Ich schaffte es noch, das Kleid aufzuheben, dann ließ ich mich auf das Bett sacken und saß am ganzen Körper zitternd da, den grünen Wollberg auf den Knien.
Ich konnte nicht geradeaus denken. Meine Gedanken drehten sich in kleinen Kreisen um die eine zentrale Tatsache: Er war verheiratet. Mit Laoghaire! Und er hatte eine Familie. Und doch hatte er um Brianna geweint.
»Oh, Brianna!«, sagte ich laut. »O Gott, Brianna!«, und begann zu weinen – teils vor Erschütterung, teils, weil ich an Brianna denken musste. Es war zwar nicht logisch, aber diese Entdeckung schien mir genauso sehr Verrat an ihr zu sein wie an mir – oder auch an Laoghaire.
Der Gedanke an Laoghaire verwandelte die Erschütterung und den Schmerz sekundenschnell in Wut. Ich rieb mir mit einem Zipfel des grünen Wollkleids so fest über das Gesicht, dass es beinahe wund wurde.
Zum Teufel mit ihm! Wie konnte er es wagen? Wieder zu heiraten, weil er mich für tot hielt, war eine Sache. Das hatte ich halb erwartet, halb befürchtet. Aber diese Frau zu heiraten – dieses hasserfüllte, hinterhältige Biest, das in Leoch versucht hatte, mich umzubringen … aber das wusste er doch vermutlich gar nicht, sagte eine leise Stimme der Vernunft in meinem Hinterkopf.
»Nun, er hätte es aber wissen sollen!«, sagte ich. »Verdammt, wie konnte er sie nur nehmen?« Tränen rollten mir haltlos über das Gesicht, heiße Ströme des Verlustes und der Wut, und meine Nase lief. Ich suchte nach einem Taschentuch, fand keins und putzte mir schließlich in meiner Verzweiflung die Nase an einem Zipfel des Bettlakens.
Es roch nach Jamie. Schlimmer noch, es roch nach uns beiden und zeugte immer noch schwach von unserer Lust. Ich hatte eine kleine kribbelnde Stelle an der Innenseite meines Oberschenkels, wo mich Jamie vor ein paar Minuten gebissen hatte. Ich schlug heftig mit der flachen Hand auf die Stelle, um das Gefühl zu betäuben.
»Lügner!«, schrie ich. Ich packte den Krug, den Laoghaire nach mir zu werfen versucht hatte, und schleuderte ihn selbst vor die Tür. Er zersprang krachend in tausend Splitter.
Ich stand in der Mitte des Zimmers und lauschte. Es war still. Von unten kam kein Geräusch; niemand näherte sich, um nachzusehen, woher der Krach gekommen war. Vermutlich waren sie alle viel zu sehr damit beschäftigt, Laoghaire zu trösten, um sich meinetwegen Gedanken zu machen.
Lebten sie hier in Lallybroch? Mir fiel wieder ein, wie Jamie Fergus beiseitegenommen und ihn vorausgeschickt hatte, angeblich, um Ian und Jenny mitzuteilen, dass wir unterwegs waren. Und vermutlich auch, um sie vorzuwarnen und Laoghaire vor meiner Ankunft aus dem Weg zu schaffen.
Was in Gottes Namen dachten sich Jenny und Ian nur dabei? Sie mussten von Laoghaire wissen – und doch hatten sie mich gestern willkommen geheißen, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Aber wenn man Laoghaire fortgeschickt hatte – warum war sie zurückgekommen? Ich bekam Kopfschmerzen, wenn ich nur versuchte, darüber nachzudenken.
Nach meinem Wutausbruch war ich zumindest wieder in der Lage, meine zitternden Finger zu kontrollieren. Mit dem Fuß schleuderte ich das Korsett in eine Ecke und zog mir das grüne Kleid über den Kopf.
Ich musste hier fort. Das war der einzige halbwegs klare Gedanke in meinem Kopf, und ich klammerte mich daran fest. Ich musste gehen. Ich konnte nicht bleiben, nicht, solange Laoghaire und ihre Töchter im Haus waren. Sie gehörten hierher – ich nicht.
Diesmal gelang es mir, die Strumpfbänder festzubinden und das Kleid zuzuschnüren, die Häkchen des Überrocks zu verschließen und meine Schuhe zu finden. Der eine lag unter dem Waschtisch, der andere vor dem gewaltigen Eichenschrank. Ich hatte sie gestern Abend achtlos beiseitegetreten, weil ich es kaum erwarten konnte, in das einladende Bett zu kriechen und mich in Jamies wärmende Arme zu schmiegen.
Ich erschauerte. Das Feuer war wieder erloschen, und ein eisiger Luftzug kam vom Fenster her. Trotz meiner Kleider fror ich bis ins Mark.
