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Auch Jenny bemühte sich mit aller Kraft, ihre wachsende Wut zu beherrschen. »Nein«, sagte sie. »Du tust, was du tun musst, Jamie. Du weißt genau, dass ich nicht dich gemeint habe, als ich ›Verbrecher‹ gesagt habe, aber –«

»Also meinst du die Männer, die für mich arbeiten? Ich tue doch auch nichts anderes, Jenny. Wenn sie Verbrecher sind, was bin ich dann?« Er funkelte sie an, und in seinen Augen brannte die Bitterkeit.

»Du bist mein Bruder«, sagte sie knapp, »so wenig Freude es mir auch manchmal bereitet, das zu sagen. Verdammt, Jamie Fraser! Du weißt genau, dass ich dein Tun nicht in Frage stellen möchte! Und wenn du unter die Straßenräuber gehen oder ein Freudenhaus in Edinburgh eröffnen würdest, würdest du es tun, weil es nicht anders geht. Das heißt aber nicht, dass ich möchte, dass du meinen Sohn mit in so etwas hineinziehst!«

Bei der Erwähnung von Freudenhäusern in Edinburgh kniff Jamie die Augenwinkel ein wenig zusammen, und sein Blick huschte vorwurfsvoll zu Ian hinüber, doch dieser schüttelte den Kopf. Die Heftigkeit seiner Frau schien ihn selbst ein wenig zu verblüffen.

»Ich habe kein Wort gesagt«, sagte er knapp. »Du weißt ja, wie sie ist.«

Jamie holte tief Luft und wandte sich wieder an Jenny, unübersehbar um Vernunft bemüht.

»Aye, das verstehe ich. Aber du kannst doch nicht glauben, dass ich den Jungen in Gefahr bringen würde – Gott, Jenny, ich hänge an ihm, als wäre er mein eigener Sohn!«

»Aye?« Ihre Skepsis war deutlich. »Also ist das der Grund, warum du ihn ermutigt hast, von zu Hause fortzulaufen, und ihn bei dir behalten hast, ohne ein Wort der Beruhigung für uns, wohin er gegangen war?«

Jamie besaß den Anstand, auf diese Worte mit Verlegenheit zu reagieren.

»Aye, nun, das tut mir leid«, murmelte er. »Ich hatte vor …« Er unterbrach sich mit einer ungeduldigen Geste. »Es spielt keine Rolle, was ich vorhatte; ich hätte euch eine Nachricht zukommen lassen sollen und habe es nicht getan. Aber was das betrifft, dass ich ihn ermutigt habe davonzulaufen …«

»Nein, ich glaube nicht, dass du das getan hast«, unterbrach Ian. »Zumindest nicht direkt.« Die Wut war aus seinem langen Gesicht gewichen. Er sah jetzt müde aus und etwas traurig. Seine Gesichtsknochen malten sich deutlich ab, was ihn im schwindenden Licht des Nachmittags hohlwangig wirken ließ.

»Es ist nur so, dass dich der Junge liebt, Jamie«, sagte er leise. »Ich sehe doch, wie er dir zuhört, wenn du uns besuchst und von deinem Leben erzählst; ich kann sein Gesicht sehen. Er glaubt, dein Leben besteht nur aus aufregenden Abenteuern und ist etwas ganz anderes, als Ziegenmist für den Garten seiner Mutter zusammenzuschaufeln.« Er lächelte unwillkürlich.

Auch Jamie lächelte seinen Schwager flüchtig an und zog die Schulter hoch. »Nun, aber es ist normal für einen Jungen in diesem Alter, sich nach Abenteuern zu sehnen, oder nicht? Du und ich, wir waren doch genauso.«

»Ob er sich danach sehnt oder nicht; ich möchte nicht, dass er die Sorte Abenteuer erlebt, die ihn bei dir erwarten«, unterbrach ihn Jenny scharf. Sie schüttelte den Kopf, und die Falte zwischen ihren Augenbrauen vertiefte sich, als sie den Blick tadelnd auf ihren Bruder richtete. »Der Herrgott weiß, dass ein Zauber auf deinem Leben liegt, Jamie, sonst wärst du längst ein Dutzend Tode gestorben.«

»Aye, nun ja. Anscheinend gab es etwas, wofür Er mich verschonen wollte.« Jamie richtete den Blick mit einem kleinen Lächeln auf mich, und seine Hand suchte die meine. Auch Jenny warf mir einen kurzen Blick zu, doch ihre Miene blieb unergründlich, und dann wandte sie sich wieder dem Thema zu.

»Nun, das mag sein, wie es will«, sagte sie. »Aber ich nehme nicht an, dass es auch für den Jungen gilt.« Sie sah Jamie an, und ihre Miene wurde ein wenig sanfter.

