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Jamie starrte Ian einen Moment an, dann richtete er den Blick auf seine Schwester. Sie zog eine Augenbraue hoch und ließ sich nicht beirren.

»Du hast es genauso sehr verdient wie er, Jamie. Ab mit dir.«

Jamie presste die Lippen fest aufeinander und atmete heftig durch die Nase aus. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand wortlos. Eilige Schritte hallten über den Boden, und am anderen Ende des Flurs ertönte ein gedämpfter Knall.

Jenny warf einen hastigen Blick auf Ian, einen hastigeren auf mich und wandte sich dann dem Fenster zu. Ian und ich, beide um einiges größer, stellten uns hinter sie. Das Licht im Freien ließ jetzt rapide nach, doch noch reichte es aus, um uns Ians dahinwelkende Gestalt zu zeigen, die vielleicht zwanzig Meter vom Haus entfernt mutlos an einem Holzgatter lehnte.

Als er Schritte hörte, blickte er sich beklommen um, sah seinen Onkel kommen und richtete sich überrascht auf.

»Onkel Jamie!« Dann fiel sein Blick auf den Riemen, und er richtete sich noch ein wenig weiter auf. »Wirst … du mich schlagen?«

Es war ein stiller Abend, und ich konnte hören, wie Jamie zischend durch die Zähne einatmete.

»Ich muss es wohl«, sagte er unverblümt. »Aber zuerst muss ich mich bei dir entschuldigen, Ian.«

»Bei mir?« Der Junge klang ein wenig benommen. Er war es eindeutig nicht gewohnt, dass seine älteren Verwandten glaubten, sie müssten sich bei ihm entschuldigen, erst recht nicht, ehe sie ihn schlugen. »Das brauchst du nicht, Onkel Jamie.«

Die hochgewachsenere Gestalt lehnte sich an das Gatter, wandte sich der kleineren zu und senkte den Kopf.

»Doch, das muss ich. Es war falsch von mir, Ian, dich in Edinburgh zu behalten, und vielleicht war es auch falsch, dir überhaupt Geschichten zu erzählen, die dich auf die Idee gebracht haben davonzulaufen. Ich habe dich an Orte mitgenommen, wo du nicht hingehörtest und in Gefahr geraten konntest, und ich habe deine Eltern noch mehr in Aufruhr versetzt als du es vielleicht allein getan hättest. Es tut mir leid, Ian, und ich bitte dich, mir zu verzeihen.«

»Oh.« Die kleinere Gestalt fuhr sich mit der Hand durch das Haar, hörbar um Worte verlegen. »Nun … aye. Natürlich tue ich das, Onkel Jamie.«

»Danke, Ian.«

Einen Moment standen sie schweigend da, dann seufzte der Junge tief auf und richtete seine hängenden Schultern auf.

»Dann bringen wir es wohl besser hinter uns, aye?«

»Ich denke schon.« Jamie klang mindestens so widerstrebend wie sein Neffe, und ich hörte Ian neben mir leise prusten – konnte aber nicht sagen, ob vor Entrüstung oder Belustigung.

Resigniert drehte sich der Junge um und wandte sich ohne Zögern dem Tor zu. Jamie folgte ihm langsamer. Das Licht war fast verschwunden, und wir konnten aus dieser Entfernung nicht mehr als ihre Umrisse sehen, doch wir konnten sie vom Fenster aus deutlich hören. Jamie stand hinter seinem Neffen und trat von einem Bein auf das andere, als sei er sich nicht sicher, was er als Nächstes tun sollte.

»Mpfm. Äh, wie hält es dein Vater …«

»Normalerweise sind es zehn, Onkel Jamie.« Der Junge hatte seinen Rock abgelegt und zupfte jetzt an seiner Taille, während er über seine Schulter hinwegsprach. »Zwölf, wenn es besonders schlimm ist, und fünfzehn, wenn es wirklich schrecklich ist.«

»Würdest du sagen, dass es diesmal schlimm war oder besonders schlimm?«

Der Junge lachte unwillkürlich auf.

»Wenn Vater dich zwingt, es zu tun, Onkel Jamie, ist es wirklich schrecklich, aber ich würde sagen, einigen wir uns auf besonders schlimm. Am besten gibst du mir zwölf.«

Wieder prustete Ian neben mir. Diesmal war es definitiv Belustigung. »Immerhin ist er ehrlich«, murmelte er.

»Also schön.« Jamie holte Luft und holte mit dem Arm aus, wurde aber durch den Jungen unterbrochen.

»Warte, Onkel Jamie, ich bin noch nicht so weit.«

»Och, musst du das tun?« Jamies Stimme klang ein wenig erstickt.

