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»Ich glaube, das könnte die Linie sein, die man Lebenslinie nennt«, sagte ich. »Siehst du die vielen Gabelungen? Das bedeutet vermutlich, dass du dein Leben oft geändert hast und viele Entscheidungen getroffen hast.«

Er prustete, jedoch belustigt, nicht verächtlich.

»Oh, aye? Nun, das lässt sich gefahrlos sagen.« Er beugte sich über mein Knie, um einen Blick auf seine Handfläche zu werfen. »Die erste Gabelung war wohl, als ich Jack Randall begegnet bin, und die zweite, als ich dich geheiratet habe – sie liegen ja dicht beieinander.«

»Das stimmt.« Ich fuhr langsam mit dem Finger an der Linie entlang, und seine Finger zuckten sacht, weil es kitzelte. »Und Culloden wäre vielleicht auch eine?«

»Vielleicht.« Doch er wollte nicht von Culloden sprechen und ließ seinen Finger weiterwandern. »Und als ich ins Gefängnis gegangen bin, und zurückgekommen bin, und nach Edinburgh gezogen bin.«

»Um Drucker zu werden.« Ich hielt inne und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wie in aller Welt bist du Drucker geworden? Es ist das Letzte, was ich gedacht hätte.«

»Oh, das.« Sein Mund verbreiterte sich zu einem Lächeln. »Nun, das war Zufall, aye?«

Eigentlich hatte er nur nach einem Gewerbe Ausschau gehalten, das ihm als Fassade für die Schmuggelei dienen konnte. Da ihm ein einträgliches Geschäft gerade eine größere Summe eingebracht hatte, hatte er beschlossen, ein Unternehmen zu kaufen, zu dessen normalem Betrieb ein großer Wagen und ein Pferdegespann gehörten sowie zurückgezogene Räumlichkeiten, die sich für die vorübergehende Lagerung von Waren eigneten.

Ein Transportunternehmen lag zwar nahe, wurde aber genau deswegen verworfen, weil das Tagewerk eines solchen Unternehmens seine Betreiber automatisch der mehr oder weniger ständigen Beobachtung durch den Zoll unterwarf. Das galt auch für den Besitz eines Wirtshauses, der zwar auf den ersten Blick wünschenswert war, weil ein solches Haus ständig große Warenlieferungen erhielt, dessen legaler Betrieb jedoch zu angreifbar war, um einen illegalen dahinter zu verbergen; Steuereintreiber und Zollagenten umschwärmten jedes Wirtshaus wie Flöhe einen fetten Hund.

»Auf das Druckerhandwerk bin ich gekommen, als ich selbst etwas drucken lassen wollte«, erklärte er. »Während ich darauf gewartet habe, dass ich meine Bestellung aufgeben konnte, habe ich den Wagen ankommen gesehen, der voller Kisten mit Papier war und voller Alkoholfässer für die Herstellung von Druckerschwärze, und ich dachte, bei Gott, das ist es! Einen solchen Ort würden die Steuereintreiber niemals behelligen.«

Er hatte die Werkstatt an der Carfax Close längst erworben, Geordie als Drucker angeheuert und angefangen, Bestellungen für Plakate, Pamphlete, Mappen und Bücher entgegenzunehmen, als ihm die anderen Möglichkeiten in den Sinn gekommen waren, die ihm sein neues Gewerbe bot.

»Es war ein Mann namens Tom Gage«, erklärte er. Er löste seine Hand aus meinem Griff, denn er erwärmte sich jetzt für seine Erzählung und rieb sich gestikulierend die Haare, die er in seiner Begeisterung zerzauste.

»Er kam mit Bestellungen für Kleinigkeiten – alles vollkommen harmlos –, jedoch oft, und er blieb häufig länger, um darüber zu reden, und legte es darauf an, nicht nur mit Geordie zu sprechen, sondern auch mit mir, obwohl er ja gesehen haben muss, dass ich noch weniger von dem Gewerbe verstand als er.«

Er lächelte mich ironisch an.

»Ich verstand zwar damals nicht viel vom Druckereigewerbe, Sassenach, aber ich verstand etwas von Menschen.«

Es war offensichtlich, dass Gage Alexander Malcolms politischen Sympathien auszuloten versuchte; angesichts von Jamies schwachem Highlandakzent hatte er vorsichtig nachgehakt, diesen oder jenen Freund erwähnt, der als Unterstützer der Jakobiten nach dem Aufstand in Schwierigkeiten geraten war, gemeinsame Bekannte erwähnt, das Gespräch geschickt gesteuert und sich an seine Beute herangeschlichen. Bis die belustigte Beute ihn schließlich ganz unverblümt aufgefordert hatte, herzubringen, was er gedruckt haben wollte; es würde kein Mann des Königs davon erfahren.

