Ians Finger schlossen sich wie die Stahlzähne einer Falle um meinen Arm.
»Ian!«, schrie er so laut, dass es im Lärmen der Menge und des Feuers gut zu hören war.
Ich folgte seiner Blickrichtung aufwärts und sah einen geisterhaften Umriss am Fenster im ersten Stock. Er schien kurz mit dem Vorhang zu kämpfen und dann hintenüberzufallen oder vom Rauch verschlungen zu werden.
Mir saß plötzlich das Herz in der Kehle. Es war nicht zu sagen, ob die Gestalt tatsächlich der Junge war, doch es war auf jeden Fall ein Mensch. Ian verlor keine Zeit mit Gaffen, sondern humpelte bereits auf die Tür der Druckerei zu, so schnell es ihm sein Bein erlaubte.
»Warte!«, rief ich und rannte ihm nach.
Jamie stand auf die Presse gestützt und keuchte, während er gleichzeitig versuchte, wieder zu Atem zu kommen und seinen Helfern zu danken.
»Jamie!« Ich riss an seinem Ärmel und zerrte ihn rücksichtslos von einem puterroten Barbier fort, der sich in seiner Aufregung fortwährend die verrußten Hände an seiner Schürze abwischte und lange schwarze Streifen zwischen den getrockneten Seifenspuren und Blutflecken hinterließ.
»Da oben!«, rief ich und zeigte mit dem Finger auf den oberen Stock. »Ian ist da oben!«
Jamie trat einen Schritt zurück, wischte sich mit dem Ärmel über das geschwärzte Gesicht und starrte wild zu den Fenstern hinauf. Es war nichts zu sehen außer dem wabernden Schimmer des Feuers hinter den Glasscheiben.
Ian wand sich in den Händen mehrerer Nachbarn, die versuchten, ihn am Betreten des Hauses zu hindern.
»Nein, Mann, da könnt Ihr nicht hinein!«, rief der Hauptmann der Wache und versuchte, Ians um sich schlagende Hände zu fassen. »Die Treppe ist eingestürzt, und gleich kommt das Dach!«
Trotz seines wenig muskulösen Körperbaus und der Behinderung durch sein Bein war Ian hochgewachsen und alles andere als schwach, und die Hände der wohlmeinenden Wachmänner – zum Großteil Pensionäre aus den Highlandregimentern – hatten seiner in den Bergen gestählten Kraft nichts entgegenzusetzen, erst recht nicht, da sich die Verzweiflung eines Vaters dazugesellte. Langsam, aber sicher zuckte die ganze wimmelnde Masse zentimeterweise die Eingangstreppe hinauf, da Ian seine Möchtegern-Retter mit auf die Flammen zu riss.
Ich spürte Jamie Atem holen, so tief er es mit seinen angesengten Lungen konnte, und dann war auch er auf der Treppe und hatte Ian um die Taille gefasst, um ihn zurückzuzerren.
»Komm herunter, Mann!«, rief er heiser. »Das schaffst du nicht – die Treppe ist eingestürzt!« Er blickte sich um, sah mich und schubste Ian rückwärts, so dass er das Gleichgewicht verlor und in meine Arme stolperte. »Halt ihn fest«, rief er gegen das Tosen der Flammen an. »Ich hole den Jungen herunter!«
Damit machte er kehrt und rannte die Eingangstreppe des Nachbargebäudes hinauf, indem er sich durch die Gäste des Schokoladenhauses im unteren Stock hindurchschob, die auf den Bordstein hinausgetreten waren, um zu gaffen, ihre Zinntassen noch in den Händen.
Ich folgte Jamies Beispiel, indem ich die Arme fest um Ians Taille schloss und nicht losließ. Er versuchte vergeblich, Jamie zu folgen, hielt dann aber inne und erstarrte in meinen Armen, während sein Herz wild unter meiner Wange schlug.
»Keine Sorge«, sagte ich unsinnigerweise. »Er schafft das; er holt ihn heraus. Bestimmt. Ich weiß es genau.«
Ian antwortete nicht – hatte es vielleicht gar nicht gehört –, sondern stand reglos und starr wie eine Statue in meiner Umklammerung. Sein rauher Atem klang wie Schluchzen. Er bewegte oder drehte sich nicht, als ich ihn losließ, doch als ich neben ihn trat, schnappte er nach meiner Hand und hielt sie fest. Mir hätten die Knochen geknirscht, hätte ich nicht genauso fest zurückgedrückt.
Es dauerte nicht länger als eine Minute, bis sich das Fenster über dem Schokoladenhaus öffnete und Jamies Kopf und Schultern zum Vorschein kamen. Sein rotes Haar leuchtete wie eine verirrte Flamme, die aus dem eigentlichen Feuer entwischt war. Er kletterte auf das Sims hinaus und drehte sich vorsichtig in der Hocke um, bis er dem Gebäude zugewandt war.
