Ian verkniff defensiv das Gesicht. »Ich wollte ihn erst mitnehmen«, sagte er mit einem kleinen Kieksen. »Aber ich dachte, in der Stadt ist es zu gefährlich für ihn.« Er drückte den Hund fester an sich und legte ihm das Kinn zwischen die samtigen Ohren. »Er ist ein bisschen gewachsen, also hat er wohl gut gefressen?«
»Bist du hier, um uns in Empfang zu nehmen, Janet? Das ist lieb von dir«, erklang Jamies Stimme hinter mir, freundlich, aber mit einem zynischen Unterton, der das Mädchen scharf aufblicken und dann erröten ließ.
»Onkel Jamie! Oh, und …« Ihr Blick schwenkte zu mir hinüber, und sie zog den Kopf ein und errötete noch kräftiger.
»Aye, das ist deine Tante Claire«, sagte Jamie und legte mir die Hand fest unter den Ellbogen, während er dem Mädchen zunickte. »Die kleine Janet war noch gar nicht geboren, als du das letzte Mal hier warst, Sassenach. Deine Mutter ist zu Hause, nehme ich an?«, sagte er an Janet gerichtet.
Das Mädchen nickte mit großen Augen, ohne den faszinierten Blick von meinem Gesicht abzuwenden. Ich beugte mich aus dem Sattel und hielt ihr lächelnd die Hand entgegen.
»Es freut mich, dich kennenzulernen«, sagte ich.
Erst starrte sie mich an, dann besann sie sich plötzlich auf ihre Manieren und machte einen Knicks. Sie erhob sich und nahm vorsichtig meine Hand, als hätte sie Angst, sie könnte in der ihren explodieren. Ich drückte zu, und sie schien zumindest etwas beruhigt zu sein, als sie feststellte, dass ich nur aus Fleisch und Blut war.
»Es … freut mich, Ma’am«, murmelte sie.
»Sind Mama und Pa sehr böse, Jen?« Ian stellte ihr sanft das Hündchen vor die Füße und weckte sie so aus ihrer Trance. Sie betrachtete ihren jüngeren Bruder, und die Ungeduld in ihrer Miene mischte sich mit einem Hauch von Mitgefühl.
»Warum sollten sie es auch nicht sein, du Trottel?«, sagte sie. »Mama hat gedacht, du wärst vielleicht im Wald einem wilden Eber begegnet oder von Zigeunern entführt worden. Sie hat kaum geschlafen, bis sie herausgefunden haben, wohin du gegangen warst«, fügte sie hinzu und sah ihren Bruder stirnrunzelnd an.
Ian presste die Lippen fest zusammen und blickte zu Boden, antwortete aber nicht.
Sie kam näher und zupfte missbilligend an den feuchten gelben Blättern, die an seinen Rockärmeln klebten. Sie war zwar hochgewachsen, doch er war noch gute fünfzehn Zentimeter größer, schlaksig und grobknochig gegenüber ihrer adretten Tüchtigkeit, und die Gemeinsamkeit zwischen ihnen beschränkte sich auf ihr dichtes, dunkles Haar und eine flüchtige Ähnlichkeit ihres Mienenspiels.
»Wie du aussiehst, Ian. Hast du in deinen Kleidern geschlafen?«
»Natürlich habe ich das«, sagte er ungeduldig. »Was meinst du denn, dass ich weggelaufen bin und ein Nachthemd mitgenommen habe, das ich jeden Abend im Moor anziehen kann?«
Sie prustete kurz vor Lachen bei dieser Vorstellung, und die Verärgerung in seiner Miene ließ ein wenig nach.
»Dann komm jetzt mit, Dummkopf«, sagte sie und erbarmte sich seiner. »Komm mit mir in die Spülküche, dann bürsten wir deine Kleider ab und kämmen dich, ehe Mama und Pa dich sehen.«
Er funkelte sie an, dann drehte er sich um und blickte mit einer Mischung aus Verwirrung und Verärgerung zu mir auf. »Warum in Gottes Namen«, sagte er so angespannt, dass sich seine Stimme überschlug, »glauben nur alle, dass es helfen wird, wenn ich sauber bin?«
Jamie grinste ihn an. Er stieg ab und klopfte ihm auf die Schulter, von der eine kleine Staubwolke aufstieg.
»Es kann aber auch nicht schaden, Ian. Ab mit euch; es wird vielleicht gut sein, wenn sich deine Eltern nicht mit allzu vielen Dingen auf einmal befassen müssen – und sie werden vor allem deine Tante sehen wollen.«
»Mmpfm.« Mit einem trübsinnigen Nicken der Zustimmung setzte sich Ian widerstrebend zur Rückseite des Hauses in Bewegung, im Schlepptau seiner entschlossenen Schwester.
