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»Ja, ich bin es«, sagte ich. Ich lächelte und hielt ihr die Hände entgegen. »Es ist gut, dich zu sehen, Jenny.«

Sie nahm meine Hände, erst leicht. Dann wurde ihr Griff kräftiger, und sie erhob sich. »Himmel, du bist es wirklich!«, sagte sie ein wenig atemlos, und plötzlich war die Frau, die ich kannte, wieder da, und ihre dunkelblauen Augen tanzten und blickten mir neugierig ins Gesicht.

»Natürlich ist sie es«, sagte Jamie schroff. »Ian hat es dir doch gewiss erzählt; dachtest du etwa, er lügt?«

»Du hast dich kaum verändert«, sagte sie, ohne ihren Bruder zu beachten, und berührte staunend mein Gesicht. »Dein Haar ist ein bisschen heller, aber bei Gott, du siehst noch ganz genauso aus!« Ihre Finger waren kühl; ihre Hände rochen nach Kräutern und Johannisbeermarmelade und einem Hauch von Ammoniak und Lanolin von ihrem gefärbten Strickgarn.

Der längst vergessene Geruch der Wolle holte auf der Stelle alles zurück – so viele Erinnerungen an dieses Haus und die glückliche Zeit, die ich hier verbracht hatte –, und die Tränen ließen meinen Blick verschwimmen.

Sie sah es und umarmte mich fest, und ihr Haar legte sich glatt und weich an mein Gesicht. Sie war viel kleiner als ich und sah zierlich aus, doch ich hatte dennoch das Gefühl, warm eingehüllt, gestützt und gehalten zu sein wie von jemandem, der größer war als ich.

Im nächsten Moment ließ sie mich los und trat halb lachend einen Schritt zurück. »Gott, du riechst sogar noch genauso!«, rief sie aus, und ich brach ebenfalls in Gelächter aus.

Ian war zu uns getreten; er beugte sich vor, um mich sanft zu umarmen und mit den Lippen über meine Wange zu streichen. Er roch nach einem Hauch von trockenem Heu und Kohlblättern, und ein Hauch von Torfrauch überlagerte seinen eigenen kräftigen Männergeruch.

»Es ist gut, dich wieder hier zu haben, Claire«, sagte er. Seine sanften braunen Augen lächelten mich an, und das Gefühl einer echten Heimkehr nahm zu. Ein wenig verlegen trat er zurück und lächelte. »Möchtet ihr vielleicht etwas essen?« Er wies auf das Tablett auf dem Tisch.

Ich zögerte einen Moment, doch Jamie bewegte sich eifrig darauf zu.

»Ich nehme gern einen Tropfen, Ian, danke«, sagte er. »Für dich auch, Claire?«

Gläser wurden gefüllt, das Gebäck wurde herumgereicht, und wir murmelten kleine Freundlichkeiten, während wir uns kauend am Feuer niederließen. Trotz der äußerlichen Herzlichkeit war ich mir einer angespannten Grundstimmung bewusst, die nicht allein mit meinem plötzlichen Wiederauftauchen zu tun hatte.

Jamie, der neben mir auf der Kaminbank saß, trank nicht mehr als einen Schluck von seinem Bier, und sein Plätzchen lag unangetastet auf seinem Knie. Ich wusste, dass er die kleine Stärkung nicht aus Hunger angenommen hatte, sondern um die Tatsache zu überspielen, dass weder seine Schwester noch sein Schwager ihn mit einer Umarmung willkommen geheißen hatten.

Ich sah, wie ein rascher Blick zwischen Ian und Jenny hin- und herwanderte, dann ein längerer, unergründlicher zwischen Jenny und Jamie. Da ich hier in mehr als nur einer Hinsicht eine Fremde war, hielt ich selbst den Blick zu Boden gerichtet und beobachtete die Szene unter dem Schutz meiner Wimpern hinweg. Jamie saß zu meiner Linken; ich konnte die leisen Bewegungen spüren, mit denen die beiden steifen Finger seiner rechten Hand ihren kleinen Trommelwirbel auf seinen Oberschenkel schlugen.

Das stockende Gespräch verstummte, und beklommenes Schweigen breitete sich im Zimmer aus. Neben dem leisen Zischen des Torffeuers konnte ich leises Rumpeln aus der Küche hören, doch es war eine völlig andere Geräuschkulisse als in dem Haus meiner Erinnerung, das von unablässiger Geschäftigkeit und allgemeinem Hin und Her erfüllt gewesen war, von ständigem Fußgetrappel auf der Treppe und Kinderlärm und Babygeschrei aus dem Kinderzimmer über uns.

»Wie geht es deinen Kindern?«, fragte ich Jenny, um das Schweigen zu brechen. Sie fuhr zusammen, und ich begriff, dass ich unabsichtlich die falsche Frage gestellt hatte.

