern; er erinnert mich an dich.«
»Mich hat er ein wenig an dich erinnert«, sagte ich.
Jamie prustete. »Gott, Jenny wird mich massakrieren, wenn sie hört, dass sich ihr Baby in einem Haus von schlechtem Ruf herumgetrieben hat. Ich hoffe, der kleine Schuft ist so vernünftig, den Mund zu halten, wenn er nach Hause kommt.«
»Ich hoffe, dass er nach Hause kommt«, sagte ich bei der Vorstellung, wie der schlaksige, knapp Fünfzehnjährige, dem ich heute Morgen begegnet war, in einem Edinburgh voller Prostituierter, Steuereintreiber, Schmuggler und beilschwingender Bestien umherwanderte. »Immerhin scheint die Bestie nichts für Jungen übrigzuhaben.«
»Aye, dafür gibt es genug andere«, sagte Jamie mürrisch. »Ich verdanke es Ian und deiner Person, Sassenach, dass ich von Glück sagen kann, wenn mein Haar nicht weiß geworden ist, sobald wir endlich aus diesem verdammten Keller kommen.«
»Ich?«, sagte ich überrascht. »Du brauchst dir doch um mich keine Sorgen zu machen.«
»Nicht?« Er ließ meinen Arm los und baute sich funkelnd vor mir auf. »Ich brauche mir keine Sorgen um dich zu machen? Das sagst du? Himmel! Ich lasse dich sicher im Bett zurück, wo du auf dein Frühstück wartest, und keine Stunde später finde ich dich unten im Hemd mit einer Leiche auf dem Schoß! Und jetzt stehst du splitternackt vor mir, während sich fünfzehn Männer fragen, wer zum Teufel du bist – was meinst du, wie ich es ihnen erklären soll, Sassenach? Sag mir das, hm?« Er fuhr sich ungeduldig mit der Hand durch das Haar.
»Grundgütiger! Und ich muss in zwei Tagen unbedingt zur Küste hinauf, aber ich kann dich nicht in Edinburgh lassen, nicht, solange hier Axtmörder unterwegs sind und die Hälfte der Leute, die dich bis jetzt gesehen haben, dich für eine Prostituierte halten, und … und …« Der Riemen, der seinen Pferdeschwanz zusammenhielt, riss plötzlich unter dem Druck, und sein Haar stellte sich rings um seinen Kopf auf wie eine Löwenmähne. Ich lachte. Im ersten Moment funkelte er mich weiter an, doch dann bahnte sich ein zögerndes Lächeln langsam den Weg durch das Stirnrunzeln.
»Aye, nun ja«, sagte er resigniert. »Ich werd’s schon schaffen.«
»Das wirst du wohl«, sagte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm das Haar hinter die Ohren zu streichen. Nach dem Prinzip, nach dem sich Magnete von gegensätzlicher Polarität in großer Nähe aufeinander zubewegen, senkte er den Kopf und küsste mich.
»Ich hatte es vergessen«, sagte er kurz darauf.
»Was denn?« Sein Rücken war auch durch das dünne Hemd hindurch warm.
»Alles.« Er sprach ganz leise, und sein Mund lag auf meinem Haar. »Glück. Angst. Vor allem Angst.« Seine Hand hob sich und strich mir die Locken von der Nase.
»Ich habe schon sehr lange keine Angst mehr gehabt, Sassenach«, flüsterte er. »Aber jetzt habe ich Angst, glaube ich. Denn jetzt gibt es etwas zu verlieren.«
Ich wich ein wenig zurück, um zu ihm aufzublicken. Seine Arme waren fest um meine Taille geschlossen, seine Augen im Zwielicht dunkel wie bodenloses Wasser. Dann veränderte sich sein Gesicht, und er küsste mich rasch auf die Stirn.
»Komm, Sassenach«, sagte er und nahm mich beim Arm. »Ich sage den Männern, dass du meine Frau bist. Alles andere muss einfach warten.«
Kapitel 27
Lichterloh
Das Kleid war zwar etwas tiefer ausgeschnitten als notwendig und ein bisschen eng um die Brust, doch im Großen und Ganzen passte es nicht schlecht.
»Und woher hast du gewusst, dass Daphne die richtige Größe haben würde?«, fragte ich, während ich meine Suppe löffelte.
