Ich wusste zwar nicht, ob ich gerade den Durchschnitt hob, aber mein Biss verfehlte seine Wirkung nicht. Der Angreifer schlug ebenso heftig wie vergeblich mit dem Kopf, um mich von seinem Finger abzuschütteln.
Sein Griff an meinem Arm hatte sich im Lauf des Handgemenges gelöst, und er war gezwungen, mich auf den Boden zu stellen. Sobald meine Füße die Erde wieder berührten, ließ ich seine Hand fahren, fuhr herum und trat ihn mit dem Knie in die Eier, so fest ich es trotz meiner Röcke konnte.
Männer in die Hoden zu treten, ist eine drastisch überschätzte Methode der Selbstverteidigung. Das heißt, es funktioniert – und zwar spektakulär gut –, aber es ist schwieriger in die Tat umzusetzen, als man vielleicht denkt, vor allem, wenn man schwere Röcke trägt. Männer achten extrem gut auf diese speziellen Körperteile und sind vor Angriffen sehr auf der Hut.
In diesem Fall jedoch war mein Gegner unachtsam; er stand breitbeinig da, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und ich traf genau. Er stieß ein grauenvolles Keuchen aus wie ein erstickendes Kaninchen und krümmte sich auf der Straße zusammen.
»Bist du das, Sassenach?« Die Worte kamen zu meiner Linken aus der Dunkelheit gezischt. Ich fuhr zusammen wie eine aufgeschreckte Gazelle und schrie unwillkürlich auf.
Zum zweiten Mal innerhalb ebenso vieler Minuten legte sich eine Hand über meinen Mund.
»In Gottes Namen, Sassenach!«, murmelte Jamie in mein Ohr. »Ich bin es.«
Ich biss ihn nicht, obwohl die Versuchung groß war.
»Ich weiß«, zischte ich, als er mich losließ. »Aber wer ist denn der andere, der mich gepackt hat?«
»Fergus vermutlich.« Die formlose dunkle Gestalt trat ein Stück beiseite und schien eine andere Gestalt anzustoßen, die auf der Straße lag und leise stöhnte. »Bist du das, Fergus?«, flüsterte er. Nachdem er eine Art ersticktes Geräusch zur Antwort bekommen hatte, bückte er sich und zog die zweite Gestalt zum Stehen hoch.
»Seid leise!«, drängte ich sie zu flüstern. »Wir haben Steuereintreiber direkt vor uns!«
»Ist das so?«, sagte Jamie in normalem Ton. »Sie interessieren sich aber nicht sehr für den Lärm, den wir machen, oder?«
Er hielt inne, als wartete er auf eine Antwort, doch es war nichts zu hören außer dem leisen Jammern des Windes in den Erlen. Er legte mir eine Hand auf den Arm und rief in die Nacht hinaus.
»MacLeod! Reaburn!«
»Aye, Roy«, sagte eine etwas gereizte Stimme im Gebüsch. »Wir sind hier. Innes auch und … Meldrum, oder?«
»Aye, ich bin’s.«
Unter leisem Gemurmel kamen noch mehr Gestalten aus den Büschen und zwischen den Bäumen hervorgeschlurft.
»… vier, fünf, sechs«, zählte Jamie. »Wo sind Hays und die Gordons?«
»Ich habe gesehen, wie Hays ins Wasser gegangen ist«, antwortete eine der Gestalten. »Ist vermutlich um die Landzunge geschwommen. Die Gordons und Kennedy wahrscheinlich auch. Ich habe nichts gehört, was so klang, als hätte man sie erwischt.«
»Gut«, sagte Jamie. »Also, Sassenach. Was erzählst du da über Steuereintreiber?«
Da Oakie und sein Begleiter weiter ausblieben, kam ich mir allmählich sehr töricht vor, doch ich berichtete, was Ian und ich gehört hatten.
»Aye?« Jamie klang interessiert. »Kannst du schon stehen, Fergus? Ja? Guter Junge. Nun denn, vielleicht sollten wir uns umschauen. Meldrum, hast du einen Feuerstein dabei?«
Ein paar Minuten später hatte er eine kleine Fackel in der Hand, die gegen das Verlöschen ankämpfte, und schritt die Straße entlang um die Kurve. Die Schmuggler und ich warteten in angespanntem Schweigen, bereit, entweder davonzulaufen oder ihm zu Hilfe zu eilen, doch es war nichts zu hören, was nach einem Hinterhalt klang. Nach einer scheinbaren Ewigkeit drang Jamies Stimme über die Straße zu uns zurück.
»Ihr könnt kommen«, sagte er, und sein Ton war ruhig und gefasst.
