»Nun denn. Als Duncan Kerr den Namen Ellen erwähnt hat, wusste ich, dass er meine Mutter meinte – als Zeichen, dass er meinen Namen und meine Familie kannte, dass er wusste, wer ich war, und dass er nicht im Wahn sprach, ganz gleich, wie es sich anhörte. Und deshalb –« Wieder zuckte er mit den Schultern. »Der Engländer hatte mir gesagt, wo sie Duncan gefunden hatten, in der Nähe der Küste. In dieser Gegend gibt es Hunderte kleiner Inselchen und Felsen, aber nur eine Stelle, wo Seehunde leben, an der Grenze des MacKenzie-Landes, vor Coigach.«
»Also bist du dort hingegangen?«
»Aye, das bin ich.« Er seufzte tief, und seine freie Hand wanderte in die Mulde meiner Taille. »Ich hätte es nicht getan – das Gefängnis verlassen, meine ich –, wenn ich nicht immer noch gedacht hätte, dass es vielleicht irgendwie mit dir zu tun hätte, Sassenach.«
Die Flucht war kein besonders schwieriges Unterfangen gewesen; die Gefangenen wurden oft in kleinen Gruppen ins Freie gebracht, um Torf zu stechen, der in den Kaminen der Festung verbrannt wurde, oder um Steine für die Instandsetzung der Mauern zu brechen und zu transportieren.
Für einen Mann, der in der Heide zu Hause war, war es ein Leichtes gewesen zu verschwinden. Er hatte sich von der Arbeit aufgerichtet, sich neben einem Grasbüschel zur Seite gedreht und seine Hose geöffnet, als wollte er sich erleichtern. Der Wachtposten hatte höflich den Blick abgewandt, und als er im nächsten Moment wieder hingesehen hatte, hatte er nur noch das leere Moor vor sich gehabt, in dem keine Spur von Jamie Fraser zu sehen war.
»Es war eigentlich nicht schwer, sich davonzustehlen, aber es ist nur selten vorgekommen«, erklärte er. »Keiner von uns stammte aus der Gegend von Ardsmuir – und selbst wenn, gab es für die meisten Männer nicht mehr viel, wohin sie hätten zurückkehren können.«
Die Männer des Herzogs von Cumberland hatten ganze Arbeit geleistet. Wie es ein Zeitgenosse später formuliert hatte, als er die Leistung des Herzogs einordnete: »Er schuf eine Wüste und nannte sie Frieden.« Diese moderne Form der Diplomatie hatte Teile der Highlands in eine mehr oder minder verlassene Gegend verwandelt; die Männer getötet, eingekerkert oder deportiert, Ernten und Häuser niedergebrannt, Frauen und Kinder vertrieben, so dass sie verhungern oder sich anderswo Zuflucht suchen mussten. Nein, ein Gefangener, der aus Ardsmuir entfloh, wäre wahrhaft allein gewesen, ohne Familie oder Clan, bei denen er hätte Beistand suchen können.
Jamie hatte gewusst, dass ihm nicht viel Zeit blieb, bis der englische Kommandeur begriff, wohin er unterwegs sein musste, und er einen Suchtrupp organisierte. Andererseits gab es in diesem entlegenen Teil des Königreichs keine richtigen Straßen, und zu Fuß war ein Mann, der sich auskannte, im Vorteil gegenüber den fremden Verfolgern zu Pferde.
Er war am späten Nachmittag geflohen. Er hatte sich an den Sternen orientiert, war die Nacht hindurchgewandert und hatte bei Anbruch des nächsten Tages die Küste erreicht.
»Ich kannte ja die Stelle mit den Silkies; sie ist den MacKenzies vertraut, und ich war mit Dougal schon einmal dort gewesen.«
Es hatte Flut geherrscht, und die meisten Seehunde waren im Wasser zwischen dem dahintreibenden Seetang auf der Jagd nach Krebsen und Fischen gewesen, doch ihre dunklen Kotflecken und die trägen Gestalten einiger Faulenzer kennzeichneten die drei Seehundhinseln, die, von einer klippenähnlichen Landzunge geschützt, just im Inneren einer kleinen Bucht aufgereiht lagen.
Jamie hatte Duncans Instruktionen so gedeutet, dass der Schatz auf der dritten Insel lag, die am weitesten vom Ufer entfernt war. Sie war fast eine Meile entfernt, eine lange Strecke selbst für einen kräftigen Schwimmer, und seine Körperkraft war durch die harte Arbeit im Gefängnis und die lange Wanderung ohne Essen in Mitleidenschaft gezogen. Er hatte oben auf der Klippe gestanden und sich gefragt, ob er Hirngespinsten nachjagte und ob der Schatz – falls es ihn gab – es lohnte, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
»Der Fels war dort sehr brüchig; trat ich zu dicht an die Kante, sind unter meinen Füßen Stücke abgebrochen und die Klippe hinuntergestürzt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich zum Wasser gelangen sollte, von der Seehundinsel ganz zu schweigen. Aber ich musste daran denken, dass Duncan etwas erwähnt hatte, was er Ellens Turm nannte«, sagte Jamie. Seine Augen waren weit geöffnet, doch sie waren nicht auf mich gerichtet, sondern auf jenes ferne Ufer, an dem der Aufprall in die Tiefe polternder Steine im Tosen der Brandung unterging.
