»Wir lassen es so, damit es nicht vergessen wird«, sagte er. »Um es den Kindern zu zeigen und ihnen, wenn sie fragen, zu sagen – so sind sie, die Engländer.«
Der unterdrückte Hass in seiner Stimme traf mich tief in die Magengrube. Nach allem, was ich über die Taten der englischen Armee in den Highlands wusste, gab es herzlich wenig, was ich ihm hätte entgegnen können. Ich sagte nichts, und nach einigen Sekunden fuhr er fort.
»Ich wollte die Menschen rings um Ardsmuir nicht dieser Art von Aufmerksamkeit aussetzen, Sassenach.« Bei dem Wort »Sassenach« drückte seine Hand die meine, und sein Mundwinkel verzog sich zu einem kleinen Lächeln. Sassenach mochte ich für ihn sein, aber ich zählte nicht zu den Engländern.
»Außerdem«, fuhr er fort, »hätte man mich nicht ergriffen, wäre die Jagd vermutlich hierher zurückgekehrt – nach Lallybroch. Selbst wenn ich die Menschen von Ardsmuir in Gefahr gebracht hätte, meine Familie niemals. Und auch sonst …« Er brach ab und schien um Worte zu ringen.
»Ich musste zurück«, sagte er langsam. »Und sei es nur um meiner Männer willen.«
»Die Männer im Gefängnis?«, sagte ich überrascht. »Waren denn Männer aus Lallybroch mit dir dort in Haft?«
Er schüttelte den Kopf. Die kleine senkrechte Falte, die zwischen seinen Augenbrauen erschien, wenn er angestrengt nachdachte, war selbst im Zwielicht zu sehen.
»Nein. Sie kamen überall aus den Highlands – fast aus allen Clans. Nur ein paar Männer aus jedem Clan – die kläglichen Überreste. Umso mehr brauchten sie einen Anführer.«
»Und das bist du für sie gewesen?«, fragte ich sanft und unterdrückte den Impuls, die Falte mit den Fingern glatt zu streichen.
»Einen besseren hatten sie ja nicht«, sagte er mit dem Hauch eines Lächelns.
Er war aus dem Schoß seiner Familie und seiner Pachtbauern gekommen, von deren Kraft er jahrelang gezehrt hatte, und hatte eine Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit angetroffen, die einen Menschen schneller töten konnte als die Feuchtigkeit, der Schmutz und das fiebrige Frösteln des Kerkers.
Und so hatte er sich jener kläglichen Überreste angenommen, der verstoßenen Überlebenden des Feldes von Culloden, und hatte sie sich zu eigen gemacht, damit sie auch die Steine von Ardsmuir überlebten. Mit Vernunft und Charme, wo möglich, mit Gewalt, wo nötig, hatte er sie zu einer Gemeinschaft geschmiedet, die den Kerkermeistern wie ein Mann gegenübertreten konnte, die die alten Clanrivalitäten und -bündnisse beiseitelegte und ihn als ihren Anführer betrachtete.
»Sie waren die Meinen«, sagte er leise. »Sie zu haben, hat mich am Leben erhalten.« Doch dann waren sie ihm genommen worden, waren sie einander genommen worden, auseinandergerissen und als Leibeigene in die Fremde geschickt worden. Und er hatte sie nicht davor bewahren können.
»Du hast für sie getan, was du konntest. Aber jetzt ist es vorbei«, sagte ich leise.
Lange lagen wir uns schweigend in den Armen und ließen die kleinen Geräusche des Hauses über uns hinwegspülen. Anders als die behagliche Geschäftigkeit des Bordells kündete das leise Knarzen und Seufzen von Stille, von Heimat und von Sicherheit. Zum ersten Mal waren wir wirklich miteinander allein, fern von Gefahr und Ablenkung.
Jetzt hatten wir Zeit. Zeit, den Rest der Geschichte über das Gold zu hören, zu hören, was er damit gemacht hatte, herauszufinden, was aus den Männern aus Ardsmuir geworden war, Spekulationen über den Brand in der Druckerei anzustellen, über Ians einäugigen Seemann, die Begegnung mit dem Zoll Seiner Majestät an der Küste von Arbroath, zu entscheiden, was wir als Nächstes tun sollten. Und da wir Zeit hatten, war es jetzt nicht nötig, über irgendeins dieser Dinge zu sprechen.
Der letzte Torfziegel zerbrach im Kamin und fiel auseinander, und sein glühendes Inneres zischte rot in der Kälte auf. Ich schmiegte mich enger an Jamie und vergrub mein Gesicht an seinem Hals. Er schmeckte schwach nach Gras und Schweiß mit einer Spur von Brandy.
Auch er rückte so auf mich zu, dass unsere nackten Körper der Länge nach aneinanderlagen.