»Ich habe gesagt, ich gehe nicht mit den Mädchen ins Bett«, erwiderte Jamie umsichtig. »Ich habe nie gesagt, dass ich sie nicht ansehe.« Er blinzelte mich an wie eine große rote Eule – durch eine angeborene Marotte war es ihm nicht möglich, nur ein Auge zuzukneifen –, und ich lachte.
»Aber dir steht das Kleid um einiges besser als Daphne.« Er warf einen beifälligen Blick auf meine Brust und winkte einer Dienstmagd mit einem Tablett voll frischem Brot.
Moubray’s Speisewirtschaft war zur Essenszeit gut gefüllt. Sie war um Klassen besser als das World’s End und ähnliche Trinkstuben mit ihrer beengten, verqualmten Atmosphäre – ein großes, elegantes Haus mit einer Außentreppe, die in den ersten Stock führte, wo in einem geräumigen Speiseraum der Appetit der reichen Kaufleute und Politiker Edinburghs gestillt wurde.
»Wer bist du im Moment?«, fragte ich. »Ich habe gehört, wie Madame Jeanne dich ›Monsieur Fraser‹ nennt – aber bist du das in der Öffentlichkeit auch?«
Er schüttelte den Kopf und bröckelte Brot auf seinen Suppenteller. »Nein, im Moment bin ich Sawney Malcolm, Drucker und Verleger.«
»Sawney? Das ist ein Spitzname für Alexander, oder? Ich hätte eher gedacht, dass es ›Sandy‹ ist, schon wegen deines Haars.« Obwohl sein Haar gar nicht sandfarben war, dachte ich, während ich es ansah. Es war wie Briannas Haar – sehr dicht und leicht gewellt, in einer Mischung sämtlicher Rot- und Goldtöne gefärbt; Kupfer und Zimt, Kastanie und Bernstein, rot, rötlich weiß und rötlich braun.
Ich empfand eine plötzliche Woge der Sehnsucht nach Brianna; gleichzeitig sehnte ich mich danach, Jamies Haar aus seinem strengen Flechtzopf zu lösen und mit den Händen darunter entlangzufahren, die solide Rundung seines Schädels zu spüren und mir die weichen Strähnen um die Finger zu schlingen. Ich konnte mich noch an das Kribbeln erinnern, als es mir im Morgenlicht lose auf die Brüste gefallen war.
Ich fühlte mich ein wenig kurzatmig und beugte den Kopf über meinen Muscheleintopf.
Jamie schien nichts bemerkt zu haben; er fügte seinem Teller einen großen Stich Butter hinzu und schüttelte dabei den Kopf.
»Sawney sagt man in den Highlands«, teilte er mir mit. »Und auf den Inseln. Sandy würde man eher in den Lowlands hören – oder von Sassenachs, die sich nicht auskennen.« Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, lächelte und hob sich einen Löffel des würzigen, duftenden Eintopfs an den Mund.
»Also schön«, sagte ich. »Genauer gefragt – wer bin ich?«
Er hatte es doch bemerkt. Ich spürte, wie sein großer Fuß den meinen anstieß, und er lächelte mich über den Rand seines Glases hinweg an.
»Du bist meine Frau, Sassenach«, sagte er schroff. »Immer. Ganz gleich, wer ich sein mag – du bist meine Frau.«
Ich konnte spüren, wie mir wohlige Röte ins Gesicht stieg, und ich sah, wie das seine die Erinnerung an die vergangene Nacht widerspiegelte. Auch seine Ohren waren leicht gerötet.
»Du meinst nicht, dass in diesem Eintopf zu viel Pfeffer ist?«, fragte ich und schluckte den nächsten Löffel hinunter. »Bist du sicher, Jamie?«
»Aye«, sagte er. »Aye, ich bin mir sicher«, verbesserte er sich, »und nein, der Pfeffer ist gut so. Ich habe gern ein bisschen Pfeffer.« Der Fuß neben meinem bewegte sich sacht, und seine Schuhspitze streifte meinen Knöchel.
»Also bin ich Mrs. Malcolm«, sagte ich und probierte den Namen auf meiner Zunge aus. Einfach nur »Mrs.« zu sagen, versetzte mir einen absurden kleinen Stoß der Aufregung wie bei einer frisch vermählten Braut. Unwillkürlich senkte ich den Blick auf den Silberring an meinem rechten Ringfinger.