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Kapitel 32

Die Rückkehr des verlorenen Sohns

Der Ritt von Arbroath nach Lallybroch dauerte vier Tage, und auf dem Großteil der Strecke unterhielten wir uns kaum. Ian und Jamie waren mit ihren Gedanken anderswo, vermutlich aus unterschiedlichen Gründen. Ich war mit meinen Fragen beschäftigt, sowohl, was die unmittelbare Vergangenheit betraf als auch die nahe Zukunft.

Ian musste Jamies Schwester Jenny von mir erzählt haben. Wie würde sie mein Wiederauftauchen aufnehmen?

Wenn ich in meinem Leben je so etwas wie eine Schwester gehabt hatte, war es Jenny Murray gewesen – auf jeden Fall meine engste Freundin. Aufgrund der Umstände waren die meisten engen Freunde, die ich in den letzten fünfzehn Jahren gehabt hatte, Männer gewesen; es gab keine Ärztinnen außer mir, und die Kluft zwischen Pflegepersonal und Medizinern verhinderte mehr als oberflächliche Bekanntschaften mit anderen Frauen, die im Krankenhaus arbeiteten. Was die Frauen in Franks Bekanntenkreis betraf, die Sekretärinnen und Professorengattinnen …

Schwerer als all das wog jedoch das Wissen, dass Jenny wohl der Mensch war, der Jamie Fraser genauso sehr liebte wie ich – wenn nicht sogar mehr. Ich freute mich auf das Wiedersehen mit Jenny, musste mich aber immer wieder fragen, wie sie wohl die Geschichte von meiner angeblichen Flucht nach Frankreich aufnehmen würde – und das, was ihr nur so erscheinen konnte, als hätte ich ihren Bruder im Stich gelassen.

Die Pferde mussten einander einzeln über den schmalen Pfad folgen. Mein Brauner wurde bereitwillig langsamer, als Jamies Fuchs anhielt und sich dann auf sein Drängen hin seitwärts auf eine Lichtung wandte, die halb hinter tiefhängenden Erlenzweigen verborgen lag.

Am Rand der Lichtung erhob sich eine Klippe, deren Risse und Vorsprünge so mit Moos und Flechten überwuchert waren, dass sie wie das Gesicht eines alten Mannes aussah, mit einem Bart bepelzt und mit Warzen gefleckt. Ian ließ sich mit einem erleichterten Seufzer von seinem Pony gleiten; wir saßen seit Anbruch des Tages im Sattel.

»Uff!«, sagte er und rieb sich ungeniert den Hintern. »Hier ist alles völlig taub.«

»Bei mir auch«, sagte ich und folgte seinem Beispiel. »Obwohl es vermutlich besser ist, als sich wund zu reiten.« Da wir es nicht gewohnt waren, längere Strecken zu reiten, hatten sowohl Ian als auch ich während der ersten beiden Tage unseres Weges sehr gelitten; ich war am ersten Abend sogar zu steif gewesen, um aus eigener Kraft abzusteigen, und musste von Jamie – sehr zu seiner Belustigung – schmählich aus dem Sattel gehoben und in das Wirtshaus getragen werden.

»Wie macht Onkel Jamie das nur?«, fragte mich Ian. »Er muss einen Hintern aus Leder haben.«

»Davon sieht man aber nichts«, erwiderte ich zerstreut. »Aber wo ist er hin?« Der Fuchs graste unter einer Eiche am Rand der Lichtung, doch von Jamie selbst war nichts zu sehen.

Ian und ich sahen einander verständnislos an; ich zuckte mit den Schultern und ging zu einem Felsvorsprung hinüber, über den ein kleines Rinnsal lief. Ich hielt die hohlen Hände darunter und trank, dankbar für das kalte Nass, das mir durch die Kehle rann, auch wenn mir die Herbstluft die Wangen rötete und meine Nase taub geworden war.

Dieses kleine Tal mit der Lichtung, das von der Straße aus nicht zu sehen war, war typisch für die Landschaft der Highlands, dachte ich. Trügerisch kahl und streng, waren die Felsen und Moore doch voller Geheimnisse. Wenn man sich nicht genau auskannte, konnte man dicht an einem Hirsch, einem Moorhuhn oder einem versteckten Menschen vorübergehen, ohne es zu merken. Kein Wunder, dass so vielen, die nach der Schlacht von Culloden in die Heide geflüchtet waren, die Flucht gelungen war, weil ihre Kenntnis solcher Verstecke sie vor den blinden Augen und ungeschickten Füßen der englischen Verfolger verborgen hatte.

Als mein Durst gestillt war, wandte ich mich von dem Felsen ab und wäre fast mit Jamie zusammengeprallt, der wie von Zauberhand aufgetaucht war und sich die Zunderschachtel wieder in die Rocktasche steckte. Schwacher Rauchgeruch haftete an seinem Rock. Er ließ ein verbranntes Stöckchen ins Gras fallen und zermalmte es mit dem Fuß zu Staub.