»Was, schon wieder?«, murmelte ich belustigt. »Ein Mann in deinem Alter sollte es nicht so schnell wieder tun.«
Seine Zähne knabberten sanft an meinem Ohrläppchen. »Du tust es doch auch, Sassenach«, führte er an. »Und du bist älter als ich.«
»Das ist etwas anderes«, sagte ich und keuchte leise, als er sich plötzlich auf mich schob, so dass seine Schultern das hellere Fenster verdeckten. »Ich bin eine Frau.«
»Und wenn du keine Frau wärst, Sassenach«, versicherte er mir und machte sich ans Werk, »würde ich es ja auch nicht tun. Und jetzt sei still.«
Ich erwachte kurz nach dem Morgengrauen, weil der Rosenstrauch am Fenster kratzte und unten in der Küche das gedämpfte Pochen und Scheppern der Frühstücksvorbereitungen zu hören war. Ich warf einen Blick über Jamies schlafende Gestalt hinweg und sah, dass das Feuer erloschen war. Ich glitt aus dem Bett, leise, um ihn nicht zu wecken. Die Bodendielen unter meinen Füßen waren eisig, und ich griff zitternd nach dem erstbesten Kleidungsstück.
In Jamies Hemd gehüllt, kniete ich mich vor den Kamin und machte mich an die mühsame Arbeit, das Feuer wieder anzuzünden. Sehnsüchtig dachte ich dabei, dass ich eine Schachtel Streichhölzer auf die kurze Liste der Gegenstände hätte setzen können, die ich für mitnehmenswert gehalten hatte. Funken auf einem Feuerstein zu schlagen, um Zunder in Brand zu setzen, funktioniert zwar, aber normalerweise nicht beim ersten Mal. Oder beim zweiten. Oder …
Etwa beim Dutzendsten Versuch wurde ich durch einen kleinen schwarzen Fleck auf dem Stückchen Werg belohnt, das ich zum Anzünden benutzte. Er breitete sich sofort aus und erblühte zu einer kleinen Flamme, die ich hastig, aber vorsichtig unter das Zelt aus Zweigen schob, das ich vorbereitet hatte, um die aufkeimende Flamme vor dem kalten Luftzug zu schützen.
Ich hatte das Fenster in der Nacht einen Spalt offen gelassen, um nicht durch den Rauch erstickt zu werden – Torffeuer brannten zwar heiß, aber dumpf und mit viel Qualm, wovon auch die geschwärzten Balken über uns zeugten. Doch im Moment, so fand ich, konnten wir auf frische Luft verzichten – zumindest, bis ich das Feuer ordentlich entfacht hatte. Die Scheibe war an der Unterkante mit einem Hauch von Frost überzogen; der Winter war nicht mehr weit. Die Luft war so frisch, dass ich innehielt, ehe ich das Fenster schloss, und in tiefen Zügen abgestorbenes Laub, getrocknete Äpfel, kalte Erde und feuchtes, süßes Gras einatmete. Die Szene im Freien war perfekt in ihrer stillen Klarheit, Steinmauern und dunkle Kiefern wie schwarze Federstriche vor der grauen Wolkendecke des Morgens.
Eine Bewegung zog meinen Blick zum Gipfel des Hügels, wo der unbefestigte Weg zum Dorf Broch Mordha verlief, das zehn Meilen entfernt lag. Drei kleine Highlandponys kamen nacheinander über die Anhöhe und steuerten bergab auf das Anwesen zu.
Sie waren zu weit entfernt, als dass ich ihre Gesichter hätte ausmachen können, doch ich konnte an ihren wehenden Röcken erkennen, dass alle drei Reiter Frauen waren. Vielleicht waren es ja die Mädchen – Maggie, Kitty und Janet –, die von Jamie junior zurückkamen. Sein Namensvetter würde sich freuen, sie zu sehen.
Ich zog das Hemd, das nach Jamie roch, zum Schutz vor der Kälte fest um mich und beschloss, die letzten zurückgezogenen Momente, die uns an diesem Morgen noch bleiben würden, zu nutzen, indem ich im Bett auftaute. Ich schloss das Fenster und hob dann noch ein paar der leichten Torfziegel aus dem Korb am Kamin, um mein heranwachsendes Feuer vorsichtig damit zu nähren, ehe ich das Hemd auszog und unter die Decken kroch, wo meine tauben Zehen, über die herrliche Wärme entzückt, zu kribbeln begannen.
Jamie spürte die Kühle meiner Rückkehr und drehte sich mir instinktiv zu, nahm mich zielsicher in die Arme und schmiegte sich von hinten an mich. Verschlafen rieb er sein Gesicht an meiner Schulter.
»Gut geschlafen, Sassenach?«, murmelte er.
»Wie noch nie«, versicherte ich ihm und drückte meinen kalten Hintern in die warme Mulde seiner Oberschenkel. »Du?«