»Aye. Vater sagt, nur Mädchen schlägt man auf die Kleider«, erklärte Ian. »Männer müssen es auf dem nackten Hintern ertragen.«

»Da hat er allerdings recht«, murmelte Jamie, den sein Streit mit Jenny offenbar immer noch ärgerte. »Bist du jetzt fertig?«

Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, trat die größere Gestalt einen Schritt zurück und holte aus. Es knallte laut, und Jenny fuhr voll Mitleid mit ihrem Sohn zusammen.

Doch abgesehen von einem abrupten Einatmen war der Junge still und blieb während der restlichen Prozedur, wie er war, während ich selbst ein wenig bleich wurde.

Schließlich ließ Jamie den Arm sinken und wischte sich über die Stirn. Ian hing über dem Gatter, und Jamie hielt ihm die Hand hin. »Alles gut, Junge?« Ian richtete sich auf, diesmal mit leichten Schwierigkeiten, und zog sich die Hose hoch. »Aye, Onkel Jamie. Danke.« Die Stimme des Jungen war etwas belegt, aber ruhig und kräftig. Er ergriff Jamies ausgestreckte Hand. Zu meiner Überraschung jedoch führte Jamie den Jungen nicht zurück zum Haus, sondern drückte ihm den Riemen in die andere Hand.

»Jetzt du«, verkündete er. Er trat an das Gatter und beugte sich darüber.

Der Junge war genauso schockiert wie wir im Haus.

»Was!«, sagte er verdattert.

»Ich habe gesagt, jetzt du«, sagte sein Onkel mit fester Stimme. »Ich habe dich bestraft; jetzt musst du mich bestrafen.«

»Das kann ich doch nicht tun, Onkel Jamie!« Der Junge war so entsetzt, als hätte sein Onkel vorgeschlagen, dass er in der Öffentlichkeit eine Unanständigkeit beging.

»Aye, das kannst du«, sagte Jamie und richtete sich auf, um seinem Neffen ins Auge zu blicken. »Du hast doch gehört, was ich gesagt habe, als ich mich bei dir entschuldigt habe, oder?« Ian nickte benommen. »Also dann. Ich habe mich genauso falsch verhalten wie du, und ich muss genauso dafür bezahlen. Ich habe dich nicht gern geschlagen, und du wirst mich nicht gern schlagen, aber wir erfüllen beide unseren Part. Verstanden?«

»A-Aye, Onkel Jamie«, stammelte der Junge.

»Also schön.« Jamie zog sich die Hose herunter, schob seinen Hemdschoß hoch, beugte sich wieder über das Gatter und hielt sich an der oberen Leiste fest. Er wartete eine Sekunde, dann sprach er Ian noch einmal an, denn der Junge stand da wie gelähmt, und der Riemen baumelte in seiner erschlafften Hand.

»Mach schon.« Seine Stimme war stählern; es war der Ton, den er bei seinen Whiskyschmugglern anschlug; nicht zu gehorchen war undenkbar. Ian setzte sich zaghaft in Bewegung, um zu tun, wie ihm befohlen war. Er trat zurück und holte halbherzig aus. Es ertönte ein dumpfer Schlag.

»Der zählt nicht«, sagte Jamie entschlossen. »Hör zu, Mann, es war für mich genauso schwer, es bei dir zu tun. Jetzt mach es anständig.«

Die schmale Gestalt nahm plötzlich entschlossen Haltung an, und das Leder pfiff durch die Luft. Es landete knallend wie ein Blitz. Von der Gestalt auf dem Gatter kam ein ersticktes Jaulen, und ein unterdrücktes, mindestens halb schockiertes Kichern von Jenny.

Jamie räusperte sich. »Aye, so geht es. Dann sieh zu, dass du es zum Ende bringst.«

Zwischen den Hieben konnten wir hören, wie Ian sorgfältig mitzählte, doch abgesehen von einem erstickten »Himmel« bei Nummer neun kam von seinem Onkel kein Geräusch mehr.

Unter einem allgemeinen Seufzer der Erleichterung aus dem Inneren des Hauses erhob sich Jamie nach dem letzten Hieb vom Zaun und steckte sich das Hemd in die Kniehose. Er neigte den Kopf förmlich in Richtung seines Neffen. »Danke, Ian.« Dann gab er die Förmlichkeit auf, rieb sich den Hintern und sagte im Tonfall reumütiger Bewunderung: »Himmel, Mann, du hast vielleicht einen kräftigen Arm!«

»Du auch, Onkel Jamie«, sagte Ian im gleichen ironischen Ton wie sein Onkel. Einen Moment blieben die beiden Gestalten, die jetzt kaum noch zu sehen waren, lachend stehen und rieben sich die wunden Körperstellen. Dann legte Jamie seinem Neffen den Arm um die Schultern und drehte ihn zum Haus. »Wenn es dir nichts ausmacht, Ian, möchte ich das nie wieder tun müssen, aye?«, sagte er vertraulich.