Jamie nippte mit ausdrucksloser, gefasster Miene an seinem Wein.
»Ich bin Euch dankbar für Euren Rat, Sir Percival«, sagte er. »Dann haben Euch Eure Agenten unlängst von Unwettern im Norden berichtet?«
Sir Percival nieste, ein niedliches Geräusch wie eine erkältete Maus. Er erinnerte ohnehin sehr an eine weiße Maus, dachte ich, während ich beobachtete, wie er sich geziert die spitze rosa Nase abtupfte.
»Gewiss«, sagte er erneut. Er steckte das Taschentuch ein und blinzelte Jamie wohlwollend an. »Nein, als enger Freund, dem Euer Wohlergehen am Herzen liegt, würde ich Euch nachdrücklich raten, in Edinburgh zu bleiben. Schließlich«, fügte er hinzu und richtete den Sonnenstrahl seines Wohlwollens auf mich, »habt Ihr doch nun einen guten Grund, in aller Bequemlichkeit daheimzubleiben, nicht wahr? Und nun, meine lieben jungen Leute, muss ich mich leider verabschieden; ich darf Euch nicht länger von Eurem Hochzeitsmahl abhalten.«
Mit etwas Hilfe des in der Nähe weilenden Johnson erhob sich Sir Percival und wackelte im Rhythmus seines goldbesetzten Stocks davon.
»Er scheint doch ein netter alter Herr zu sein«, stellte ich fest, als ich mir sicher war, dass er außer Hörweite war.
Jamie prustete. »Faulig wie ein wurmstichiges Brett«, sagte er. Er nahm sein Glas und leerte es. »Man würde es nicht glauben«, sagte er nachdenklich, während er das Glas hinstellte und der verwitterten Gestalt hinterherblickte, die jetzt vorsichtig die erste Treppenstufe nahm. »Ein Mann, der dem Jüngsten Gericht so nah ist wie Sir Percival, meine ich. Man sollte meinen, dass ihn die Angst vor dem Teufel zurückhalten würde, aber nicht im mindesten.«
»Er ist vermutlich wie alle anderen«, sagte ich zynisch. »Die meisten Leute meinen ja, dass sie ewig leben.«
Jamie lachte, und seine überschwengliche Laune kehrte mit einem Schlag zurück.
»Aye, das ist wahr«, sagte er. Er schob mir das Weinglas herüber. »Und jetzt, da du hier bist, Sassenach, bin ich sogar davon überzeugt. Trink aus, mo nighean donn, dann gehen wir nach oben.«
»POST COITUM OMNE ANIMAL TRISTE«, merkte ich mit geschlossenen Augen an.
Es kam keine Antwort von dem warmen Gewicht auf meiner Brust außer dem sanften Seufzen seines Atems. Im nächsten Moment jedoch spürte ich eine Art unterirdischer Vibration, die ich als Belustigung deutete.
»Das ist eine sehr merkwürdige Feststellung, Sassenach«, sagte Jamie mit schlaftrunkener Stimme. »Nicht von dir, hoffe ich?«
»Nein.« Ich strich ihm das feuchte Haar aus der Stirn, und er drehte das Gesicht mit einem zufriedenen Schnaufen in die Rundung meiner Schulter.
Was Raum für das Liebesleben betraf, so ließen die privaten Zimmer bei Moubray’s einiges zu wünschen übrig. Dennoch, das Sofa bot zumindest eine weiche horizontale Oberfläche, und das war ja eigentlich alles, was man brauchte. Ich hatte zwar beschlossen, dass mir zwar durchaus noch Akte großer Leidenschaft zuzutrauen waren, doch ich war zu alt, um sie auf den nackten Bodendielen zu begehen.
»Ich weiß nicht, wer es gesagt hat – irgendein alter Philosoph. Es stand als Zitat in einem meiner medizinischen Lehrbücher; in dem Kapitel über das menschliche Fortpflanzungssystem.«
Die Vibration wurde als leises Glucksen hörbar.
»Du scheinst deine Lektionen ja nicht umsonst gelernt zu haben, Sassenach«, sagte er. Seine Hand glitt an meiner Seite hinunter und wand sich langsam in die Tiefe, um mein Gesäß zu umfassen. Er seufzte zufrieden und drückte leicht zu.
»Ich weiß gar nicht, wann ich mich weniger triste gefühlt habe«, sagte er.
»Ich auch nicht«, sagte ich und zeichnete den kleinen Wirbel nach, der ihm das Haar aus der Mitte der Stirn hob. »Deshalb bin ich ja darauf gekommen – ich habe mich doch gefragt, was den alten Philosophen zu dieser Schlussfolgerung bewogen hat.«
»Vermutlich kommt es darauf an, mit was für animales er der Fleischeslust gefrönt hat«, stellte Jamie fest. »Vielleicht konnte sich keins für ihn erwärmen, aber er muss ja einige ausprobiert haben, um eine solche Verallgemeinerung zu formulieren.«
Die Woge meines Lachens bewegte ihn sanft auf und ab, und er klammerte sich fester an seinen Anker.
