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Eine kräftige Strömung, die zwischen der Landzunge und den Inseln kreiste, hatte ihn an den Rand des dritten Inselchens getragen, wo ein paar Züge ausgereicht hatten, um ihn in Reichweite der Felsen zu bringen.

Die Insel war ein kleiner Granitbrocken, rissig und gespalten wie all die alten Felsen Schottlands und mit schleimigem Seetang und Robbenkot bedeckt, doch als er ans Ufer kroch, hatte er dieselbe Dankbarkeit empfunden wie ein Seemann, der nach dem Untergang seines Schiffs unter Palmen an einen weißen Sandstrand gespült wird. Er fiel mit dem Gesicht auf einen Felsvorsprung und blieb dort liegen, dankbar, dass er atmen konnte, und vor Erschöpfung dem Einschlafen nah.

»Dann habe ich gespürt, wie etwas über mir aufragte, und es hat furchtbar nach totem Fisch gestunken«, sagte er. »Ich habe mich sofort auf die Knie erhoben, und da war er – ein großer Robbenbulle, der mich mit seinen schwarzen Augen anstarrte, glatt und nass, nicht mehr als einen Meter entfernt.«

Obwohl er selbst kein Fischer oder Seemann war, hatte Jamie doch genug Geschichten gehört, um zu wissen, dass männliche Seehunde gefährlich waren, vor allem, wenn sie sich durch Eindringlinge auf ihrem Territorium bedroht fühlten. Angesichts des offenen Mauls mit den schönen, scharfen Zähnen und der kräftigen Speckrollen, die den gewaltigen Körper umgürteten, war ihm nicht danach gewesen, das zu bezweifeln.

»Er wog fast drei Zentner, Sassenach«, sagte er. »Selbst wenn er mir nicht das Fleisch von den Knochen reißen wollte, hätte er mich mit einem Hieb ins Wasser schleudern oder mich ertränken können, indem er mich in die Tiefe zog.«

»Offensichtlich hat er es aber nicht getan«, sagte ich trocken. »Was ist passiert?«

Er lachte. »Ich glaube, ich war zu müde und benommen, um irgendetwas Vernünftiges zu tun«, sagte er. »Ich habe ihn einfach einen Moment angesehen, und dann habe ich gesagt, schon gut, ich bin es nur.«

»Und was hat der Seehund getan?«

Jamie zuckte sacht mit den Schultern. »Eine Weile hat er mich weiter angesehen – hast du gewusst, dass Silkies kaum blinzeln? Man wird sehr nervös, wenn einen ein Seehund länger ansieht –, dann hat er einen Grunzlaut ausgestoßen und sich vom Felsen ins Wasser gleiten lassen.«

Jamie, der die kleine Insel nun für sich allein hatte, hatte eine Zeitlang wie betäubt dagesessen und seine Kräfte gesammelt, ehe er schließlich begann, die Ritzen und Spalten abzusuchen. Da die Fläche so klein war, dauerte es nicht lange, bis er einen tiefen Riss in dem Felsen fand, der in eine breite Höhlung keinen halben Meter unter der felsigen Oberfläche führte. Da sie einen trockenen Sandboden hatte und in der Mitte der Insel lag, würde die Höhle höchstens in den allerschlimmsten Stürmen überflutet werden.

»Nun mach es nicht so spannend«, sagte ich und pikste ihn in den Bauch. »War das Gold aus Frankreich da?«

»Ja und nein, Sassenach«, antwortete er und zog prompt den Bauch ein. »Ich hatte mit Goldbarren gerechnet; in den Gerüchten war immer davon die Rede gewesen, dass Louis Goldbarren schicken würde. Und Goldbarren im Wert von dreißigtausend Pfund wären ein anständiger Schatz gewesen. Aber in der Höhle war nur eine kleine Kiste, keine dreißig Zentimeter lang, außerdem ein kleiner Lederbeutel. In der Kiste befand sich allerdings Gold – und Silber.«

Gold und Silber, in der Tat. Die Holzkiste hatte zweihundertfünf Münzen enthalten, Goldmünzen und Silbermünzen, manche so scharfkantig, als wären sie frisch geprägt, andere so abgenutzt, dass ihre Markierung kaum noch zu lesen war.

»Antike Münzen, Sassenach.«

»Antik? Was meinst du mit …«

»Griechisch, Sassenach, und römisch. Wirklich sehr alt.«

Einen Moment lagen wir uns im gedämpften Licht gegenüber und sagten nichts.