»Ich weiß ja nicht alles darüber, wie du lebst, Jamie – aber ich kenne dich gut genug, um zu sagen, dass es vermutlich nicht das richtige Leben für einen kleinen Jungen ist.«

»Mmpfm.« Jamie rieb sich die Bartstoppeln am Kinn und unternahm einen erneuten Versuch. »Aye, nun ja, das ist es, was ich meine. Euer Sohn hat sich in dieser Woche wie ein Mann verhalten. Ich finde es nicht richtig, wenn du ihn verprügelst wie ein Kind, Ian.«

Jennys Augenbrauen hoben sich, elegante Flügel aus Verachtung.

»Ein Mann, wie? Aber er ist doch noch ein Baby, Jamie – er ist erst vierzehn!«

Trotz seiner Verärgerung kräuselte sich Jamies Mundwinkel ein wenig.

»Ich war mit vierzehn ein Mann, Jenny«, sagte er leise.

Sie schnaubte zwar, doch in ihren Augen glänzte ein feuchter Film.

»Du hast gedacht, du wärst ein Mann.« Abrupt stand sie auf und wandte sich blinzelnd ab. »Aye, ich erinnere mich daran«, sagte sie, das Gesicht zum Bücherregal gewandt. Sie streckte die Hand aus und griff nach dem Bord, als wollte sie sich stützen.

»Du warst ein hübscher Junge, Jamie, als du das erste Mal vom Hof geritten bist, um mit Dougal Vieh zu stehlen, mit deinem glänzenden Dolch am Bein. Ich war sechzehn, und ich dachte, ich hätte noch nie so etwas Schönes gesehen wie dich auf deinem Pony, so aufrecht und groß. Und ich weiß auch noch, wie du zurückgekommen bist, überall voller Schlamm mit einem Kratzer im Gesicht, weil du in die Brombeeren gefallen bist, und Dougal hat vor Pa geprahlt, wie gut du deine Sache gemacht hattest – sechs Rinder allein fortgetrieben und eine Delle im Kopf von der flachen Klinge eines Breitschwerts und keinen Ton von dir gegeben.« Sie hatte ihr Gesicht wieder im Griff und wandte sich von den Büchern wieder ihrem Bruder zu. »Das ist es also, was einen Mann ausmacht, aye?«

Ein Hauch von Humor stahl sich in Jamies Miene zurück, als er ihren Blick erwiderte.

»Aye, vielleicht gehört doch noch ein bisschen mehr dazu«, sagte er.

»Ach ja?«, sagte sie noch trockener. »Und was soll das sein? Dass man mit einem Mädchen schlafen kann? Oder einen Menschen töten kann?«

Ich hatte immer schon gedacht, dass Janet Fraser so etwas wie das zweite Gesicht besaß, vor allem, was ihren Bruder betraf. Offenbar erstreckte sich diese Gabe auch auf ihren Sohn. Die Röte auf Jamies Wangen nahm zwar zu, doch seine Miene veränderte sich nicht.

Sie schüttelte langsam den Kopf und sah ihren Bruder unverwandt an. »Nein, Ian ist noch kein Mann – du aber schon, Jamie, und du kennst den Unterschied genau.«

Ian, der das Feuerwerk zwischen den beiden Frasers mit derselben Faszination beobachtet hatte wie ich, hüstelte jetzt.

»Wie dem auch sei«, sagte er trocken. »Der Junge wartet seit einer Viertelstunde auf seine Bestrafung. Ob es nun angemessen ist oder nicht, ihn zu schlagen, ihn noch länger darauf warten zu lassen, ist ein wenig grausam, aye?«

»Musst du es denn wirklich tun, Ian?« Jamie unternahm einen letzten Versuch und appellierte an seinen Schwager.

»Nun«, sagte Ian langsam, »da ich dem Jungen gesagt habe, dass er Prügel bekommt, und er genau weiß, dass er sie verdient hat, kann ich es ja nicht einfach zurücknehmen. Aber was die Frage betrifft, ob ich es tue – nein, ich glaube nicht, dass ich es tue.« Ein Hauch von Humor schimmerte in den sanften braunen Augen auf. Er griff in eine Schublade der Anrichte, holte einen dicken Lederriemen hervor und drückte ihn Jamie in die Hand. »Sondern du.«

»Ich?« Jamie war entsetzt. Er unternahm einen vergeblichen Versuch, Ian den Riemen wieder in die Hand zu drücken, doch sein Schwager achtete nicht darauf. »Ich kann den Jungen doch nicht schlagen!«

»Oh, ich glaube, das kannst du«, sagte Ian ruhig und verschränkte die Arme. »Du hast schon so oft gesagt, dass du an ihm hängst, als wäre er dein Sohn.« Er legte den Kopf schief, und seine Miene blieb zwar gutmütig, doch seine braunen Augen waren unerbittlich. »Also, ich sage dir, Jamie – es ist nicht so einfach, sein Pa zu sein; am besten gehst du jetzt und findest das selbst heraus, aye?«