Der »Turm« war da, eine kleine Granitspitze, die ganz am Ende der felsigen Landzunge keine anderthalb Meter aus dem Boden ragte. Doch unterhalb dieser Spitze befand sich in den Steinen verborgen ein schmaler Spalt, ein kleiner Schornstein, der sich von der Oberseite bis zum Fuß des fast dreißig Meter hohen Kliffs zog und für einen entschlossenen Menschen einen gangbaren, wenn auch keinen einfachen Weg darstellte.
Zwischen dem Fuß des Turms und der dritten Insel lag immer noch mehr als eine Viertelmeile wogenden grünen Wassers. Er hatte die Kleider abgelegt, sich bekreuzigt, seiner Mutter seine Seele anbefohlen und war nackt in die Wellen gesprungen.
Nur langsam hatte er die Klippen hinter sich gelassen und war immer wieder untergegangen und hatte Wasser geschluckt, weil die Wellen über seinem Kopf zusammenschlugen. Man ist nirgendwo in Schottland weit vom Meer entfernt, doch Jamie war auf dem Land groß geworden, und seine Erfahrung als Schwimmer beschränkte sich auf die friedlichen Tiefen der Seen und die Becken am Rand der Forellenbäche.
Blind vom Salz und taub von der dröhnenden Brandung, hatte er das Gefühl gehabt, schon seit Stunden gegen die Wellen anzukämpfen, als es ihm schließlich gelang, Kopf und Schultern aus dem Wasser zu heben und nach Luft zu schnappen … und er die Klippen aufragen sah, nicht hinter sich, wie er gedacht hatte, sondern zu seiner Rechten.
»Die Ebbe hatte eingesetzt und zog mich mit sich hinaus«, sagte er ironisch. »Ich dachte, nun denn, das war es also, ich bin tot, weil ich wusste, dass ich es niemals zurück an Land schaffen würde. Ich hatte seit zwei Tagen nichts gegessen, und mir war nicht viel Kraft geblieben.«
Also hatte er aufgehört zu schwimmen und sich einfach auf den Rücken gelegt und sich der Umarmung der See überlassen. Weil ihm vor Hunger und Anstrengung schwindelig wurde, hatte er die Augen geschlossen, um sie vor dem Licht zu schützen, und in seinem Kopf nach dem alten keltischen Gebet gegen das Ertrinken gesucht.
Er verstummte einen Moment und schwieg so lange, dass ich mich schon fragte, ob etwas nicht stimmte. Doch schließlich holte er Luft und sagte schüchtern: »Ich nehme an, du wirst mich für töricht halten, Sassenach. Ich habe das nie jemandem erzählt – nicht einmal Jenny. Aber – ich habe gehört, wie mich meine Mutter gerufen hat, mitten im Gebet.« Er zuckte unbehaglich mit den Schultern.
»Vielleicht lag es ja nur daran, dass ich beim Losschwimmen an sie gedacht hatte«, sagte er. »Trotzdem …« Er verstummte, bis ich sein Gesicht berührte.
»Was hat sie gesagt?«, fragte ich leise.
»Sie hat gesagt: ›Komm her zu mir, Jamie – komm zu mir, Junge!‹« Er holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. »Ich konnte sie deutlich hören, aber ich konnte nichts sehen; es war niemand da, nicht einmal ein Seehund. Ich dachte, sie ruft vielleicht aus dem Himmel nach mir – und ich war so müde, dass es mir in diesem Moment wirklich nichts ausgemacht hätte zu sterben, aber ich habe mich umgedreht und bin auf die Stelle zugeschwommen, von wo ich ihre Stimme gehört hatte. Ich dachte mir, ich schwimme zehn Züge, und dann halte ich wieder an, um mich auszuruhen – oder zu versinken.«
Doch beim achten Zug hatte ihn die Strömung ergriffen.
»Es war, als hätte mich jemand aufgehoben«, sagte er und klang jetzt noch überrascht, als er daran dachte. »Ich konnte die Strömung unter mir und überall ringsum spüren; das Wasser darin war etwas wärmer, und es hat mich mitgenommen. Ich brauchte nur noch ein wenig zu paddeln, um den Kopf über Wasser zu halten.«