Auf Strümpfen erhob er sich, packte die Regenrinne des Dachs über seinem Kopf und zog sich an den Armen hoch, während seine langen Zehen in den Fugen zwischen den Steinen der Fassade Halt suchten. Mit einem Grunzen, das selbst im Getöse von Feuer und Menge zu hören war, wand er sich über die Dachkante hinauf und verschwand.
Ein kleinerer Mann hätte es nicht fertiggebracht. Ebenso wenig Ian mit seinem Holzbein. Ich hörte, wie Ian etwas murmelte; ein Gebet, dachte ich, doch als ich ihn ansah, hatte er die Zähne fest zusammengebissen, und die Angst zerfurchte sein Gesicht.
»Was zum Teufel hat er denn da oben vor?«, dachte ich, und mir war gar nicht klar, dass ich es laut gesagt hatte, bis der Barbier, der neben mir stand und sich die Hand über die Augen hielt, mir antwortete.
»Das Dach der Druckerei hat eine Klapptür. Mr. Malcolm hat zweifellos vor, sich auf diese Weise Zugang zum oberen Stock zu verschaffen. Ist es sein Gehilfe dort oben, wisst Ihr das?«
»Nein!«, fuhr ihn Ian an, der das hörte. »Es ist mein Sohn!«
Der Barbier wich vor Ians funkelndem Blick zurück, murmelte, »Oh, aye, verstehe, Sir, verstehe!«, und bekreuzigte sich. Ein Aufschrei der Menge schwoll zu Gebrüll an, als zwei Gestalten auf dem Dach des Schokoladenhauses erschienen, und Ian ließ meine Hand los und machte einen Satz nach vorn.
Jamie hatte den Arm um den Jungen gelegt, der vornübergebeugt wankte, weil er so viel Rauch geschluckt hatte. Es war hinreichend klar, dass keiner von ihnen in der Lage war, durch das Nachbargebäude zurückzukehren.
In diesem Moment erspähte Jamie Ian unter sich. Er legte eine Hand wie einen Trichter an seinen Mund und brüllte: »Seil!«
Seile gab es; die Wache war gut vorbereitet erschienen. Ian schnappte dem Wachmann, der auf ihn zukam, die Rolle aus der Hand, so dass der ehrenwerte Herr verdattert blinzelte, und wandte sich dem Haus zu.
Ich sah Jamies Zähne aufglänzen, als er auf seinen Schwager hinuntergrinste, und auch Ian konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Wie oft hatten sie einander schon ein Seil zugeworfen, um Heu auf den Heuboden hochzuziehen oder die Ladung für den Transport auf einem Wagen zu befestigen?
Die Menge wich vor Ians wirbelndem Arm zurück, und das aufgerollte Seil flog im hohen Bogen davon, wickelte sich in der Bewegung ab und landete mit der Zielsicherheit einer Hummel, die eine Blüte ansteuert, auf Jamies Arm. Jamie holte das herabhängende Ende ein und verschwand einen Moment, um das Seil am Schornstein des Gebäudes festzuknoten.
Es war das Werk einiger spannender Momente, dann waren die beiden rauchgeschwärzten Gestalten sicher unten auf dem Pflaster gelandet. Der Junge, dem das Seil unter den Armen um die Brust geschlungen war, blieb eine Sekunde aufrecht stehen, doch sobald das Seil nicht mehr unter Spannung stand, gaben ihm die Knie nach, und er glitt als schlaksiger Haufen zu Boden.
»Geht es dir gut? A bhalaich, sprich mit mir!« Ian kniete sich neben seinen Sohn und versuchte nervös, das Seil an seiner Brust aufzuknoten und gleichzeitig den schlackernden Kopf des Jungen hochzuheben.
Jamie lehnte am Geländer des Schokoladenhauses. Er war schwarz im Gesicht und hustete sich die Lungen aus dem Leib, schien jedoch ansonsten unverletzt zu sein. Ich setzte mich auf der anderen Seite neben den Jungen und nahm seinen Kopf auf den Schoß.
Ich war mir nicht sicher, ob ich über seinen Anblick lachen oder weinen sollte. Bei unserer Begegnung am Morgen war er ein nett aussehender Junge gewesen, wenn auch keine große Schönheit, und er hatte viel von der liebenswürdigen Gutmütigkeit seines Vaters. Jetzt am Abend war das dichte Haar auf der einen Hälfte seiner Stirn zu rötlich bleichen Stoppeln versengt, und seine Augenbrauen und Wimpern waren vollständig verbrannt. Die Haut darunter hatte die rußverschmierte leuchtende Rosafärbung eines frisch gegrillten Spanferkels angenommen.