»Das ist ja unglaublich«, sagte ich schließlich. »Es ist ein Schatz, das kann man nicht anders sagen, aber nicht …«

»Nicht das, was Louis geschickt hätte, um eine Armee in Lohn und Brot zu halten, nein«, beendete er den Satz für mich. »Nein, wer auch immer diesen Schatz dort versteckt hat, es war weder Louis noch einer seiner Minister.«

»Was ist mit dem Beutel?«, sagte ich. »Was war in der Börse, die du gefunden hast?«

»Steine, Sassenach. Edelsteine. Diamanten und Perlen und Smaragde und Saphire. Nicht viele, aber exzellent geschliffen und ziemlich groß.« Er lächelte grimmig. »Aye, ziemlich groß.«

Er hatte sich unter dem grauen Himmel auf einen Felsen gesetzt und die Münzen und Edelsteine völlig verdattert zwischen den Fingern gewendet. Als ihn schließlich das Gefühl beschlich, dass er beobachtet wurde, hatte er den Kopf gehoben und festgestellt, dass er von neugierigen Seehunden umringt war. Es herrschte Ebbe, die Weibchen waren von der Jagd zurück, und zwanzig runde schwarze Augenpaare betrachteten ihn vorsichtig.

Durch die Anwesenheit seines Harems ermuntert, war auch der große schwarze Bulle zurückgekehrt. Er grölte laut, bewegte den Kopf drohend hin und her und kam allmählich näher, indem er seine Hundertfünfzig-Kilo-Masse mit jedem dröhnenden Aufschrei ein Stückchen näher rutschen ließ und sich mit den Flossen über den glitschigen Felsen schob.

»Da dachte ich, ich gehe besser wieder«, sagte er. »Ich hatte schließlich gefunden, was ich gesucht hatte. Also habe ich die Kiste und den Beutel wieder dorthin zurückgelegt, wo ich sie gefunden hatte – ich konnte sie ja nicht an Land transportieren, und selbst wenn … was dann? Also habe ich alles zurückgelegt und bin halb durchgefroren wieder ins Wasser gekrochen.«

Ein paar Schwimmzüge hatten ihn wieder in die Strömung getragen, die zum Festland floss; wie die meisten Wirbelströme verlief sie im Kreis, und ihre Drehung hatte ihn innerhalb einer halben Stunde zum Fuß der Felsenzunge getragen, wo er an Land gekrochen war, sich angezogen hatte und in einem Nest aus Sumpfgras eingeschlafen war.

Er hielt inne, und ich konnte sehen, dass seine Augen offen und auf mich geheftet waren, doch auch jetzt sahen sie nicht mich.

»Ich bin bei Tagesanbruch aufgewacht«, sagte er leise. »Ich habe schon viele Sonnenaufgänge gesehen, Sassenach, aber noch keinen wie diesen. Ich konnte spüren, wie sich die Erde unter mir drehte und ich im Einklang mit dem Wind atmete. Es war, als hätte ich weder Haut noch Knochen, sondern nur das Licht der aufgehenden Sonne in mir.«

Sein Blick wurde sanft, als er das Moor hinter sich ließ und zu mir zurückkehrte.

»Dann ist die Sonne höhergestiegen«, sagte er gelassen. »Und als sie mich genug gewärmt hatte, um mich auf den Beinen zu halten, bin ich aufgestanden und landeinwärts zur Straße gegangen, um die Engländer abzufangen.«

»Aber warum bist du zurückgegangen?«, wollte ich wissen. »Du warst doch frei! Du hattest Geld! Und …«

»Wo sollte ich denn diese Art von Geld ausgeben, Sassenach?«, fragte er. »Sollte ich an das Feuer in einer Kate treten und dem Hausherrn einen Golddenar anbieten oder einen kleinen Smaragd?« Er lächelte über meine Empörung und schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er sanft, »ich musste zurück. Aye, ich hätte eine Weile im Moor leben können – halb verhungert und nackt, doch ich wäre vielleicht zurechtgekommen. Aber sie waren hinter mir her, Sassenach, und zwar unerbittlich, weil sie dachten, ich wüsste vielleicht, wo das Gold versteckt ist. Keine Kate in der Gegend von Ardsmuir wäre vor den Engländern sicher gewesen, solange ich frei war und dort hätte Zuflucht suchen können. Und ich weiß, wie die Engländer Menschen jagen, aye?«, fügte er hinzu, und seine Stimme bekam einen härteren Unterton. »Du hast doch sicher die Holzvertäfelung unten im Eingangsflur gesehen?«

Das hatte ich, eins der glänzenden Eichenpaneele unten im Flur war eingetreten worden, vielleicht von einem schweren Stiefel, und die Wandvertäfelung war von der Tür bis zur Treppe mit einem Zickzackmuster aus Säbelnarben gezeichnet.