»Was hast du nur gegessen?«, hörte ich sie sagen, als sie im Gehen zu ihm aufblickte. »Du hast einen großen Fleck rings um deinen Mund.«
»Das ist kein Fleck, das sind Barthaare!«, zischte er aufgebracht und wandte hastig den Kopf, um zu sehen, ob Jamie und ich diesen Wortwechsel gehört hatten. Seine Schwester blieb wie angewurzelt stehen und blinzelte zu ihm auf.
»Barthaare?«, sagte sie laut und ungläubig. »Du?«
»Komm schon!« Er packte sie beim Ellbogen und schob sie durch das Tor zum Gemüsegarten, die Schultern verlegen hochgezogen.
Jamie ließ den Kopf an meinen Oberschenkel sinken und vergrub das Gesicht in meinen Röcken. Für den unbeteiligten Beobachter hätte er damit beschäftigt sein können, die Satteltaschen loszuschnallen, aber der unbeteiligte Beobachter hätte auch weder das Beben seiner Schultern sehen noch das Vibrieren seines tonlosen Lachens spüren können.
»Es ist gut, sie sind fort«, sagte ich einen Moment später und schnappte selbst nach Luft, weil es so anstrengend war, beim Lachen kein Geräusch zu machen.
Atemlos hob Jamie das rote Gesicht aus meinen Röcken und tupfte sich mit einem Stoffzipfel die Augen ab.
»Barthaare? Du?«, äffte er krächzend seine Nichte nach, und wir prusteten beide wieder los. Er schüttelte den Kopf und rang nach Luft. »Himmel, sie ist genau wie ihre Mutter! Genau das hat Jenny auch zu mir gesagt, als sie mich zum ersten Mal beim Rasieren erwischt hat. Ich hätte mir fast die Kehle durchgeschnitten.« Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und rieb sich vorsichtig mit der Handfläche über die eigenen Bartstoppeln, die sein Kinn und seinen Hals mit einem Hauch von Kastanienbraun überzogen.
»Möchtest du dich auch rasieren, ehe wir zu Jenny und Ian gehen?«, fragte ich, aber er schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er und strich sich die Haare zurück, die aus ihrer Befestigung entwischt waren. »Ian hat recht; es wird nicht helfen, wenn ich sauber bin.«
Sie mussten die Hunde im Freien gehört haben; Ian und Jenny warteten beide in der Wohnstube, als wir hereinkamen; sie saß auf dem Sofa und strickte Wollstrümpfe, während er mit seinem einfachen braunen Rock und einer Kniehose am Feuer stand und sich die Rückseite seiner Beine wärmte. Ein Tablett mit Gebäck und einer Flasche hausgebrautem Ale stand bereit, eindeutig in Erwartung unserer Ankunft.
Es war eine sehr gemütliche, einladende Szene, und ich spürte, wie die Müdigkeit der Reise von mir abfiel, als wir das Zimmer betraten. Ian wandte sich uns sofort zu, befangen, aber lächelnd, doch es war Jenny, auf die mein Blick gerichtet war.
Ihr Blick hing ebenfalls an mir. Sie saß reglos auf der Couch, die großen Augen zur Tür gewandt. Mein erster Eindruck war, dass sie völlig anders aussah, der zweite, dass sie sich überhaupt nicht verändert hatte. Die schwarzen Locken waren noch da, dicht und wild, wenn auch ausgebleicht und mit kräftigem, strahlendem Silber durchzogen. Es war der flackernde Feuerschein, der den seltsamen Eindruck der Veränderung verursachte, weil er im einen Moment die Falten rings um ihre Augen und ihren Mund so vertiefte, dass sie wie eine Greisin aussah, und sie im nächsten ausradierte und ihr Gesicht mit dem rötlichen Leuchten der Kindheit überzog – wie auf einem Wackel-Bildchen in einer Kekspackung.
Bei unserem ersten Zusammentreffen in dem Bordell hatte Ian reagiert, als sei ich ein Gespenst. Jenny verhielt sich jetzt fast genauso; sie blinzelte, und ihr Mund stand ein wenig offen, doch ansonsten änderte sich ihre Miene nicht, als ich dann durch das Zimmer auf sie zuging.
Jamie folgte dicht hinter mir, seine Hand an meinem Ellbogen. Er drückte sacht zu, als wir das Sofa erreichten, dann ließ er los. Ich fühlte mich, als würde ich vor Gericht geführt, und unterdrückte den Impuls zu knicksen.
»Wir sind wieder da, Jenny«, sagte er. Seine Hand lag beruhigend auf meinem Rücken.
Sie warf einen raschen Blick auf ihren Bruder, dann sah sie mich wieder an.
»Dann bist du es also, Claire?« Ihre Stimme klang leise und zögerlich, vertraut, doch es war nicht die kräftige Stimme der Frau in meiner Erinnerung.