»Wo kommst du denn her?«, sagte ich und blinzelte die plötzliche Erscheinung an. »Und wo bist du gewesen?«

»Dort drüben ist eine kleine Höhle«, erklärte er und wies mit dem Daumen hinter sich. »Ich wollte nur nachsehen, ob jemand dort gewesen ist.«

»Und?« Bei genauerem Hinsehen erkannte ich die Felsenkante, hinter der der Eingang der Höhle verborgen war. Sie war nicht von den anderen tiefen Spalten zu unterscheiden, die den Fels durchzogen, und fiel daher nicht ins Auge, es sei denn, man suchte gezielt danach.

»Aye«, sagte er. Seine Stirn war leicht gerunzelt, nicht vor Sorge, sondern so, als dächte er über etwas nach. »Dort ist Holzkohle mit dem Boden vermischt; jemand hat Feuer gemacht.«

»Was glaubst du, wer es war?«, fragte ich. Ich steckte den Kopf um die Kante, sah aber nichts außer einem schmalen schwarzen Schacht, ein enger Riss in der Bergflanke, der alles andere als einladend aussah.

Ich fragte mich, ob wohl jemand, mit dem er als Schmuggler zu tun hatte, die Verbindung von der Küste nach Lallybroch hergestellt haben konnte? Sorgte er sich um mögliche Verfolger oder einen Hinterhalt? Ich blickte mich unwillkürlich um, sah aber nichts außer den Erlen, deren trockenes Laub im Herbstwind raschelte.

»Ich weiß es nicht«, sagte er geistesabwesend. »Ein Jäger vielleicht; es liegen auch Knochen eines Moorhuhns herum.«

Jamie schien sich von der möglichen Identität des Unbekannten nicht beunruhigen zu lassen, und ich entspannte mich und ließ mich erneut von dem Gefühl der Sicherheit einhüllen, das mir die Highlands gaben. Edinburgh und die Schmugglerbucht schienen weit fort zu sein.

Fasziniert von der Entdeckung der unsichtbaren Höhle, war Ian in der Spalte verschwunden. Jetzt tauchte er wieder auf und wischte sich die Spinnweben aus den Haaren.

»Ist das hier so etwas wie Clunys Höhle?«, fragte er mit leuchtenden Augen.

»Nicht so groß, Ian«, antwortete Jamie mit einem Lächeln. »Der arme Cluny würde hier kaum durch den Eingang passen; er war ein kräftiger Kerl mit fast doppelt so viel Bauchumfang wie ich.« Er fasste sich reumütig an die Brust, wo sich ein Knopf gelockert hatte, als er sich durch den schmalen Eingang zwängte.

»Was ist denn Clunys Höhle?«, fragte ich, während ich meine Hände von den letzten Eiswassertropfen befreite und sie mir in die Achselhöhlen schob, um sie wieder aufzutauen.

»Oh – Cluny MacPherson«, erwiderte Jamie. Er senkte den Kopf und bespritzte sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Dann hob er den Kopf wieder, blinzelte sich die glitzernden Tropfen von den Wimpern und lächelte mich an. »Ein findiger Kopf, der gute Cluny. Die Engländer haben sein Haus niedergebrannt und das Fundament geschleift, aber Cluny selbst ist entkommen. Er hat sich in einer Höhle in der Nähe eingerichtet und den Eingang mit einem Weidengeflecht verschlossen, dessen Lücken mit Lehm gefüllt waren. Die Leute haben gesagt, man hätte einen Meter danebenstehen können und hätte nie geahnt, dass die Höhle dort war, wenn man nicht den Rauch von Clunys Pfeife gerochen hätte.«

»Prinz Charles hat auch eine Weile dort zugebracht, als die Engländer Jagd auf ihn gemacht haben«, berichtete mir Ian. »Cluny hat ihn tagelang versteckt gehalten. Die englischen Mistkerle haben überall gesucht, aber sie haben Seine Hoheit nie gefunden – und Cluny genauso wenig!«, schloss er mit beträchtlicher Genugtuung.

»Komm her und wasch dich, Ian«, sagte Jamie mit einem Hauch von Schärfe, der Ian blinzeln ließ. »Du kannst doch nicht schmutzig vor deine Eltern treten.«

Ian seufzte, beugte aber gehorsam den Kopf über das Rinnsal und wusch sich prustend und keuchend das Gesicht, das zwar eigentlich nicht schmutzig war, aber unleugbar ein paar kleine Reisespuren trug.

Ich wandte mich Jamie zu, der danebenstand und die Katzenwäsche seines Neffen geistesabwesend beobachtete. Blickte er voraus, fragte ich mich, auf das Zusammentreffen in Lallybroch, das peinlich zu werden versprach, oder zurück nach Edinburgh auf die schwelenden Überreste seiner Druckerei und den Toten im Keller des Bordells? Oder noch weiter zurück zu Charles Stuart und den Tagen des Aufstands?