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»Was zum Teufel willst du damit sagen, du Jungspund?«, brüllte er. Er bewegte sich drohend auf seinen Sohn zu, der unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und sich plötzlich hinsetzte, weil seine Waden mit dem Sofa zusammentrafen.

»Sie«, sagte er, vor Verblüffung plötzlich einsilbig. Er zeigte auf mich, um zu verdeutlichen, was er meinte. »Sie! Du betrügst meine Mama mit dieser dreckigen Hure, das ist es, was ich meine!«

Ian verpasste seinem Sohn eine Ohrfeige, die ihn rückwärts auf das Sofa schleuderte.

»Du Riesentrottel!«, sagte er entgeistert. »So sprichst du nicht von deiner Tante Claire, ganz zu schweigen von mir oder deiner Mama!«

»Tante?« Ian gaffte mich aus den Kissen an und hatte dabei solche Ähnlichkeit mit einem Küken, das um Futter bettelt, dass ich unwillkürlich loslachte.

»Du bist heute Morgen verschwunden, ehe ich mich vorstellen konnte«, sagte ich.

»Aber du bist doch tot«, sagte er verständnislos.

»Noch nicht«, versicherte ich ihm. »Es sei denn, ich habe mir eine Lungenentzündung geholt, weil ich hier in einem feuchten Kleid sitze.«

Seine Augen waren vollkommen rund geworden, so ungläubig starrte er mich an. Jetzt stahl sich ein flüchtiger, erregter Glanz in seinen Blick.

»Ein paar von den alten Frauen in Lallybroch sagen, du warst eine weise Frau – eine Weiße Dame oder vielleicht sogar eine Fee. Als Onkel Jamie ohne dich aus Culloden zurückgekommen ist, haben sie gesagt, du bist vielleicht zu deinem Feenvolk zurückgekehrt. Ist das wahr? Lebst du in einem Hügel?«

Ich wechselte einen Blick mit Jamie, der die Augen himmelwärts verdrehte.

»Nein«, sagte ich. »Ich … äh, ich …«

»Sie ist von Culloden nach Frankreich geflohen«, meldete sich Ian plötzlich mit großer Entschlossenheit zu Wort. »Sie hat gedacht, dein Onkel Jamie wäre in der Schlacht umgekommen, also ist sie zu ihrer Familie nach Frankreich gegangen. Sie hatte zu Prinz Tearlachs engerem Freundeskreis gehört, deshalb konnte sie nach dem Krieg nicht nach Schottland zurückkehren, ohne sich in große Gefahr zu begeben. Aber dann hat sie von deinem Onkel gehört, und sobald sie wusste, dass ihr Mann doch nicht tot war, hat sie sofort ein Schiff bestiegen und ist zu ihm gekommen.«

Der Mund des Jungen stand ein wenig offen. Der meine ebenfalls.

»Äh, ja«, sagte ich und schloss ihn wieder. »Genauso ist es gewesen.«

Der Junge richtete seine großen, glänzenden Augen von mir auf seinen Onkel.

»Du bist also zu ihm zurückgekehrt«, sagte er glücklich. »Gott, das ist so romantisch.«

Die Anspannung des Augenblicks war verflogen. Ian zögerte, doch sein Blick wurde sanft, und er richtete ihn erst auf Jamie, dann auf mich.

»Aye«, sagte er und lächelte widerstrebend. »Aye, da hast du wohl recht.«

»Eigentlich dachte ich, es würde noch gute zwei oder drei Jahre dauern, ehe ich das hier tun muss«, stellte Jamie fest, während er seinem Neffen mit kundiger Hand den Kopf hielt und sich dieser krampfhaft in den Spucknapf übergab, den ich in der Hand hatte.

»Aye, er ist immer schon frühreif gewesen«, antwortete Ian resigniert. »Hat laufen gelernt, ehe er stehen konnte, und ist dann ständig ins Feuer gepurzelt oder in den Waschkessel oder den Schweine- oder Kuhstall.« Er tätschelte seinem Sohn den schmalen, krampfenden Rücken. »So ist’s gut, Junge, lass es raus.«

Ein wenig noch, dann deponierten wir den Jungen als verwelktes Häufchen auf dem Sofa, wo er sich unter den geeinten tadelnden Blicken von Onkel und Vater von den Nachwirkungen des Rauchs, des Gefühlsaufruhrs und der Biermassen erholen sollte.

»Wo bleibt nur dieser verdammte Tee, den ich bestellt habe?« Jamie griff ungeduldig nach der Glocke, aber ich hielt ihn auf. Der Haushalt des Bordells litt offenbar nach wie vor unter den Aufregungen des Morgens.

»Spar dir die Mühe«, sagte ich. »Ich gehe nach unten und hole ihn.« Ich hob den Spucknapf auf und trug ihn auf Armeslänge vor mir her durch die Tür, während ich Ian in gemessenem Ton hinter mir sagen hörte: »Hör mir zu, Dummkopf …«

Ich fand problemlos in die Küche und besorgte die nötigen Zutaten. Ich hoffte, dass Jamie und Ian dem Jungen eine kurze Atempause gönnen würden; nicht nur um seinetwillen, sondern auch, damit mir nichts von seiner Geschichte entging.