»Und er hat dir vertraut.« Es war keine Frage; der einzige Mensch, der Jamie je fälschlicherweise vertraut hatte, war Charles Stuart gewesen – und in diesem Fall hatte der Fehler bei Jamie gelegen.

»Ja.« Und so hatte eine Partnerschaft begonnen, zunächst rein geschäftlich, doch im Lauf der Zeit hatte sie sich zur Freundschaft vertieft. Jamie hatte sämtliche Materialien gedruckt, die aus der Feder von Gages kleiner Gruppe radikaler politischer Autoren stammten – von Artikeln, die sie unter eigenem Namen veröffentlichten bis hin zu anonymen Flugblättern und Pamphleten von derart belastendem Inhalt, dass man die Verfasser dafür im Handumdrehen hätte einkerkern oder hängen können.

»Nach getaner Arbeit sind wir oft ins nächste Wirtshaus gegangen und haben uns unterhalten. Ich habe ein paar von Toms Freunden kennengelernt, und schließlich meinte Tom, ich sollte doch selbst einen kleinen Text schreiben. Ich habe gelacht und ihm gesagt, bis ich mit meiner Hand etwas Lesenswertes zu Papier gebracht hätte, wären wir alle längst gestorben – an Altersschwäche, nicht am Galgen. Bei diesen Worten stand ich neben der Druckerpresse und habe mit der linken Hand die Type gesetzt, ohne nachzudenken. Er hat mich einfach nur angestarrt, und dann hat er angefangen zu lachen. Er hat auf den Setzkasten gezeigt und auf meine Hand und dabei weiter gelacht, bis er sich auf den Boden setzen musste, um aufhören zu können.«

Er streckte die Arme vor sich aus, ließ seine Hände spielen und betrachtete sie leidenschaftslos. Er ballte eine Hand zur Faust und hob sie langsam vor sein Gesicht, so dass sich die Muskeln seines Arms unter dem Leinen bewegten.

»Ich bin gesund«, sagte er. »Und mit etwas Glück wird das noch viele Jahre so bleiben – aber nicht ewig, Sassenach. Ich habe oft mit Schwert und Dolch gekämpft, doch für jeden Krieger kommt irgendwann der Tag, an dem seine Kräfte schwinden.« Er schüttelte den Kopf und streckte eine Hand nach seinem Rock aus, der auf dem Boden lag.

»An diesem Tag mit Tom Gage habe ich mir das hier eingesteckt, damit es mich daran erinnert«, sagte er.

Er nahm meine Hand und legte die Gegenstände hinein, die er aus seiner Tasche geholt hatte. Sie fühlten sich kühl an und hart, kleine schwere Rechtecke aus Blei. Ich brauchte die gravierten Enden gar nicht zu spüren, um zu wissen, welche Buchstaben der Satztype es waren.

»Q. E. D.«, sagte ich.

»Die Engländer haben mir das Schwert und den Dolch genommen«, sagte er leise. Sein Finger berührte die Bleibuchstaben auf meiner Handfläche. »Aber Tom Gage hat mir wieder eine Waffe in die Hand gegeben, und ich habe nicht vor, sie niederzulegen.«

Um Viertel vor fünf schritten wir Arm in Arm das Kopfsteinpflaster der Royal Mile hinunter, erfüllt von der angenehmen Wärme mehrerer Teller gut gepfefferten Muscheleintopfs und einer Flasche Wein, die wir uns in unserem »privaten Zimmer« geteilt hatten.

Auch die Stadt rings um uns erglühte in einem warmen Licht, als nähme sie teil an unserem Glück. Edinburgh lag zwar unter einer Dunstschicht, die sich bald wieder zu Regen verdichten würde, doch noch hing das letzte Licht der untergegangenen Sonne golden, rosa und rot in den Wolken und glänzte in der feuchten Patina auf dem Straßenpflaster, so dass die grauen Mauern der Häuser in seinem Widerschein sanfter wirkten, ein Echo des Leuchtens, das mir die Wangen wärmte und in Jamies Augen glänzte, wenn er mich ansah.

Ich dämmerte in einem solchen Zustand besäuselter Selbstzufriedenheit dahin, dass es einige Minuten dauerte, bis mir auffiel, dass etwas nicht stimmte. Ein Mann, der die Geduld mit unserem Schleichtempo verlor, überholte uns energisch, dann blieb er unmittelbar vor mir abrupt stehen, so dass ich auf den feuchten Steinen stolperte und einen Schuh verlor.