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Ich tastete nach dem Puls in seinem schmalen Hals und fand ihn auch, beruhigend kräftig. Seine Atmung war rauh und unregelmäßig; kein Wunder. Ich hoffte, dass er keine Verbrennungen an der Lungenschleimhaut hatte. Er hustete lange und heftig, und seine dünne Gestalt verkrampfte sich auf meinem Schoß.

»Geht es ihm gut?« Ians Hände packten seinem Sohn instinktiv in die Achselhöhlen und setzten ihn aufrecht hin. Der Kopf des Jungen wackelte hin und her, und er kippte vornüber in meine Arme.

»Ich glaube, ja; ich kann es nicht mit Gewissheit sagen.« Der Junge hustete immer noch, war aber nicht voll bei Bewusstsein; ich hielt ihn mir an die Schulter wie ein übergroßes Baby und tätschelte ihm vergeblich den Rücken, während er keuchte und würgte.

»Geht es ihm gut?« Diesmal war es Jamie, der sich atemlos neben mich hockte. Seine Stimme war so heiser, dass ich sie nicht erkannt hätte, rauh vom Rauch.

»Ich glaube, ja. Was ist mit dir? Du siehst aus wie Malcolm X«, sagte ich und blinzelte ihn über Ians keuchende Schulter hinweg an.

»Ach ja?« Er hob verblüfft die Hand an sein Gesicht, dann grinste er beschwichtigend. »Nun, ich kann ja nicht sagen, wie ich aussehe, aber solange es noch ein Malcolm ist, wenn auch ein etwas angesengter …«

»Zurück, zurück!« Der Hauptmann der Wache war plötzlich an meiner Seite und zupfte mich am Ärmel, während sich sein grauer Bart nervös sträubte. »Bewegt Euch, Ma’am, das Dach stürzt ein!«

Und da, noch während wir uns hastig in Sicherheit brachten, stürzte das Dach der Druckerei ein, und aus dem Publikum erhob sich beeindrucktes Raunen, als eine enorme Funkenfontäne himmelwärts wirbelte, gleißend vor dem dunkler werdenden Himmel.

Als verbäte sich der Himmel diese Aufdringlichkeit, beantwortete er das Aufsprudeln feuriger Asche mit den ersten prasselnden Regentropfen, die schwer ringsum auf das Pflaster platschten. Die Edinburgher, die doch eigentlich an Regen hätten gewöhnt sein sollen, stießen bestürzte Laute aus und begannen, in die umstehenden Gebäude zurückzuhasten wie eine Horde Kakerlaken. So blieb es der Natur überlassen, das Werk der Feuerspritze zu vollenden.

Im nächsten Moment war ich mit Ian und seinem Sohn allein. Nachdem Jamie die Wache und andere Helfer freigebig mit Geld belohnt hatte und dafür gesorgt hatte, dass man die Presse und ihr Zubehör im Lagerraum des Barbiers unterbrachte, schlurfte er erschöpft auf uns zu.

»Wie geht es dem Jungen?«, fragte er und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Der Regen war jetzt kräftiger geworden, und die Wirkung auf sein rußgeschwärztes Gesicht war extrem pittoresk. Ian sah ihn an, und zum ersten Mal verlor seine Miene ein wenig von der Wut, der Sorge und der Angst. Er schenkte Jamie ein schiefes Lächeln.

»Er sieht zwar nicht viel besser aus als du, Mann – aber ich glaube, er wird’s überleben. Hilf uns, aye?«

Unter leisen gälischen Liebkosungen, wie man sie sonst für Babys benutzte, beugte sich Ian über seinen Sohn, der inzwischen benommen auf dem Bordstein saß und hin und her schwankte wie ein Reiher bei starkem Wind.

Als wir Madame Jeannes Etablissement erreichten, konnte der Junge wieder laufen, wenn auch immer noch rechts und links auf seinen Vater und seinen Onkel gestützt. Bruno, der die Tür öffnete, reagierte ungläubig blinzelnd auf unseren Anblick, dann schwang er die Tür auf und lachte dabei so sehr, dass er kaum imstande war, sie hinter uns zu schließen.

Ich musste zugeben, dass wir, vom Regen durchnässt, einen erbärmlichen Anblick boten. Jamie und ich waren beide barfuß, und Jamies Kleider hingen in Fetzen, angesengt, zerrissen und voller Ruß. Ian hatte das nasse Haar in den Augen hängen, so dass er mit seinem Holzbein aussah wie eine ertrunkene Ratte.

Doch es war der Junge, der im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, denn als Reaktion auf Brunos Lärmen tauchten jetzt diverse Köpfe aus dem Salon auf. Mit seinem angesengten Haar, seinem geschwollenen roten Gesicht, seiner Hakennase und seinem wimpernlosen Blinzeln besaß er große Ähnlichkeit mit einem exotischen Vogelküken – einem frisch geschlüpften Flamingo vielleicht. Sein Gesicht konnte zwar kaum noch tiefer erröten, doch sein Nacken entflammte in leuchtendem Scharlach, während uns das Kichern von Frauenstimmen die Treppe hinauf folgte.

