Выбрать главу

»Dann komm jetzt«, sagte er. »Ich habe ein Zimmer bei Halliday’s.«

Die knochigen Finger des Jungen legten sich fester um die meinen. Seine Halsmuskeln bewegten sich, doch er machte keine Anstalten, vom Sofa aufzustehen.

»Nein, Pa«, sagte er. Seine Stimme bebte, und er blinzelte krampfhaft, um nicht zu weinen. »Ich gehe nicht mit dir.«

Ians Gesicht wurde leichenblass, und er hatte dunkelrote Flecken auf den kantigen Wangen, als hätte ihn jemand rechts und links geohrfeigt.

»Ach nein?«, sagte er.

Der Junge nickte und schluckte. »Ich gehe morgen früh mit dir, Pa; ich gehe mit dir nach Hause. Aber jetzt nicht.«

Ian sah seinen Sohn lange wortlos an. Dann sackten seine Schultern zusammen, und jede Anspannung wich aus seinem Körper.

»Ich verstehe«, sagte er leise. »Nun denn. Ja.«

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und ging. Er schloss die Tür sehr vorsichtig hinter sich. Ich konnte das beschwerliche Poltern seines Holzbeins auf jeder einzelnen Stufe hören, als er die Treppe hinunterging. Unten erklang leises Schlurfen, dann Brunos Lebewohl und das Geräusch der Eingangstür, die sich schloss. Und dann war das Zimmer still bis auf das Zischen des Feuers hinter mir.

Die Schulter des Jungen bebte unter meiner Hand, und er hielt sich krampfhafter denn je an meinen Fingern fest, während er lautlos weinte.

Jamie kam langsam herbei und setzte sich neben ihn. Seine Miene war hilflos und bekümmert.

»Ian, ach, Junge«, sagte er. »Himmel, Junge, das hättest du nicht tun sollen.«

»Ich musste es tun.« Ian schnappte plötzlich schniefend nach Luft, und ich begriff, dass er den Atem angehalten hatte. Er wandte seinem Onkel das angesengte Gesicht zu, die wunden Züge qualvoll verzerrt.

»Ich wollte Pa nicht weh tun«, sagte er. »Bestimmt nicht.«

Jamie tätschelte ihm zerstreut das Knie. »Ich weiß, Junge«, sagte er. »Aber so etwas zu ihm zu sagen …«

»Er durfte es aber nicht hören, und ich muss es dir erzählen, Onkel Jamie!«

Jamie blickte auf, plötzlich alarmiert über den Ton seines Neffen.

»Erzählen? Was denn?«

»Der Mann. Der Mann mit dem Pferdeschwanz.«

»Was ist mit ihm?«

»Ich glaube, ich habe ihn umgebracht«, flüsterte der Junge.

Verblüfft richtete Jamie den Blick auf mich, dann wieder auf Ian.

»Wie denn?«

»Nun … ich habe ein bisschen gelogen«, begann Ian mit zitternder Stimme. Immer noch stiegen ihm Tränen in die Augen, doch er wischte sie ab. »Als ich in die Druckerei kam – ich hatte ja den Schlüssel, den du mir gegeben hast –, war der Mann schon dort.«

Der Seemann hatte im Hinterzimmer der Druckerei gestanden, wo die Stapel mit den frisch gedruckten Bestellungen aufbewahrt wurden, dazu die Druckerschwärze, das Löschpapier, das zum Reinigen der Presse diente, und die kleine Esse, in der abgenutzte Bleilettern eingeschmolzen und neu gegossen wurden.

»Er nahm sich gerade einige Pamphlete von dem Stapel und steckte sie in seine Jacke«, sagte Ian und schluckte. »Als ich ihn gesehen habe, habe ich ihn angeschrien, er soll sie zurücklegen, und er ist zu mir herumgefahren und hatte eine Pistole in der Hand.«

Die Pistole hatte einen Schuss abgegeben und Ian zu Tode erschreckt, aber die Kugel war ins Leere gegangen. Der Seemann war unverzagt auf den Jungen losgegangen und hatte die Pistole erhoben, um sie stattdessen als Knüppel zu benutzen.

»Ich hatte keine Zeit wegzurennen oder zu überlegen«, sagte er. Inzwischen hatte er meine Hand losgelassen, und verschränkte die Finger auf seinem Knie. »Ich habe nach dem erstbesten Gegenstand gegriffen und damit nach ihm geworfen.«

Dieser Gegenstand war die kupferne Bleikelle gewesen, die dazu diente, das flüssige Blei aus dem Schmelztiegel in die Gussformen zu schütten. Die Esse war noch warm gewesen, und der Schmelztiegel enthielt zwar nur noch eine kleine Bleipfütze, doch die kochend heißen Bleitropfen aus der Kelle waren dem Seemann ins Gesicht geflogen.