Er stand mitten auf der Straße neben einer großen Erle. Der Fackelschein fiel in einem flackernden Kreis rings um ihn auf den Boden, und im ersten Moment sah ich nichts außer Jamie. Dann keuchte mein Nebenmann auf, und ein anderer stieß einen erstickten Laut des Grauens aus.
Ein zweites Gesicht erschien in der schwachen Beleuchtung. Es hing direkt hinter Jamies linker Schulter in der Luft. Ein grauenvoll verzerrtes Gesicht, schwarz im Fackelschein, der allen Dingen die Farbe raubte, mit vorquellenden Augen und hängender Zunge. Das Haar, hell wie trockenes Stroh, hob sich im Wind. Wieder spürte ich einen Schrei in meiner Kehle aufsteigen und unterdrückte ihn krampfhaft.
»Du hattest recht, Sassenach«, sagte Jamie. »Es war ein Steuereintreiber in der Nähe.« Er warf etwas zu Boden, wo es mit einem leisen Plop! landete. »Ein Einsatzbefehl«, sagte er und wies kopfnickend auf den Gegenstand. »Sein Name war Thomas Oakie. Kennt ihn jemand von euch?«
»Nicht so, wie er jetzt aussieht«, murmelte eine Stimme hinter mir. »Himmel, seine eigene Mutter würde ihn nicht erkennen!« Allgemeines verneinendes Gemurmel, und die Männer traten nervös auf der Stelle. Ich war eindeutig nicht die Einzige, die es nicht erwarten konnte, von hier fortzukommen.
»Also schön.« Jamie verhinderte den Rückzug mit einem Ruck seines Kopfes. »Die Fracht ist verloren, also gibt es auch keinen Anteil, aye? Braucht jemand dringend Geld?« Er griff nach seiner Tasche. »Ich kann euch so viel geben, dass es eine Weile zum Leben reicht – denn ich bezweifle, dass wir in naher Zukunft hier an der Küste arbeiten können.«
Ein oder zwei der Männer traten widerstrebend so dicht an den Baum mit dem Gehängten heran, dass sie ihr Geld in Empfang nehmen konnten, doch der Rest der Schmuggler verschwand lautlos in der Nacht. Innerhalb weniger Minuten waren nur noch Fergus – immer noch weiß, doch er hielt sich aus eigener Kraft auf den Beinen –, Jamie und ich übrig.
»Jesu!«, flüsterte Fergus, als er zu dem Gehängten aufblickte. »Wer kann das gewesen sein?«
»Ich – zumindest wird man das vermutlich erzählen, aye?« Jamie hob den Kopf, und der flackernde Schein der Fackel gab seine finstere Miene preis. »Lasst uns nicht länger hierbleiben, ja?«
»Was ist mit Ian?«, sagte ich, denn plötzlich fiel mir der Junge wieder ein. »Er ist zum Kloster gelaufen, um euch zu warnen!«
»Was?« Jamies Stimme wurde scharf. »Ich bin aus dieser Richtung gekommen und bin ihm nicht begegnet. Wohin ist er denn gegangen, Sassenach?«
»Dort entlang«, sagte ich mit ausgestrecktem Finger.
Fergus stieß ein leises Geräusch aus, das wie Gelächter klang.
»Das Kloster liegt in der anderen Richtung«, sagte Jamie belustigt. »Dann kommt, wir finden ihn schon, wenn er seinen Fehler begreift.«
»Halt«, sagte Fergus und erhob die Hand. Es raschelte vorsichtig im Gebüsch, dann sagte Ians Stimme, »Onkel Jamie?«
»Aye, Ian«, sagte sein Onkel trocken. »Ich bin es.«
Der Junge kam aus dem Gebüsch hervor. Er hatte Blätter im Haar, und seine Augen waren groß vor Aufregung.
»Ich habe das Licht gesehen und dachte, ich muss zurückkommen und nach Tante Claire sehen«, erklärte er. »Onkel Jamie, du darfst hier nicht mit einer Fackel herumstehen – es sind Steuereintreiber in der Nähe!«
Jamie legte seinem Neffen den Arm um die Schultern und drehte ihn um, ehe er sehen konnte, was an der Erle hing.
»Mach dir keine Gedanken, Ian«, sagte er gleichmütig. »Sie sind fort.«
Er schwenkte die Fackel durch das nasse Unterholz, und sie erlosch mit einem Zischen.
»Gehen wir«, kam seine Stimme ruhig aus der Dunkelheit. »Mr. Willoughby wartet ein Stück weiter mit den Pferden; im Morgengrauen sind wir in den Highlands.«
Siebter Teil
Wieder daheim