»Oh, gut«, erwiderte sie zögernd. »Alle sind gesund. Und die Enkelkinder auch«, fügte sie hinzu und lächelte plötzlich bei dem Gedanken.

»Aber im Moment sind sie fast alle bei unserem Jamie«, beantwortete Ian meine eigentliche Frage. »Seine Frau hat vor einer Woche ein Baby bekommen, und die drei Mädchen sind bei ihm im Haus, um zu helfen. Und Michael ist gerade in Inverness, um eine Lieferung aus Frankreich abzuholen.«

Wieder huschte ein Blick durch das Zimmer, diesmal zwischen Ian und Jamie. Ich spürte, wie Jamie fast unmerklich den Kopf neigte, und sah Ians angedeutetes Nicken als Antwort. Und was zum Teufel sollte das nun wieder?, fragte ich mich. Das Zimmer war von so vielen unsichtbaren Emotionen erfüllt, dass ich plötzlich den Impuls verspürte, mich zu erheben und die Versammlung zur Ordnung zu rufen, nur um die Anspannung zu lösen.

Anscheinend ging es Jamie genauso. Er räusperte sich, richtete den Blick direkt auf Ian und ging zum wichtigsten Punkt der Tagesordnung über, indem er sagte: »Wir haben den Jungen mit nach Hause gebracht.«

Ian holte tief Luft, und seine langen, liebenswürdigen Züge verhärteten sich ein wenig. »Habt ihr das?« Die dünne Schicht aus Höflichkeit, die über der Szene lag, verflog plötzlich wie Morgentau.

Ich konnte spüren, wie sich Jamie an meiner Seite in Position brachte, um seinen Neffen zu verteidigen, soweit er es konnte.

»Er ist ein guter Junge, Ian«, sagte er.

»Ist er das?« Es war Jenny, die antwortete, die feinen schwarzen Augenbrauen zu einem Stirnrunzeln zusammengezogen. »So wie er sich zu Hause benimmt, würde man das nie meinen. Aber vielleicht ist er ja bei dir anders, Jamie.« Ihre Worte hatten einen deutlich anklagenden Unterton, und Jamies Anspannung nahm zu.

»Es ist lieb von dir, dass du dich für den Jungen einsetzt, Jamie«, meldete sich Ian mit einem kühlen Kopfnicken in Richtung seines Schwagers zu Wort. »Aber ich glaube, am besten hören wir uns an, was Ian selbst zu sagen hat, wenn du nichts dagegen hast. Ist er oben?«

Jamies Mundwinkel zuckte, aber seine Antwort klang neutral. »In der Spülküche, nehme ich an; er wollte sich etwas zurechtmachen, ehe er euch begrüßt.« Seine rechte Hand rutschte von seinem Oberschenkel und presste sich warnend an mein Bein. Von der Begegnung mit Janet hatte er nichts gesagt, und ich verstand; sie war gemeinsam mit ihren Geschwistern fortgeschickt worden, damit sich Jenny in Ruhe mit meinem Wiederauftauchen und ihrem verlorenen Sohn befassen konnten, doch sie hatte sich ohne das Wissen ihrer Eltern zurückgeschlichen, entweder, um einen Blick auf ihre berüchtigte Tante Claire zu werfen oder um ihrem Bruder Beistand zu leisten.

Ich senkte die Lider, um ihm anzudeuten, dass ich begriff. Die Situation war ohnehin so angespannt, dass es nicht helfen würde, jetzt auch noch die Anwesenheit des Mädchens zu erwähnen.

Auf dem nackten Fußboden erklangen Schritte und das rhythmische Pochen von Ians Holzbein; er hatte die Stube in Richtung der Spülküche verlassen und kehrte jetzt zurück. Dabei schob er den Jungen grimmig vor sich her.

Der verlorene Sohn sah so präsentabel aus, wie es mit Seife, Wasser und Rasiermesser zu bewerkstelligen gewesen war. Sein hageres Kinn war von der Rasur gerötet, das Haar in seinem Nacken zu feuchten Stacheln zusammengeklebt, sein Rock zum Großteil vom Staub befreit und der Rundkragen seines Hemds ordentlich bis oben zugeknöpft. Gegen die angesengte Hälfte seines Kopfes ließ sich nicht viel tun, doch die andere Seite war sorgfältig gekämmt. Er trug keine Halsbinde, und sein Hosenbein hatte einen großen Riss, doch alles in allem sah er so gut aus, wie es jemandem möglich ist, der jede Sekunde damit rechnet, erschossen zu werden.

»Mama«, sagte er und duckte den Kopf beklommen in die Richtung seiner Mutter.

»Ian«, sagte sie leise, und er blickte zu ihr auf, sichtlich verblüfft über die Sanftheit ihres Tons. Ein kleines Lächeln verzog ihre Lippen, als sie sein Gesicht sah. »Ich bin froh, dass du gesund nach Hause gekommen bist, mo chridhe«, sagte sie.