»Gott, wie er geschrien hat!« Ein kräftiger Schauder durchlief Ians schlanke Gestalt, und ich umrundete das Sofa, um mich neben ihn zu setzen und ihn an beiden Händen zu nehmen.

Der Seemann war rückwärts gewankt, hatte sich ins Gesicht gefasst und die kleine Esse umgestürzt, so dass sich die glühenden Kohlen überall verstreuten.

»So ist der Brand entstanden«, sagte der Junge. »Ich habe versucht, ihn auszuschlagen, aber dann hat das frische Papier Feuer gefangen, und ganz plötzlich hat es Wusch! gemacht, und es war, als stünde das ganze Zimmer in Flammen.«

»Die Druckerschwärze vermutlich«, sagte Jamie wie zu sich selbst. »Das Pulver ist in Alkohol gelöst.«

Die umstürzenden Stapel aus brennendem Papier waren zwischen Ian und die Hintertür gefallen, eine Flammenwand, die schwarzen Rauch spuckte und über ihm zusammenzustürzen drohte. Der Seemann, der nichts mehr sah und kreischte wie am Spieß, hatte auf allen vieren zwischen dem Jungen und dem rettenden Vorderzimmer der Druckerei gekauert.

»Ich – ich habe es nicht über mich gebracht, ihn anzufassen und aus dem Weg zu schieben«, sagte er und erschauerte erneut.

Er hatte völlig den Kopf verloren und war stattdessen die Treppe hinaufgerannt, hatte dort aber in der Falle gesessen, weil die Flammen, die durch das Hinterzimmer rasten und wie durch einen Schornstein die Treppe hinaufgezogen wurden, das obere Zimmer rapide mit blendendem Qualm füllten.

»Hast du denn nicht daran gedacht, über die Klapptür auf das Dach zu klettern?«, fragte Jamie.

Ian schüttelte betreten den Kopf. »Ich wusste gar nicht, dass sie da ist.«

»Warum war sie denn da?«, fragte ich neugierig.

Jamie lächelte mich flüchtig an. »Für den Notfall. Nur ein dummer Fuchs hat keinen zweiten Ausgang aus seinem Schlupfloch. Obwohl ich sagen muss, dass ein Brand nicht das war, was ich im Hinterkopf hatte, als ich sie habe einbauen lassen.« Er schüttelte den Kopf, um wieder zur Sache zu kommen.

»Aber du meinst, der Mann ist den Flammen nicht entkommen?«, fragte er.

»Ich wüsste nicht, wie das möglich sein sollte«, antwortete Ian und fing wieder an zu schniefen. »Und wenn er tot ist, habe ich ihn umgebracht. Ich konnte Pa doch nicht sagen, dass ich ein M-Mör-Mör–« Jetzt weinte er wieder, zu heftig, um das Wort herauszubringen.

»Du bist kein Mörder, Ian«, sagte Jamie mit fester Stimme. Er klopfte seinem Neffen auf die bebende Schulter. »Hör auf, es ist gut – du hast nichts Falsches getan, Junge. Wirklich nicht, hörst du?«

Der Junge schluckte und nickte, konnte aber nicht aufhören zu weinen oder zu zittern. Schließlich legte ich die Arme um ihn, drehte ihn zu mir hin und zog seinen Kopf auf meine Schulter. Ich tätschelte ihm den Rücken und beruhigte ihn mit kleinen Lauten wie ein Kind.

Er fühlte sich sehr seltsam in meinen Armen an; fast so groß wie ein erwachsener Mann, doch mit feinen, leichten Knochen und so wenig Muskeln daran, dass es war, als hielte ich ein Skelett. Er redete an meiner Brust vor sich hin, doch seine Stimme war so von seinen Gefühlen zerrissen und durch den Stoff erstickt, dass es schwierig war, die Worte auszumachen.

»… Todsünde …«, schien er zu sagen, »… zur Hölle verdammt … konnte Pa nicht sagen … Angst … kann nie wieder nach Hause …«

Jamie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch ich zuckte nur hilflos mit den Schultern und strich das dichte, buschige Haar am Hinterkopf des Jungen glatt. Schließlich beugte sich Jamie vor, nahm ihn entschlossen bei den Schultern und setzte ihn aufrecht hin.

»Schau, Ian«, sagte er. »Nein, schau – sieh mich an!«

Mit äußerster Anstrengung richtete der Junge seinen vornübergesunkenen Hals auf und richtete die tränennassen, rotgeränderten Augen auf das Gesicht seines Onkels.

»Also.« Jamie ergriff die Hände seines Neffen und drückte sie sacht. »Erstens – es ist keine Sünde, jemanden umzubringen, der versucht, dich umzubringen. Die Kirche erlaubt das Töten, wenn es sein muss, um sich selbst, seine Familie oder sein Land zu verteidigen. Du hast also keine Todsünde begangen, und du bist auch nicht verdammt.«