Irgendetwas war mir eindeutig entgangen; als ich in den kleinen Salon zurückkehrte, hing die nervöse Anspannung wie eine Wolke darin, und der Junge hob den Kopf und wandte ihn dann hastig ab, um meinem Blick auszuweichen. Jamie war zwar wie immer die Unbeirrbarkeit in Person, doch auch Ian senior sah kaum weniger errötet und beklommen aus als sein Sohn. Er hastete auf mich zu, um mir das Tablett abzunehmen, und bedankte sich murmelnd, sah mir jedoch nicht in die Augen.

Ich richtete den Blick mit hochgezogener Augenbraue auf Jamie, der mich schwach anlächelte und mit den Schultern zuckte. Ich zuckte ebenfalls mit den Schultern und hob eins der Schüsselchen von dem Tablett.

»Brot und Milch«, sagte ich und reichte es dem Jungen, der auf der Stelle glücklicher wirkte.

»Heißer Tee«, sagte ich und überreichte die Kanne an seinen Vater.

»Whisky«, sagte ich und reichte Jamie die Flasche, »und kalter Tee für die Brandwunden.« Ich hob den Deckel von der letzten Schüssel, in der einige Servietten in kaltem Tee einweichten.

»Kalter Tee?« Jamie zog die roten Augenbrauen hoch. »Hatte die Köchin denn keine Butter?«

»Man reibt keine Butter auf Verbrennungen«, sagte ich zu ihm. »Aloe- oder Spitzwegerichsaft, aber das hatte die Köchin nicht. Kalter Tee war das Beste, was auf die Schnelle zu haben war.«.

Ich wickelte dem Jungen Umschläge um die von Brandblasen übersäten Hände und betupfte ihm das scharlachrote Gesicht sanft mit den in Tee getränkten Servietten, während Jamie und Ian Tee und Whisky einschenkten. Daraufhin nahmen wir alle einigermaßen gestärkt Platz, um den Rest der Geschichte zu hören.

»Nun«, begann der Junge, »ich bin eine Weile durch die Stadt gelaufen und habe versucht, mir zu überlegen, was ich am besten tun soll. Irgendwann ist mein Kopf wieder etwas klarer geworden, und ich dachte, wenn der Mann, dem ich folge, die High Street hinunter von Wirtshaus zu Wirtshaus geht, könnte ich ihn ja vielleicht finden, wenn ich zum anderen Ende gehe und das Gleiche die Straße hinauf tue.«

»Das war ein kluger Gedanke«, sagte Jamie, und Ian nickte beifällig, während sein Stirnrunzeln ein wenig nachließ. »Hast du ihn gefunden?«

Der Junge nickte und schlürfte einen Schluck Milch. »Ja, das habe ich.«

Er war die Royal Mile fast bis zum Palast von Holyrood hinuntergerannt und hatte sich dann sorgfältig wieder auf den Weg bergauf gemacht. Dabei hatte er in jedem Wirtshaus angehalten, um sich nach dem einäugigen Mann mit dem Zopf zu erkundigen. Bis zum Canongate hatte er kein Wort über den Gegenstand seiner Suche gehört, und ihm kamen schon Zweifel an seiner Idee, als er den Mann plötzlich persönlich im Schankraum der Braustube von Holyrood sitzen gesehen hatte.

Anscheinend war er dort, um sich zu erholen, nicht, um Informationen einzuholen, denn jetzt saß der Seemann ganz entspannt da und trank ein Bier. Ian hatte sich hinter einem Fass auf dem Hof versteckt und dort gewartet, bis sich der Mann schließlich erhob, seine Rechnung bezahlte und sich in aller Ruhe ins Freie begab.

»Das war das letzte Wirtshaus, in das er gegangen ist«, berichtete der Junge und wischte sich einen verirrten Milchtropfen vom Kinn. »Er ist geradewegs zur Carfax Close gegangen und zur Druckerei.«

Jamie murmelte etwas auf Gälisch. »Ach ja? Und dann?«

»Nun, natürlich hat er die Druckerei geschlossen vorgefunden. Als er gesehen hat, dass die Tür abgeschlossen war, hat er sorgfältig an den Fenstern hinaufgesehen, als ob er darüber nachdächte einzubrechen. Aber dann habe ich gesehen, wie er sich umgeschaut und das Kommen und Gehen bemerkt hat – um diese Tageszeit hatte das Schokoladenhaus viele Gäste. Also ist er einen Moment auf der Eingangstreppe stehen geblieben und hat überlegt, und dann ist er zurück Richtung Royal Mile gegangen – ich musste mich in die Schneiderei an der Ecke ducken, um nicht gesehen zu werden.«