Als wir die sichere Zuflucht des Salons im oberen Stockwerk erreicht und die Tür hinter uns zugezogen hatten, wandte sich Ian seinem hilflosen Sprössling zu.

»Du wirst es also überleben, wie, du kleiner Schuft?«, wollte er wissen.

»Aye, Sir«, erwiderte der Junge trostlos krächzend und sah sehr so aus, als wünschte er, die Antwort wäre »nein«.

»Gut«, sagte sein Vater grimmig. »Möchtest du etwas erklären, oder soll ich dich einfach gleich grün und blau prügeln, um Zeit zu sparen?«

»Du kannst doch niemanden verprügeln, dem gerade die Augenbrauen abgebrannt sind, Ian«, protestierte Jamie heiser und schenkte aus der Karaffe auf dem Tisch ein Glas Dunkelbier ein. »Das wäre unmenschlich.« Er grinste seinen Neffen an und reichte ihm das Glas, an das sich der Junge bereitwillig klammerte.

»Aye, nun ja. Vielleicht«, pflichtete ihm Ian bei und betrachtete seinen Sohn. Dieser bot zwar einen erbärmlichen Anblick, der jedoch gleichzeitig extrem komisch war. »Das heißt aber nicht, dass dir nicht später noch ein wunder Hintern blüht, aye?«, warnte er den Jungen. »Und zwar zusätzlich zu dem, was deine Mutter mit dir vorhat, wenn sie dich sieht. Aber erst einmal, Junge, keine Angst.«

Der Junge, der sich durch den großherzigen Ton der letzten Worte nicht besonders beruhigt zu fühlen schien, antwortete nicht, sondern flüchtete sich in die Tiefen seines Bierglases.

Auch ich nahm gern ein Glas entgegen. Erst jetzt wurde mir klar, warum die Bürger von Edinburgh mit solchem Unwillen auf Regen reagierten; wenn man einmal durchnässt war, war es höllisch schwer, in der feuchten Enge eines Steinhauses wieder trocken zu werden, wenn man die Kleider nicht wechseln konnte und keine Wärmequelle außer einem kleinen Kaminfeuer hatte.

Ich zupfte mir das feuchte Mieder von den Brüsten, fing einen neugierigen Blick des Jungen auf und beschloss bedauernd, dass ich es wirklich nicht ausziehen konnte, solange er im Zimmer war. Jamie schien ihn ja schon recht weitgehend verdorben zu haben. Stattdessen trank ich mein Bier und spürte, wie mir der würzige Geschmack wärmend durch den Körper strömte.

»Geht es dir so weit gut, dass du ein bisschen reden kannst, Junge?« Jamie setzte sich seinem Neffen gegenüber zu Ian auf das Fußkissen.

»Aye … ich denke«, krächzte der Junge vorsichtig. Er räusperte sich wie ein Ochsenfrosch und erwiderte entschlossener, »aye, das kann ich.«

»Gut. Also dann. Erstens, wie kam es, dass du in der Druckerei warst, und zweitens, wieso ist sie abgebrannt?«

Darüber dachte Ian eine Minute nach, dann trank er sich mit einem weiteren Schluck Bier Mut an und sagte: »Ich habe sie angezündet.«

Jetzt fuhren Jamie und Ian kerzengerade auf. Ich konnte sehen, wie Jamie seine Meinung darüber revidierte, ob es angebracht war, Menschen ohne Augenbrauen zu verprügeln, doch er beherrschte sich mit sichtlicher Anstrengung und sagte schlicht: »Warum?«

Der Junge trank einen weiteren Schluck Bier, hustete und trank erneut, während er sich anscheinend zurechtlegte, was er sagen sollte.

»Nun«, begann er unsicher, »da war dieser Mann«, und verstummte abrupt.

»Dieser Mann«, hakte Jamie geduldig nach, als sein Neffe plötzliche Taubstummheit demonstrierte. »Was für ein Mann?«

Der Junge hielt sein Glas mit beiden Händen fest und zog ein zutiefst unglückliches Gesicht.

»Antworte deinem Onkel, Holzkopf«, sagte Ian scharf. »Sonst lege ich dich auf der Stelle über das Knie und gerbe dir das Fell.«

Mit einer Mischung aus ähnlichen Drohungen und zähen Fragen gelang es den beiden Männern, dem Jungen eine mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte zu entlocken.

Ian war heute Morgen in einem Wirtshaus in Kerse gewesen. Dort hätte er Wally treffen sollen, der dort mit den Brandywagen vorbeikommen wollte, um die minderwertigen Fässer aufzuladen, die sie für das Ablenkungsmanöver benutzen wollten.