»Obwohl Hunde hin und wieder tatsächlich etwas verlegen aussehen, wenn sie mit der Paarung fertig sind«, sagte er.
»Mm. Und Schafe?«
»Aye, nun ja, die Weibchen sehen einfach weiter wie Schafe aus – es bleibt ihnen ja auch kaum etwas anderes übrig.«
»Oh? Und die Männchen?«
»Oh, völlig enthemmt. Lassen die Zungen heraushängen, sabbern und verdrehen die Augen, während sie abstoßende Geräusche ausstoßen. Wie die meisten männlichen Tiere, aye?« Ich konnte sein Grinsen als Wölbung an meiner Schulter spüren. Er drückte noch einmal zu, und ich zog sanft an dem Ohr, das mir am nächsten war.
»Mir ist gar nicht aufgefallen, dass dir die Zunge herausgehangen hat.«
»Dir konnte gar nichts auffallen; du hattest die Augen geschlossen.«
»Ich habe auch keine abstoßenden Geräusche gehört.«
»Nun, so spontan sind mir keine eingefallen«, gab er zu. »Vielleicht mache ich es beim nächsten Mal besser.«
Wir lachten leise zusammen, dann schwiegen wir und hörten einander beim Atmen zu.
»Jamie«, sagte ich schließlich leise und strich ihm über den Hinterkopf, »ich glaube, ich bin noch nie so glücklich gewesen.«
Er drehte sich auf die Seite und verlagerte sein Gewicht, vorsichtig, um mich nicht zu erdrücken, dann stützte er sich so auf, dass mir sein Gesicht zugewandt war.
»Ich auch nicht, Sassenach«, sagte er und küsste mich sehr leicht, aber lange, so dass ich Zeit hatte, die Lippen zu einem sanften Biss um seine volle Unterlippe zu schließen.
»Es ist nicht nur das Bett, weißt du«, sagte er, als er schließlich ein wenig zurückwich. Seine Augen blickten dunkelblau und sanft wie die warme tropische See auf mich hinunter.
»Nein«, sagte ich und berührte seine Wange. »Ich weiß.«
»Dich wieder bei mir zu haben … mit dir zu sprechen … zu wissen, dass ich alles sagen kann, meine Worte nicht mit Bedacht wählen oder meine Gedanken verbergen muss … Gott, Sassenach«, sagte er, »der Himmel weiß, dass ich verrückt bin vor Lust wie ein Heranwachsender und ich die Finger nicht von dir lassen kann … oder anderes …«, fügte er ironisch hinzu, »aber darauf würde ich verzichten, solange mir die Freude vergönnt ist, dich bei mir zu haben und dir mein Herz auszuschütten.«
»Ich war einsam ohne dich«, flüsterte ich. »So einsam.«
»So wie ich«, sagte er. Er senkte den Blick, so dass seine Wimpern seine Augen verbargen, und zögerte einen Moment.
»Ich will damit nicht sagen, dass ich wie ein Mönch gelebt habe«, sagte er leise. »Wenn ich es musste … wenn ich das Gefühl hatte, dass ich wahnsinnig werde …«
Ich legte ihm die Finger auf die Lippen, um ihm Einhalt zu gebieten.
»Ich auch nicht«, sagte ich. »Frank …«
Jetzt drückte er mir sanft die Hand gegen meinen Mund. Stumm sahen wir einander an, und ich konnte das Lächeln hinter meiner Hand aufkeimen spüren und als Antwort das meine unter der seinen. Ich zog meine Hand fort.
»Es bedeutet nichts«, sagte er. Er nahm seine Hand von meinem Mund.
»Nein«, sagte ich. »Es spielt keine Rolle.« Mit dem Finger zeichnete ich seine Lippen nach.
»Dann schütte mir dein Herz aus«, sagte ich. »Wenn wir Zeit haben.«
Er blickte zum Fenster, um den Sonnenstand zu schätzen – wir waren um fünf Uhr mit Ian in der Druckerei verabredet, um zu erfahren, welche Fortschritte die Suche nach seinem Sohn gemacht hatte –, dann wälzte er sich vorsichtig von mir hinunter.
»Uns bleiben noch mindestens zwei Stunden, bis wir gehen müssen. Setz dich und zieh dich an, dann lasse ich uns etwas Wein und Gebäck bringen.«
Das hörte sich wunderbar an. Seit ich ihn gefunden hatte, schien ich permanent Hunger zu haben. Ich setzte mich auf und begann den Kleiderberg auf dem Boden nach dem Korsett zu durchsuchen, das für das tief ausgeschnittene Kleid notwendig war.