Ich verschwendete einige Zeit damit, nach meinem Umhang zu suchen, bis ich begriff, dass er unten war; ich hatte ihn gestern in der Stube zurückgelassen. Ich schob mir die Finger durch das Haar, war aber zu aufgewühlt, um nach einem Kamm zu suchen. Meine Locken knisterten elektrisch, weil ich das Wollkleid darüber gezogen hatte, und ich schlug gereizt nach den verirrten Haaren, die mir im Gesicht klebten.
Fertig. Zumindest, soweit es ging. Ich hielt inne, um mich ein letztes Mal umzusehen, dann hörte ich Schritte über die Treppe kommen.
Nicht schnell und leichtfüßig wie die Schritte vorhin. Sie waren schwerer und langsam, bedächtig. Ohne ihn zu sehen, wusste ich, dass es Jamie war – und dass es ihn nicht drängte, mich zu sehen.
Schön. Ich wollte ihn genauso wenig sehen. Besser, einfach sofort zu gehen, ohne weitere Worte. Was gab es auch zu sagen?
Ich wich zurück, als sich die Tür öffnete, merkte es aber erst, als meine Beine an die Bettkante stießen. Ich verlor das Gleichgewicht und setzte mich hin. Jamie blieb in der Tür stehen und sah mich an.
Er hatte sich rasiert. Das war das Erste, was mir auffiel. Wie Ian tags zuvor hatte auch er sich hastig rasiert, sich das Haar gebürstet und sich gewaschen, ehe er sich der Situation stellte. Er schien genau zu wissen, was ich dachte; der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht hinweg, und er rieb sich das frisch geschabte Kinn.
»Meinst du, es hilft?«, fragte er.
Ich schluckte und leckte mir die trockenen Lippen, antwortete aber nicht. Er seufzte und gab sich die Antwort selbst.
»Nein, vermutlich nicht.« Er trat ins Zimmer und schloss die Tür. Einen Moment stand er unentschlossen da, dann kam er auf das Bett zu, eine Hand nach mir ausgestreckt. »Claire –«
»Fass mich nicht an!« Ich sprang auf und wich ihm aus, indem ich seitwärts auf die Tür zusteuerte. Er ließ die Hand an seine Seite fallen, doch er trat vor mich hin und verstellte mir den Weg.
»Darf ich es denn nicht erklären, Claire?«
»Dafür scheint es mir ein bisschen spät zu sein«, sagte ich, und eigentlich sollte es kalt und verächtlich klingen. Unglücklicherweise bebte meine Stimme.
Er schob die Tür hinter sich zu.
»Du bist doch früher nicht unvernünftig gewesen«, sagte er leise.
»Sag du mir nicht, was ich früher gewesen bin!« Die Tränen lauerten viel zu dicht unter der Oberfläche, und ich biss mir auf die Lippe, um sie zu unterdrücken.
»Also schön.« Sein Gesicht war sehr blass; die drei Kratzer, die ihm Laoghaire zugefügt hatte, malten sich deutlich als rote Streifen auf seiner Wange ab.
»Ich lebe nicht mit ihr zusammen«, sagte er. »Sie und die Mädchen leben in Balriggan, in der Nähe von Broch Mordha.« Er beobachtete mich genau, doch ich sagte nichts. Er zuckte leicht mit den Schultern, um sich das Hemd zurechtzurücken, dann fuhr er fort.
»Es war ein großer Fehler – die Ehe zwischen uns.«
»Mit zwei Kindern? Das hat aber gedauert, bis du es begriffen hast, wie?«, entfuhr es mir.
Seine Lippen pressten sich fest aufeinander.
»Die Mädchen sind nicht von mir; Laoghaire war verwitwet und hatte zwei Kinder, als ich sie geheiratet habe.«
»Oh.« Eigentlich änderte das nichts, doch ich empfand trotzdem eine Art Erleichterung um Briannas willen. Immerhin war sie das einzige Kind in Jamies Herzen, selbst wenn ich …
»Ich lebe schon seit einiger Zeit nicht mehr mit ihnen zusammen; ich wohne in Edinburgh und schicke ihnen Geld, aber …«
»Du brauchst es mir nicht zu erzählen«, unterbrach ich ihn. »Es ist gleichgültig. Lass mich vorbei, bitte – ich gehe.«
Seine dichten roten Augenbrauen zogen sich abrupt zusammen.
»Wohin?«
»Zurück. Fort. Ich weiß es nicht – lass mich vorbei.«
»Du gehst nirgendwohin«, sagte er entschieden.
»Du kannst mich nicht aufhalten!«
Er streckte die Hände aus und packte mich bei beiden Oberarmen.
»Aye, das kann ich«, sagte er. Er hatte recht; ich versuchte zwar mit aller Kraft, ihm meine Arme zu entreißen, doch ich konnte seine Umklammerung nicht lösen.